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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Führ' Dich auf wie Sau - und Du wirst meinetwegen auch Präsident

Kommen wir heutzutage mit schlechtem Benehmen weiter? stern-Autorin Laura Karasek stellt sich diese Frage und wünscht sich, dass lieb sein wieder Liebe bringt.

Von Laura Karasek

Wie weit kann man heute eigentlich mit schlechtem Benehmen kommen?

Wie weit kann man heute eigentlich mit schlechtem Benehmen kommen?

In sozialen Netzwerken wird unanständig gehetzt, hasserfüllt gepöbelt oder auch mal ungerechtfertigt euphorisch gelobt. Gibt es noch echte Gefühle? Oder nur noch Emoticons? Herzchen fliegen und flattern über den Bildschirm für jede noch so belanglose Nachricht, pastellfarbene Kaffeetassen, dekorierte Avocados, schlafende Katzen, gähnende Hunde, Hamster, Leguane - andererseits Beschimpfungen für jede auch nur entfernt politische oder gar intellektuelle Äußerung. Haltung ist out, Milchschaum ist in. Laktosefrei ist ja auch schon wieder out – wie ich neulich in Berlin schmerzhaft feststellen musste, als ich einen Soja-Latte bestellte und angeschaut wurde, als hätte ich Eier aus der Legebatterie bestellt. Unanständig!

Aber wo ist er denn, dieser Anstand, wenn es um das Miteinander geht? Wenn einer Dame über 60 mit ihrem Arm in der Schlinge von einer Schulter-OP niemand mehr im Zug beim Tragen der Tasche hilft? Alle starren aufs . Niemand reicht einem die Hand. Wo ist sie, die Rücksichtnahme, wenn eine Hochschwangere durch die Gänge der U-Bahn geschubst wird und Halbstarke nicht mehr aufstehen, um ihr einen Platz anzubieten? Und haben Sie schon mal versucht, mit zwei kleinen Kindern zu fliegen? Sie werden von den anderen Passagieren angesehen, als ob Sie eine sehr ansteckende Hautkrankheit hätten – neben ihnen will jedenfalls niemand mehr sitzen und ihre Nachbarn tauschen freiwillig den Gangplatz gegen den Platz in der Mitte neben zwei Zwiebelmett-Brot essenden betrunkenen Engländern mit Bieratem.

Wir haben keine Idole mehr

Aber wir haben ja auch keine Idole mehr, keine Vorbilder. Führ Dich auf wie Sau – und Du wirst... meinetwegen auch Präsident.

Zudem hat die Theatralik Hochkonjunktur: "Ich habe heute zwei Kniebeugen geschafft! Und mein Quinoa-Chia-Hanf-Müsli selbst zubereitet. Ich habe mir heute SELBST und ganz allein eine Sushi Rolle im Restaurant bestellt. Ich habe ein Salatblatt dekorativ neben ein Radieschen gelegt! Hey, ich kann Rechtschreibung: habe meinen Namen gerade fehlerfrei in den Sand geschrieben. Ich danke meiner Familie, Gott, meinen Kollegen und Wegbegleitern und allen, die immer an mich geglaubt und mich unterstützt haben." Als hätte man einen Nobelpreis gewonnen. Jeder verkauft und fühlt sich als Star. Aufmerksamkeit ist Trumpf. Oder eben Trump. Lieber ein schlechter Tag als ein schlechter Hashtag. Was soll uns der Milchschaum mit dem Herzen eigentlich mitteilen? Erstens: "Ich bin superrelaxed und habe frei, ihr arbeitenden Idioten!" Zweitens: "Ich bin superbusy und trinke den ganzen Tag Kaffee, um mich in meinem krassen Job zu konzentrieren." Drittens: "Ich habe Verstopfung und brauche was zur Verdauung und hoffe, dass ich gleich aufs Klo kann (Emoticon und Foto dazu folgen sogleich)."

Ich beobachte selbst Eltern, die mit ihren Kindern nur noch mit Emoticons kommunizieren. Früher hat doch das Schreiben Spaß gemacht, die Bilderrätsel, die Wortspiele. Heute gibt es nur einen lachenden Smiley oder ein pulsierendes Herz. "Papa, ich bin grad vom Fahrrad gefallen und liege jetzt mit gebrochenem Arm im Krankenhaus." - Trauriger Smiley, Daumen runter. "Mama, ich habe das Abitur bestanden." – Ein Motiv mit Sektglas. Und am Ende wundern sich alle, warum das Kind so schlecht in Deutsch – und so enttäuscht von den Eltern – ist.

Der Grat zwischen Romantik und Kitsch ist schmal 

Ist es denn so schlecht, heutzutage gebildet, aufmerksam, lieb zu sein? "Ach, der war mir einfach zu lieb!" sagen viele Frauen und suchen sich dann einen, der sie ignoriert oder versetzt. Die Herausforderung! Das Zähmen! Ja, das macht uns am meisten Spaß. Und wenn uns einer schreibt: "Schlaf gut, meine wunderschöne Blume. Ich nehme Dich mit zu den Sternen!" Dann denken wir: "Du Depp, ich bin ein Kaktus und nimm mich lieber mit in eine Schnapsbar."

Immer noch besser als "Hey, kennen wir uns nicht von irgendwo her?!" – "Ja- und seitdem gehe ich da nicht mehr hin."

Wie schmal der Grat zwischen Romantik und Kitsch ist, zwischen Anbiedern und Hofieren, zwischen Hochmut und Demut – heute gibt es kaum noch das richtige Maß. Es wäre ja auch theoretisch leichter, sich im Nachhinein für einen Fehler zu entschuldigen als im Vorhinein um Erlaubnis zu bitten. Problem ist nur: heute entschuldigt sich keiner. Nein, öffentlich wird ja von allen auch gegen alle Regeln verstoßen!

Niedertracht ist besser als eine vermeintliche Niederlage. Also machen wir mit, wir wollen uns wehren, auch nicht zu kurz kommen in dieser von Inszenierungen und Rücksichtslosigkeiten lebenden Welt. Wir fangen an, Satzzeichen wegzulassen und versenden nur noch ein Weinglas-Symbol mit einem Fragezeichen, wenn wir einen Freund zum Drink treffen wollen. Oder einen Hammer, wenn wir jemandem ein Kompliment machen wollen. Für Heiratsanträge reicht schon das Symbol mit dem Ring aus. Wir hören auf, uns Mühe zu geben – weil niemand für uns aufgestanden ist, als wir schwanger oder krank waren. Benehmen, Manieren, ja sogar ein Lächeln kann schon als Schwäche gewertet werden, als Eingeständnis. Wer lacht, bekommt Falten. Wer Falten hat, ist nicht schön. Wer nicht schön ist, ist unbeliebt.

Und geliebt werden wollen wir doch alle. Nur wäre es schön, wenn man uns wieder für die richtigen Dinge lieben würde. Wenn lieb sein wieder Liebe brächte. Wenn schlechtes Benehmen geahndet würde. Wenn Romantik irgendwie wieder süß und heldenhaft wäre. Solidarität kommt nicht von Solo. Und Kaffee ist nur zum Trinken da – nicht zum Fotografieren. 

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