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Leiden ohne Ausweg: Pendler-Wahnsinn

Bitte einsteigen! Fahren Sie mit! Erleben Sie, was Millionen Menschen täglich auf Deutschlands Straßen erdulden, um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen - Stau, Stress, verlorene Lebenszeit. Eigentlich irre. Dennoch: für viele ein Leiden ohne Ausweg.

Von Beate Flemming

Um 4.30 Uhr piepst in Hayingen-Anhausen auf der Schwäbischen Alb, 152 Einwohner, der Wecker von Elisabeth Pfister. In der folgenden Stunde ist die 46-Jährige damit beschäftigt, "meinen corpus delicti zu sammeln", wie sie das nennt. Duschen, eine Tasse Kaffee, bloß nicht den Firmenausweis vergessen. Spätestens um halb sechs steigt sie in ihren schwarzen Golf. 90 Kilometer liegen zwischen ihrem sonnengelben Landhaus mit den Sprossenfenstern und ihrem Schreibtisch in der Personalabteilung der Bosch GmbH in Gerlingen bei Stuttgart. Landstraße, Bundesstraße, Autobahn. "Ich muss unbedingt vor sieben Uhr auf der B 27 sein, sonst kann ich da jedem Grashalm einzeln einen guten Morgen wünschen", sagt Elisabeth Pfister. Oft gelingt ihr das. Weil aber widrige Umstände schon dafür gesorgt haben, dass sie mal viereinhalb Stunden für die Strecke gebraucht hat, klemmt hinter dem Fahrersitz eine große Strandtasche mit Decke, Vesper und Zahnbürste: "mein Notfallkoffer". Im Autoradio steckt eine CD "Learning english with the groove", manchmal auch eine CD mit dem neuen Stück, das sich die Stadtkapelle Hayingen gerade vornimmt. Dazu trötet die Hornistin Pfister mit dem Mundstück ihren Part, "und die anderen Autofahrer im Stau denken wahrscheinlich: Die ist aber sehr wunderlich".

Dabei ist das, was Elisabeth Pfister macht, der ganz normale Wahnsinn. Mehr als zwei Drittel der Berufspendler benutzen für ihren Arbeitsweg das Auto, stellte das Statistische Bundesamt fest. Meistens fahren sie allein. Mehr als acht Millionen legen höchstens 21 Kilometer zu ihrer Arbeitsstelle zurück. Fünf Millionen zwischen 21 und 40 Kilometer. Weitere 2,9 Millionen fahren 41 Kilometer und mehr. Dank der Gleitzeit beginnt der Wahnsinn in Deutschland spätestens morgens ab halb acht: A 1 Lübeck Richtung Hamburg, A 3 Oberhausen Richtung Köln, A 3 Nürnberg Richtung Würzburg, A 40 Duisburg Richtung Essen, A 5 Darmstadt Richtung Frankfurt, A 8 Karlsruhe Richtung Stuttgart, A 6 Heilbronn Richtung Mannheim: dichter Verkehr, stockender Verkehr, nichts geht mehr. Zu einer 170 Kilometer langen Schlange summieren sich die Staus an einem durchschnittlichen Republik-Mittwoch zwischen acht und zehn Uhr, feierabends um sechs sind es noch mal 168 Kilometer. 200.000 Staus blockieren jährlich die Republik. Kein speziell deutsches Phänomen: Die EU-Kommission taxiert den jährlich durch Stau verursachten Schaden auf zwölf Milliarden Euro. Die Aktivität des Großhirns nimmt beim Pendeln ab, fand Verkehrsforscher Michael Schreckenberg von der Uni Duisburg-Essen heraus. Und arbeitsrechtlich riskieren die Pendler sogar eine Abmahnung bei Verspätung.

Das Übel begann mit der Industrialisierung

Vielleicht ist ja "Mobilität ein Grundbedürfnis der Menschheit", wie der BMW-Aufsichtsratsvorsitzende Joachim Milberg behauptet hat. Anscheinend sind die Spritpreise immer noch zu niedrig. Und bestimmt sind die Deutschen selbst schuld mit ihrem Hang zum Häuschen im Grünen. Eine Leidenschaft, die der Staat jahrzehntelang förderte mit der mittlerweile abgeschafften Eigenheimzulage. Zwischen vier und fünf Milliarden Euro schenkte er zuletzt jährlich seinen Pendlern mit der bereits 1955 eingeführten "Kilometerpauschale". Das Übel begann mit der Industrialisierung, der räumlichen Trennung von Arbeit und Wohnen. Heerscharen von Arbeitern begaben sich frühmorgens auf lange Fußmärsche in die Fabriken, wanderten abends müde zurück in ihre Behausungen. Heute, in Zeiten der zunehmenden Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, ist es nicht viel anders. Zeitarbeit, Standortverlagerungen, Zweijahresverträge: Die Bereitschaft zur Mobilität, in den 70er Jahren Karrieristen und Akademikern abverlangt, ist heute auch für immer mehr Menschen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen Arbeitsbedingung. Mobil zu sein bedeutet nicht mehr nur, nach oben zu kommen, sondern auch, sich abzustrampeln, um nicht nach unten zu fallen. Die Betroffenen drücken aufs Gas. Als zumutbarer Zeitaufwand für den Arbeitsweg gelten laut Bundesagentur für Arbeit 150 Minuten.

Schleppte noch in den Sechzigern der Alleinverdiener seine Familie auf dem Weg nach oben kreuz und quer durch die Republik, schleppt er heute seine Kisten zusehends allein von Single-Wohnung zu Single-Wohnung und pendelt am Wochenende nach Hause. Auch die Partnerinnen haben Jobs, und die Kinder haben Mitspracherecht. Als "Familiengift" bezeichnet der Soziologe Ulrich Beck die Mobilität. "Immer mehr Menschen gelingt es nicht, Berufserfolg und Familie zu vereinbaren", so der Soziologe Norbert F. Schneider, der Verhalten und Befindlichkeit von Pendlern untersuchte. Eine der bemerkenswertesten Erkenntnisse: Die Pendler sind dann am zufriedensten, wenn sie erstens mit dem Auto fahren und zweitens jeden Tag nach Hause können. Die Vorstellung, dass der Trip in Bus und Bahn zur Arbeit entspannender ist, weil man die Zeit besser nutzen kann, hält die Pendler nicht vom Auto fern: Die Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel sind nicht weniger gestresst. Sie fühlen sich ausgeliefert, besonders bei Verspätungen. Und die gehören bekanntlich zum Alltag.

Sie lernte große Schritte zu machen

Elisabeth Pfister verbringt bis zu 20 Stunden pro Woche auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause. "Natürlich denke ich manchmal, das ist verlorene Zeit", sagt sie. Aber sie hat noch nie daran gedacht, näher an ihren Arbeitsplatz zu ziehen - aus Liebe zur Heimat und zu ihrem Mann, einem selbstständigen, heimatverbundenen Klarinettenlehrer. "Außerdem bin ich das Pendeln seit Kindestagen gewöhnt." Schon zur Grundschule fuhr das Bauernkind mit dem Bus, und ab Klasse fünf "habe ich gelernt, große Schritte zu machen". Um fünf nach zwölf war Schulschluss, pünktlich um zehn nach zwölf fuhr unten am Bahnhof der einzige Bus des Tages zurück nach Anhausen. Die einzige Möglichkeit, einen Job in der Umgebung zu bekommen, hätte bedeutet, den landwirtschaftlichen Betrieb der Eltern zu übernehmen. Dass sich das nicht lohnt, war Elisabeth Pfister schon mit 13 klar. Karge, mit Steinen gespickte Äcker, die die Älbler Teufelsschädel nennen, lange, raue Winter, mühselige Viehwirtschaft, Abrackern ohne Urlaub. Nur noch ein Landwirt ist in Anhausen übrig geblieben, die anderen Bauernkinder haben die Ställe mit viel Glas in lichte Eigenheime umgebaut - und pendeln.

Auch Elisabeth Pfisters Söhne Lukas und Philipp fahren jeweils 60 Kilometer zur Arbeit. Jetzt, da die Kinder größer sind, könnte sie unter der Woche eine kleine Wohnung in Büronähe nehmen, stattdessen verdoppelte Elisabeth Pfister vor ein paar Jahren ihren Anfahrtsweg, indem sie von Bosch Reutlingen (40 Kilometer Fahrtstrecke) zu Bosch in Gerlingen wechselte, weil der ausgeschriebene Job sie reizte und besser bezahlt wird, und das ist nicht unwichtig, denn schon immer ist Elisabeth Pfister die Hauptverdienerin in der Familie. Aus der Sicht von Mietern einer City- Wohnung mit U-Bahn-Anschluss mag die Schwäbin verrückt sein, die Gesamtsicht auf die Bundesrepublik rückt sie Richtung Normalität. 75,8 Prozent beträgt zum Beispiel die Auspendlerquote im Landkreis Fürth. Überhaupt verlassen 62,6 Prozent der Bayern für die Arbeit ihren Wohnort. Das Institut für Arbeitsmarkt-und Berufsforschung (IAB) führt den Main-Taunus-Kreis als mobilsten Landkreis Hessens auf: Allmorgendlich kehren ihm 68 Prozent der erwerbstätigen Einwohner den Rücken, gleichzeitig werden knapp 66 Prozent der Arbeitsplätze im Kreis von Auswärtigen besetzt, die sich ihnen entgegenstauen. "Mobilität darf keinen Raubbau auf Kosten von Mensch und Natur verursachen", fordert das Bundesverkehrsministerium auf seiner Homepage und verspricht ein paar Zeilen weiter: "Wir sichern Mobilität und bewältigen zugleich ihre negativen Auswirkungen."

Wecken lässt sie sich von Verkehrsmeldungen im Radio

Wie uneinlösbar dieses Versprechen ist, lässt sich alltäglich in der Region Stuttgart besichtigen. Mit 729 Einwohnern pro Quadratkilometer eine der am dichtesten besiedelten Regionen der Republik. Mit den Hauptwerken von Daimler und Porsche eine traditionell autofreundlich aufgestellte Landschaft. Rund 2,7 Millionen Einwohner fasst das Ballungsgebiet. Durchschnittlich 2,2 Hektar Land werden pro Tag verbaut. Von Geislingen bis Bietigheim zieht sich ein 90 Kilometer langer Siedlungsstreifen, unterbrochen nur durch "Grünzäsuren". 1950 begnügte sich der Durchschnittseinwohner noch mit 20 Quadratmeter Wohnfläche, heute sind es 40 - macht für die vierköpfige Familie 160 Quadratmeter, klassisches Reihenhaus mit ausgebautem Dachgeschoss. Britta Seeg, 36, keine Kinder, besitzt zusammen mit ihrem Mann eine Vierzimmerwohnung in Bad Boll, 56 Kilometer Fahrtstrecke zur EnBW in die Stuttgarter City, fünf Gehminuten vom Hauptbahnhof. Ihr Peugeot 307 Diesel schafft 1.150 Kilometer mit einer Tankfüllung. Der "Notfallkoffer" ist immer dabei, bei ihr sind auch Wanderstiefel drin. Denn sie muss abends wieder auf die A 8 Stuttgart–München. "Sollte nichts mehr gehen, fahre ich Kirchheim raus und laufe die paar Kilometer nach Hause." Einmal entkam sie so einem der vielen Jahrhundertstaus, 20 Stunden Stillstand wegen Schneefalls. Die erste Schneeflocke der Wintersaison, und Britta Seeg cancelt noch von zu Hause aus alle Termine, fährt los, als das Schlimmste vorbei ist. Wecken lässt sie sich von Verkehrsmeldungen im Radio.

Nach Stuttgart ziehen? Nein, denn ihr Mann fährt morgens in entgegengesetzte Richtung nach Ulm. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit? "Da müsste ich erst den Bus nach Göppingen nehmen und dann den Zug nach Stuttgart, aber wenn der Bus verspätet ist, und das ist er bei schlechtem Wetter eigentlich immer, dann verpasse ich den Zug." Außerdem mag Britta Seeg in Bus und Bahn "die schniefenden Leute" nicht, die "böse vor sich hinstieren". Zum Glück für sie baut ihr Arbeitgeber gerade an seinem neuen Firmensitz. Der Umzug wird ihre Fahrzeit um 20 Minuten verkürzen. Und auch der Mann tritt demnächst eine neue Stelle in Stuttgart-Bad Cannstatt an. Theoretisch könnten sie dann zusammen zur Arbeit fahren. "Aber das wird wohl nicht klappen, weil doch einer immer mal länger arbeiten muss als der andere." Aber lohnt sich dann nicht ein Umzug? Die Wohnorte rund um den Flughafen gehören zu den teuersten Pflastern der Republik, der Quadratmeter kostet fast doppelt so viel wie in Bad Boll. Außerdem "fühlen wir uns dort sehr wohl".

Der Mensch sehnt sich nach Abhängigkeit

Sechs bis acht Umzüge ab Berufsstart, so eine Emnid- Umfrage, gehören heutzutage zur Erwerbsbiografie. Aber die Bereitschaft, wegen des Arbeitsplatzes umzuziehen, sinkt ab Mitte 30 signifikant, stellte Soziologe Schneider fest. Was steigt, ist die Bereitschaft, länger zu fahren. Je höher der Bildungsgrad, desto weiter. Am weitesten fahren Ingenieure. Richard Sennett, Soziologe an der London School of Economics, analysierte das Problem in seinem Bestseller "Der flexible Mensch". Dieser sehnt sich nach einem Ort, an dem er zu Hause ist, wo er langfristige soziale Beziehungen unterhält: zu Nachbarn, beim Jahrgangsstammtisch, im Sportverein. Oder zu den Eltern - knapp die Hälfte der Deutschen leben am selben Ort wie diese. Kurz: Der Mensch sehnt sich nach Abhängigkeit. Das Gegenteil fordert der Arbeitsmarkt. Die Spanne zwischen diesen Gegensätzen fährt er täglich ab, morgens hin, abends zurück. Flexiblere Arbeitgeber, bewegliche Arbeitszeiten, einen Tag pro Woche von zu Hause aus arbeiten: Das wäre ein wünschenswerter Arbeitgeberbeitrag zur Minderung des Wahnsinns. Bis zum Jahr 2020 wird der Pkw-Verkehr um knapp 20 Prozent zunehmen, der Güterverkehr bis 2015 sogar um 50 Prozent. "Das Auto ist und bleibt das Verkehrsmittel Nummer eins. Die CDU lehnt eine Verteufelung des Autos ab", steht in einem Papier der Partei zur Verkehrslage. Die Lösung: "Autofahren darf nicht zum Luxus werden."

Dabei ist das Problem so groß, dass sich sogar der ADAC, Kämpfer für den Erhalt der Pendlerpauschale und gegen Benzinpreiserhöhungen, neuerdings für die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln engagiert. Vergangenes Jahr nahm der Auto-Lobbyistenverein für den Vergleich Auto gegen Bahn sieben Strecken in Baden-Württemberg unter die Lupe. Ergebnis: Der Autofahrer spart 40 Prozent, wenn er mit der Bahn fährt. Beispielsweise auf der Strecke Aalen–Stuttgart: 3989 Euro kostet sie den Autopendler (Golf Benziner) pro Jahr, die Strecke mit dem parallel fahrenden Regionalzug dagegen nur 1938 Euro. Carolin Vetter, 33, wohnt an dieser Strecke. Der Eilzug, der die Chefsekretärin zu ihrem Arbeitgeber Stihl in Waiblingen bringen könnte, 58 Kilometer entfernt, hält auch in ihrem Dorf Mögglingen. Trotzdem sitzt sie spätestens um 7.15 Uhr in ihrem Golf mit Benzinmotor, der monatlich Sprit im Wert von 260 Euro frisst und in schlechte Luft verwandelt. Wiederholt hat sie schon ihren "zweiten Geburtstag" gefeiert: Wenn ihr mal ein Tanklaster bei Tempo 140 vor die Stoßstange scherte. Oder ein Porsche von hinten mit rund 190 Sachen angeschossen kam. Alles auf einer Strecke, auf der meist nur Tempo 120 erlaubt ist.

"Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten"

Die Rückfahrt am Nachmittag "ist stressiger als die Hinfahrt", weil Carolin Vetter und die anderen "genervter" sind "vom langen Arbeitstag". Vetter klemmt sich dann den Handy-Kopfhörer in die Ohrmuschel, macht Arzttermine aus, plauscht mit der Mutter. Seit zweieinhalb Jahren geht das jetzt schon so. Sie staunt, wie gut sie sich dabei fühlt. Davor wohnte und arbeitete sie in London und New York für die Deutsche Bank, "das Gequetsche in der Tube war auch nicht so toll". Warum jetzt ausgerechnet Mögglingen, ein nebliges Dorf jwd. Weil dort die Mutter des Freundes eine Eigentumswohnung hat, das Paar wohnt mietfrei. "Mit herrlichem Ausblick." Fährt sie abends noch mal los und geht mit den Freunden aus Stuttgart auf die Piste? Klar, aber alkoholfrei, und zwei Stunden weniger Schlaf als die Freunde. "Wenn du irgendwann die Schnauze voll hast", hat Carolin Vetters Freund gesagt, "sag Bescheid: Dann machen wir Kinder." 39 Kilometer legt der Durchschnittsbewohner der Republik, vom Baby bis zum Omchen, pro Tag auf die Straße. Die Pendler heben den Schnitt. Statistisch besitzen Bewohner der Landregionen anderthalbmal so viele Autos wie Stadtbewohner, sie pendeln nicht nur zur Arbeit, sondern auch zur Krankengymnastik, ins Kino, in die weiterführenden Schulen.

Schon für den Nachbarort werden sie zur Belästigung. "15.000 Autos täglich - unerträglich" steht auf einem Schild im Durchgangsdörfchen Michelau mitten im idyllischen Wieslauftal 37 Kilometer nordöstlich von Stuttgart. Dennoch setzten sich dessen Bewohner zusammen mit den anderen betroffenen Gemeinden kürzlich per Bürgerentscheid mehrheitlich gegen eine geplante Umgehungsstraße durch. "Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten", fürchtet man bei der örtlichen Bürgerinitiative. Völlig zu Recht. Klaus Leitz, Revierleiter der Autobahnpolizei Ditzingen, beobachtet und kontrolliert mit 52 Mitarbeitern Baden-Württembergs Stauregion Nummer eins: 1162 Staus im Jahr 2006 auf einem Streckennetz von 51,3 Kilometern. Zwar gibt es in der Bundesrepublik erste Versuche, per Verkehrstelematik Stauteilnehmer auf Ausweichstrecken umzuleiten. Leitz fragt sich allerdings: Wohin? "Auch die Bundes-, Kreis- und Landstraßen können in den Spitzenzeiten keine zusätzlichen Autos aufnehmen."

"Stockend, stockend mit Stillstand, Stau"

Aus seinen Akten schwappt jede Menge Pendler-Frust. 25,6 Prozent der Staus werden durch Unfälle verursacht, 33 Prozent durch Baustellen, 32,6 Prozent durch hohes Verkehrsaufkommen. Meistens kommen mehrere Faktoren zusammen, Baustellen erhöhen die Unfallgefahr, zumal bei dichtem Verkehr und bei schlechtem Wetter sowieso. 2006 gab es allein in Nordwürttemberg 3.222 Verkehrsstaus mit einer Gesamtlänge von 18.351 Kilometern. Mittlerweile, sagt Leitz, gibt es Pilotversuche, bei hohem Verkehrsaufkommen den Standstreifen freizugeben. Freitagnachmittag, die Hubschrauberstaffel der Polizei hebt am Flughafen ab, kreuzt die Anflugbahn. Der Auftrag: Ermittlung der Verkehrslage. "Der Blick aus der Luft ist geeigneter als jeder andere", so der Leiter der Hubschrauberstaffel Volker Erlewein. Die Piloten schießen Unfallbilder aus der Vogelperspektive, schauen nach Umleitungsmöglichkeiten und geben ihre Meldungen an das Verkehrslagezentrum durch.

Leitz’ Revier aus der Luft: eine Ansammlung von großflächigen Industriezonen und Straßen, auf denen Stoßstange an Stoßstange die glitzernde Staukolonne ins Wochenende kriecht. "Stockend, stockend mit Stillstand, Stau", funken die Piloten ihre Zustandsbeschreibung, drehen ab auf die A 8 Richtung Karlsruhe, die derzeit sechsspurig ausgebaut wird. Geben, über die A 6 schwebend, die üblichen 16 Kilometer Stau ab Anschlussstelle Bad Rappenau durch. Aus 100 bis 200 Meter Flughöhe ist nichts zu merken von den Flüchen und dem Frust da unten. "Wir fliegen bewusst so tief, denn der Verkehrsteilnehmer soll uns wahrnehmen", sagt Pilot Uwe Polzin. Der Hubschrauber vermittle den Staugeplagten das Gefühl: "Da kümmert sich jemand um uns."

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