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Wirtschaftskrise: Wie lange geht es uns noch gut?

Die Abgaben steigen, das Nettogehalt sinkt. Für Millionen Deutsche ist die Gehaltsabrechnung in diesem Monat ein Schock. Längst fürchten nicht mehr nur sozial Schwache den Absturz – von der Krise fühlt sich auch die Mittelschicht bedroht.

Der Sprit teurer, die Rentenbeiträge gestiegen, die Gaspreise auch, dazu die Eigenheimzulage in Gefahr, der Dienstwagen bis unter das Dach besteuert - und jetzt auch noch Pfand auf Bierdosen. Kanzler Gerhard Schröder sollte mal einen Ausflug dahin machen, wo Deutschland ganz normal ist. Wo weder Deiche brechen noch Baukonzerne Pleite gehen - sondern die Leute wohnen, für die er angeblich Politik macht. "Die Millionen, die jeden Tag in die Verwaltungen und Fabriken gehen." Dann kann der Kanzler was erleben.

Einfach die A 24 von Berlin bis kurz vor Hamburg fahren, ein paar Kilometer über die Landstraße Richtung Süden, im Kreisverkehr rechts ab: Da liegt Schwarzenbek-Mühlenkamp. Zeitweise Schleswig-Holsteins größtes Neubaugebiet, über 1.000 Wohneinheiten. Kein Slum und kein Villenviertel, sondern laut Eigenwerbung "Stadt der Mitte". Hier also wohnen die Menschen, die die Sozialdemokraten gemeint haben, als sie noch den ganzen Tag von der "Neuen Mitte" redeten. Das sind die Leute, auf die es ankommt.

Und wie geht es ihnen? Zeitungslektüre mache ihn depressiv, meint der 48-jährige Steuerberater Klaus Steincke, der gerade seinen Job verliert. Meistens reicht ihm das lokale Anzeigenblättchen. Er weiß auch so, dass die Konjunktur am Boden liegt, der Konsum stockt, die Börse schwächelt, neue Arbeitsplätze nicht in Sicht sind und Politikern die Wahrheit manchmal nicht ins Konzept passt. Da muss er nicht im "Spiegel" lesen, wie der Kanzler rumdruckst: "Dass man im Wahlkampf natürlich die Vorzüge dessen, was man geleistet hat, eher betont, ist eine alte Erfahrung."

Wer alles für bare Münze nimmt, ist offenbar selbst schuld. Auch Sozialdemokraten wie die Schwarzenbekerin Susanne Heyer-Borchelt finden es mittlerweile ein wenig peinlich, sich offen zu ihrer eigenen Partei zu bekennen. "Was kommt als Nächstes?", fragt sie sich bei jeder Horrormeldung aus Berlin. Zahnersatz nur noch für Selbstzahler? Grundrente für alle? Es macht keinen Spaß, in diesen Tagen Infostände mit dem SPD-Logo aufzubauen.

Als die Steinckes und Borchelts Mitte der neunziger Jahre nach Schwarzenbek-Mühlenkamp zogen, waren sie in der Offensive. Einfamilienhaus, Kinder großziehen, spannende Jobs finden, vielleicht noch einmal etwas ganz anderes machen. Heute führen sie ein Leben in der Defensive. Die Satteldächer stehen noch immer in Reih und Glied, Terrassen und Dachgauben blicken nach Südwest, auf der Straße glänzt viel Metalliclack an Diesel-Kombis. Es geht ihnen gut hier. Sie haben, was sie brauchen, und die meisten noch ein wenig mehr. Aber sie haben auch, was sie bislang nicht kannten: Angst vor sozialem Abstieg, vor Arbeitslosigkeit, vor den Raten für ihr Reihenhaus, Sorge um die Zukunftsaussichten ihrer Kinder.

"Die Einschläge kommen näher", sagt Imke Tegeler aus der Thomas-Mann-Straße. Bei Freunden hat sie erlebt, dass nicht nur Versager arbeitslos werden können. Imke Tegelers Mann Carsten, Ex-Offizier und Betriebswirt, ein selbstbewusster Mittdreißiger mit schwarzem Rollkragen, ist ein Typ wie gemacht für Sonntagsreden über das Modell Deutschland, die Kraft des Mittelstandes und die tüchtigen Leute draußen im Lande. Er neigt nicht zum Jammern, doch ausgebremst von der Politik fühlt er sich schon: Auf der Gehaltsabrechnung für Januar macht sein Rentenbeitrag einen kräftigen Satz nach oben - "Wohl rund 100 Euro mehr. Dabei müssen wir zusätzlich selbst vorsorgen, weil wir später nur wenig kriegen."

In der Firma performen und nicht am Haus rumbauen

Er beugt sich leicht aus dem schwarzen Ledersessel, einen ordentlichen Rotwein in der Hand, und erzählt aus der Firma. Auf Stellenanzeigen meldeten sich jede Menge hoch qualifizierte Leute, die um ihren alten Arbeitsplatz fürchten, "in ungekündigter Stellung ist doch keiner mehr wechselbereit". Und er selbst? Nun ja, vor einem Jahr noch wäre er gern Geschäftsführer eines Mittelständlers geworden, aber jetzt orientiert er "sich mehr ins Haus hinein". Hofft darauf, sich im Konzern zu verbessern. Vorerst vorbei sind die Zeiten, als er ausziehen wollte, um die Welt zu erobern. "Deine Entscheidungen sind meist gut überlegt", meint seine Frau, die ihn aus dem Schatten eines sorgsam gewässerten Ficus Benjamini anlächelt. "Das ist beruhigend.“

Vielleicht für Frau Tegeler - aber ein Desaster für ein Land, das erstarrt, wenn alle nur zusehen, dass sie kein Risiko mehr eingehen. Und, was fast genauso schlimm ist und die Krise noch verstärkt, ihr Geld zusammenhalten. Der deutsche Einzelhandel hatte an Imke Tegeler erkennbar schon viel Freude. Die Frau mit der schlichten Perlenkette mag schöne Sachen. Nur denkt sie sich neuerdings, dass der Wintermantel aus der letzten Saison noch immer schön sei und dass man sich unter Geschwistern ja nichts zu Weihnachten schenken müsse. Falls die Waschmaschine streiken sollte, gehen die Tegelers am nächsten Tag eine neue kaufen. "Aber einen neuen Computer? Bei allem, was nicht unbedingt nötig ist, überlegen wir schon, ob wir nicht lieber noch warten."

Für den Handel war das vergangene Jahr das tristeste seit langem. Schon die Debatten über neue Abgaben reichten aus, um den Konsum abzuwürgen. Die Wirtschaftsforscher warnen inzwischen, dass eine Deflation wie in Japan drohe. Also sinkende Preise, die aber auch nichts daran ändern, dass keiner Geld ausgibt, und die das Land lähmen: Niemand investiert, niemand schafft Jobs, niemand macht Gewinne - und wer das Pech hat, verschuldet zu sein, den drückt die Last immer stärker. Ein Albtraum. Das Perfide ist, dass er umso wahrscheinlicher Wirklichkeit wird, je mehr Leute Angst vor ihm haben.

Noch ist es nicht so weit. Aber schon jetzt schrumpfen die Träume in Schwarzenbek. Bisher wurden die Häuser von Bauabschnitt zu Bauabschnitt immer ein wenig großzügiger. Neuerdings erinnern die Planungen an Liliput. Gleich neben dem zentralen Ernst-Barlach-Platz hockt Peter Müller in seinem Musterhäuschen und wartet auf Kundschaft. Eigenheime für ganze 157.000 Euro bietet er an - mit handtuchgroßem Vorgarten und Ausbaureserve im Dachgeschoss. "Viele junge Familien haben keinen Pfennig auf der Naht", sagt der Hausverkäufer. "Man kann schon froh sein, wenn die frei von Konsumentenkrediten sind." Doppelt so lange wie früher wird es wohl dauern, die 28 Familienkartons seiner Firma loszuschlagen. Immerhin haben kaum noch Käufer Zeit, das Dach selbst auszubauen. "Die Leute wollen in der Firma performen, um ihren Arbeitsplatz zu erhalten", hat Müller beobachtet. "Die bauen nicht am Wochenende am Haus rum."

Eichels Zielgruppe: Lohnbezieher in Schwarzenbek-Mühlenkamp

Für die Handwerker fallen so ein paar Euro mehr ab. Aber was nutzt es? Der Druck auf die Preise ist so groß, dass man zurzeit so billig wie lange nicht an ein Haus kommen kann. Ringsum fallen Mieten und Eigenheimpreise. Wer vor ein paar Jahren gebaut hat, sollte besser nicht arbeitslos werden oder sich scheiden lassen. Denn bei einem Notverkauf der Immobilie bleiben oft nur Schulden über.

Auch hier, wo die Gardinen alle frisch gewaschen und die Grashalme akkurat gestutzt sind, fordert die Rezession ihre Opfer. Es erwischt nicht mehr nur die Aussiedler aus Russland, die ganz am Rand des Mühlenkamps in hässlichen Sozialwohnungen hausen und deren Nachwuchs mit Ghettoblastern die Mittelstandsmütter verschreckt. "Zum Teil hat man das Gefühl, dass die Leute nicht richtig gerechnet haben", sagt Sigrid Binder, die als Leiterin der Stadtkasse auch für Zwangsvollstreckungen zuständig ist. "Es sind deutlich mehr geworden." Der neue Bürgermeister Frank Ruppert, der gerade selbst ein Haus im Mühlenkamp gekauft hat, kämpft tapfer gegen Haushaltssperren an, kann aber auch nichts anderes machen, als die Straßenreinigungsgebühr zu erhöhen und über die Schließung des Schwimmbades nachzudenken. Ein wenig hilflos spricht er von "Schrumpfungsprozessen, mit denen man sich gesellschaftlich auseinander setzen muss". Konjunktur, so scheint es, hat nur der neue Aldi an der Bundesstraße.

Dabei war das Neubaugebiet einmal geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie die schicken Parolen von Innovation und Gerechtigkeit, Aufschwung und sozialem Zusammenhalt in der Praxis aussehen könnten. Die Stadt legte sich mächtig ins Zeug, um zumindest für eine halbwegs vernünftige Kinderbetreuung zu sorgen, die es den Müttern ermöglicht, berufstätig zu bleiben. Mitten im Mühlenkamp, wo es weder eine Kneipe noch einen Arzt gibt, liegt eine Kindertagesstätte. Die umliegenden Grundschulen garantieren für einen Teil der Blagen die Verwahrung am Vormittag, auch wenn der Unterricht mal früher aus ist. Die Bahn schafft Hamburg-Pendler schnell und ökologisch unbedenklich an ihre gut 30 Kilometer entfernten Arbeitsplätze. Kaum einer, der hier wohnt, arbeitet beim örtlichen Werkzeug- und Maschinenhersteller Fette. Die meisten haben gute Jobs in der nahen Großstadt, wo es allerdings in den Büros mittlerweile fast so frostig zugeht wie auf den über Wochen verschneiten Zufahrtsstraßen.

"Mehr Eigenverantwortung", predigte der Kanzler zu Neujahr. Wobei er vergaß, darauf hinzuweisen, dass der Staat von dem dafür nötigen Geld immer mehr abzwackt. Ohnehin trauen die Wähler der Regierung immer weniger. Wie kann es sein, dass alle Experten ein Wirtschaftswachstum von weit unter einem Prozent erwarten - und nur Hans Eichel noch bis vor wenigen Tagen mit 1,5 Prozent kalkulierte? Da werden sich neue Milliardenlöcher auftun, die dann wieder von denen gestopft werden müssen, die genug verdienen, dass man sie abkassieren kann - und zu wenig, um mit der Flucht nach Liechtenstein oder sonst wo drohen zu können. Bei Sozialhilfeempfängern im Berliner Wedding ist wenig zu holen, bei den Vermögensmillionären in München-Grünwald ist es auch schwierig. Eichels Zielgruppe sind die Lohnbezieher in Schwarzenbek-Mühlenkamp. Denen wird langsam mulmig. "Es braut sich kein Sturm zusammen", beobachtet der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Klaus Zimmermann, "sondern es legt sich ein kalter, lähmender Nebel über das Land."

Arbeitslosigkeit bedeutet den Kopfschuss

Ein paar Schritte von den Tegelers entfernt wohnen Frank und Antje Schwerin. Beide Banker, beide Mitte 30, eine Tochter. Frank Schwerin hat sich vom kleinen Disponenten mit mittlerer Reife und Banklehre zum Firmenkundenbetreuer hochgerackert. Er war Jahre in Ostdeutschland. Bislang hat er immer geschafft, was von ihm verlangt wurde - auch wenn es jedes Jahr mehr wurde. Das sichert den Bonus, der fest ins Familienbudget eingeplant ist. "Ich möchte nicht wissen, was passiert, wenn ich mein hohes Leistungsbild nicht erfülle." Klar steht er unter Druck. Aber er schaut so durch seine randlose Brille, als ob er damit schon fertig werde.

Nicht zuletzt weil die Schwerins ("Wir jammern auf hohem Niveau") ihr Leben den Verhältnissen ein klein wenig angepasst haben. Auf ein zweites Kind haben sie verzichtet, weil Antje Schwerin auch Geld verdienen muss und sie sich die "Bettelei um einen Kindergartenplatz" wie bei ihrer Tochter Brit nicht noch einmal antun will. Die Kleine war fast vier, da stand sie noch immer auf der Warteliste. Die Oma musste ran, damit die Mutter nicht das Rückkehrrecht auf ihren Arbeitsplatz verlor. Als Brit in die Schule kam, ging das Theater von vorn los: "Ich brauche eine Betreuung ab halb acht. Da hieß es, wir wissen nicht." Am Ende hat es doch geklappt, und Antje Schwerin fährt jetzt jeden Morgen um kurz nach sechs mit dem Zug in die Stadt, mittags ist sie zurück. "Ohne mein Gehalt würde es nicht gehen." Sie hat genug Selbstvertrauen, um nicht in Panik zu geraten, wenn es mal schwieriger wird. Aber im vergangenen halben Jahr hat sich der Gedanke in ihren Kopf geschlichen, dass auch ihr niemand den Arbeitsplatz garantiert. "Kann sein, dass wir zentralisiert werden", fürchtet die Immobilienspezialistin einer Großbank. "Mein Job wäre dann in Frankfurt."

Natürlich ist Gerhard Schröder Bundeskanzler und nicht der große Manitu, der den Seinen alle Sorgen abnimmt. Jobs kann man verlieren, Ehen können zerbrechen, Immobilienfinanzierungen platzen. Ein paar Mark mehr für die Rente sind kein Grund, den Kopf in den genormten Grill im Vorgarten zu stecken. Im Grunde geht es den Schwarzenbekern wie den meisten Deutschen: ziemlich gut. Nur fühlen sie sich schlecht - denn so wie die Bundesregierung ihren Haushalt "auf Kante genäht" hat, so haben es auch die meisten Häuslebauer und Familienväter in den Reihenhäusern getan. Irgendwann kommt der Punkt, an dem sie denken: Jetzt darf nichts mehr passieren.

"Arbeitslosigkeit bedeutet den Kopfschuss", sagt Nils Hilger. Der 37-Jährige weiß, wovon er spricht; als seine älteste Tochter Deike geboren wurde, war er mal ein halbes Jahr ohne Job. Mittlerweile hat er noch zwei Kinder. Mit seiner Frau Susanne hockt er auf den Decken, die ihre Wohnzimmercouch vor Brei und Schokorückständen schützen.

Sie: "Wir schlagen nicht über die Stränge. Wir wissen genau, was wir ausgeben können." Er: "Wir setzen uns ein Ziel und arbeiten darauf hin. In den Keller kommt eine Sauna. Das wollen wir seit zwei, drei Jahren. Die Fliesen haben wir schon." Sie: "Im Moment kommt sie nicht." Er: "Am Anfang hatten wir nicht einmal Rollläden. Das passte nicht in die Finanzierung. Jetzt haben wir an den großen Fenstern sogar Motoren für die Rollläden. An den kleinen noch nicht. Aber die kriegen wir auch noch."

Nils Hilger ist ein zäher Typ. Nicht groß, nicht athletisch. Aber er kriegt, was er will. In Urlaub war die Familie allerdings lange nicht mehr ("Wir können uns auch auf der Terrasse erholen"). Der gelernte Werkzeugmacher hat sich weitergebildet und arbeitet jetzt in der Personalentwicklung eines Autozulieferers. Er und seine Frau - normales Einkommen, drei Kinder - müssten eigentlich Hätschelkinder sozialdemokratischer Politik sein. Jedenfalls, wenn man sich an die Wahlkampfrhetorik von 1998 und 2002 erinnert. Nur hatte anschließend keiner den Mut, eine echte Reform der immer teureren Sozialsysteme anzupacken - weil die Rentner bei Wahlen gebraucht werden und mit der Gesundheitslobby nicht zu spaßen ist. Ehrlichkeit hätte die Regierenden im vorigen Herbst den Job kosten können, denn auch die Konkurrenz von der Union blies die Backen mächtig auf, versprach allerhand und kann nun froh sein, dass ihr der Praxistest erspart bleibt.

Selbstständigkeit: "Da kriege ich kalte Füße."

Es ist eben einfacher, Beiträge und Bemessungsgrundlagen zu erhöhen und Steuerreformen zu verschieben. So kommt Kohle in die Kasse - bei den Hilgers dieser Republik wird sie vom Gehalt abgezogen, noch bevor das überhaupt auf dem Konto ist. Im Januar wird die Familie ein paar Dutzend Euro weniger zur Verfügung haben als im Dezember. Keine Riesenbeträge, aber durchaus spürbar.

Matthias Borchelt rechnet mit einem Minus von 80 Euro; womit er noch besser davon kommt als manch anderer. 163,12 Euro monatlich, so hat der Bund der Steuerzahler errechnet, büßt ein Alleinverdiener mit zwei Kindern und einem Monatseinkommen von mindestens 5.100 Euro ein. "Aber dabei bleibt es nicht", erwartet Susanne Heyer-Borchelt , "wenn man allein an die Krankenkasse denkt." Sie glaubt nicht daran, dass sie noch eine staatliche Rente bekommen wird. Und auch nicht, dass ihre vier Kinder sich einmal aussuchen können, welchen Beruf sie ergreifen. Die Krankenschwester hat jahrelang jeden Sonn- und Feiertag in der ambulanten Pflege gearbeitet, um zum Gehalt ihres Mannes etwas hinzuzuverdienen. Über Eigenverantwortung muss ihr keiner Vorträge halten. Aber dass ihr Mann, der bei einem Versicherungsmakler arbeitet, sich gern in ein paar Jahren selbstständig machen würde, findet sie beunruhigend: "Da kriege ich kalte Füße."

Jedes der vier Kinder der Borchelts hat ein eigenes Zimmer, auch wenn die winzig klein sind. Die älteste Tochter Lara ist 14 und wurde geboren, als ihre Eltern gerade mit der Ausbildung fertig waren. Da war keine Zeit, Geld für schlechte Zeiten beiseite zu legen. Es hat alles immer gerade so gepasst. Vor drei Jahren war die Familie mal 14 Tage in Dänemark. Sonst war nicht viel mit Urlaub. "Ich würde den Kindern gern mehr bieten", sagt Susanne Heyer-Borchelt. Aber wie bei allen im Mühlenkamp ist auch sie vor allem darauf aus, das Erreichte zu verteidigen.

Über 100 gesetzliche Krankenkassen haben zu Jahresbeginn die Beiträge erhöht, die Volkswirte in den Banken rechnen mit weiter steigenden Arbeitslosenzahlen, die wiederum neue Löcher in die Sozialkassen reißen und so die Politiker zu immer absurderen Geldbeschaffungsideen verleiten werden. Was vor Monaten noch als Satire belächelt wurde, steht mittlerweile als ganz realer Plan in der "Bild": Steuern auf die Gewinne beim Verkauf edler Sammlerobjekte, womit selbst seltene Figuren aus Schoko-Überraschungseiern gemeint sind.

Jeder in Schwarzenbek hat sich ausgerechnet, was bei einer Entlassungswelle in seiner Firma passiert. Es ist schwer, solidarisch zu sein, wenn es bergab geht. "Ich sitze da ganz dick drin", sagt Frau Hilger, die seit zwei Jahrzehnten denselben Arbeitgeber hat. "Das trifft dann jemand anders." Klaus Steincke, den Steuerberater mit der Aversion gegen Zeitungen, hat es getroffen. Er geht stramm auf die 50 zu und ist ab März ohne Job.

Feierabend in Schwarzenbek. Dichter Nebel legt sich über den Ort. Im Fernsehen verkündet Gerhard Schröder, dass nun doch Reformen kommen sollen. Am 2. Februar sind Landtagswahlen: So schlimm, beteuert der Kanzler, stehe es gar nicht um Deutschland.

Stefan Schmitz / print