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GM verkauft Opel: Was Magna mit Opel vorhat

Der Verkauf von Opel an das Magna-Konsortium eröffnet neue Perspektiven für den Autohersteller - birgt aber einige auch Ungewissheiten. Wir beantworten alle wichtigen Fragen.

Das Tauziehen um Opel hat ein Ende: Der US-Autohersteller General Motors verkauft seine bisherige Tochter Opel an das Konsortium um den Automobilzulieferer Magna. Zumindest zu 55 Prozent.
Doch was bedeutet der Deal für Opels Zukunft? Und vor allem, was hat der neue Eigentümer mit den über 50.000 Beschäftigten vor?
Alles wichtige rund um den Verkauf von Opel erfahren Sie hier.

Wieso wird Opel verkauft?

Die Adam Opel GmbH gehörte bislang dem amerikanischen Autokonzern General Motors (GM), einst der weltweit größte Automobil-Hersteller. Doch GM ist inzwischen ein Dinosaurier, von deer alten Erfolgsgeschichte ist nicht mehr viel übrig. Die Produktpalette ist veraltet, wichtige Investitionen wie Elektroautos und moderne Kleinwagen wurden verschlafen. Zudem die bewirkten Überkapazitäten in der Produktion in den vergangenen Jahren einen beinharten Preiskampf auf dem amerikanischen Heimatmarkt. Der US-Konzern erlebte einen ungeahnten Niedergang.
Im Jahr 2008 fuhr General Motors einen Verlust von über 30 Milliarden Dollar ein, im Februar wurde dann ein Verkauf der europäischen Tochter Opel erstmals erwogen. In Rüsselsheim, dem Hauptsitz des Herstellers, wurde Kontakt zur Bundesregierung aufgenommen, mit der Anfrage, ob der Staat Opel auf dem Weg in die Selbständigkeit unterstützen würde. Im Mai gab die Bundesregierung die Zusage mit einem Überbrückungskredit über 1,5 Milliarden Dollar Opels Überleben zu sichern, bis ein neuer Investor gefunden ist.
Am ersten Juni meldete General Motors Insolvenz an. Daraufhin übernahm die US-Regierung unter Barack Obama 60 Prozent der Anteile am Konzern. Das frühere Glanzstück der amerikanischen Industrie war erst pleite und dann verstaatlicht. Opels Weg in die Selbständigkeit schien frei.
Warum General Motors mit dem Verkauf von Opel dennoch bis heute gewartet hat, ist unklar. Der Vorsitzende des Treuhand-Beirates, Fred Irwin, betonte, dass solche Verhandlungen normalerweise länger als vier Monate dauerten - und sprach allen Beteiligten Lob aus. Bis zuletzt aber soll der von der Bundesregierung abgelehnte Finanzinvestor RHIJ im Rennen gewesen sein. In den letzten Tagen wurde auch über einen Verbleib von Opel bei GM spekuliert.
Jetzt hat der GM-Verwaltungsrat grundsätzlich grünes Licht für den Verkauf der angeschlagenen Tochter an Investor Magna gegeben. Für den österreichisch-kanadischen Zulieferer hatten sich sowohl Bundesregierung als auch Arbeitnehmervertreter stark gemacht. Die Genehmigung sei aber an Bedingungen geknüpft, hieß es. Welche das sind, blieb zunächst offen. Bundeskanzlerin Merkel zeigte sich in einer ersten Pressekonferenz aber optimistisch, dass Magna diese erfüllen könne.

Wer ist Magna?

Magna ist einer der weltgrößten Autozulieferer. Allein in Deutschland unterhält der österreichisch- kanadische Konzern 35 Fabriken, weltweit sind es rund 240 Produktionsstätten. Magna International beschäftigt etwa 70.000 Mitarbeiter und erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 23,7 Milliarden Dollar. Unterm Strich stand ein Gewinn von mehr als 70 Millionen Dollar.
Firmengründer ist der heute 76 Jahre alte Frank Stronach, der in den 1950er Jahren nach Kanada ausgewandert war und den Magna-Konzern 1969 durch eine Fusion seines eigenen Autoteile- Herstellers mit einem kanadischen Hersteller für Rüstungselektronik bildete. Der Sitz des Unternehmens ist im kanadischen Aurora.
Inzwischen entwickelt und produziert Magna Teile für fast alle namhaften Autohersteller. Die Tochterfirma Magna Steyr stellt außerdem im Auftrag großer Hersteller auch Autos her.
Den Kauf von Opel will Magna allerdings nicht alleine stemmen. Mit im Boot sitzen die russische Sberbank und der russische Autohersteller Gaz. Sberbank ist das größte Kreditinstitut Russlands. Trotz der schwierigen Marktlage konnte die Bank im letzten Quartal rund 120 Millionen Euro erwirtschaften und erwartet für das Gesamtjahr einen leichten Überschuss. Ein ganz anderer Fall hingegen ist Gaz. Der Autohersteller aus Nischni-Nowgorod gilt selbst als Sanierungsfall.

Was hat Magna mit Opel vor?

Magna und der russische Partner Sberbank sollen künftig je 27,5 Prozent an "New Opel" halten, GM wird wohl mit 35 Prozent größter Anteilseigner bleiben. Die Mitarbeiter will Magna mit zehn Prozent beteiligen. Zur Finanzierung der Übernahme hatte die Bundesregierung zusätzlich zu dem bisherigen Überbrückungskredit von 1,5 Milliarden Euro weitere drei Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Magna selbst will rund 500 Millionen einbringen, davon 350 Millionen sofort.
Doch ob Opels Zukunft damit gesichert ist, bleibt fraglich. Die Marke verkauft in Europa nur 1,5 Millionen Autos. Zu wenig, um auf Dauer hohe Investitionen in neue Technik zu finanzieren. Dieser Umstand ist auch der Bundesregierung bewusst: "Ich weiß, dass vor Opel noch ein schwieriger Weg liegt", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Immerhin: Opel und Vauxhall sollen im globalen GM-Produktentwicklungsverbund verbleiben. So könnten alle Seiten vom Austausch von Technologie- und Entwicklungskapazitäten profitieren. "Die neue Eigentumsstruktur ermöglicht eine neue schlanke, effiziente und unabhängige Organisation für die Marken Opel und Vauxhall. Die aktuelle Produktpalette und die geplanten Modelle sind eine starke Grundlage für künftigen Erfolg", teilte General Motors mit. Die Zusammenarbeit im globalen Technologieentwicklungs- und Einkaufsverbund von GM verschaffe Opel/Vauxhall und anderen GM-Marken wichtige Vorteile. Vor allem vom gemeinsam entwickelten Elektroauto "Ampera" versprechen sich GM und Opel große Schritte.
Das Konsortium um Magna will mit Opel vor allem den russischen Markt erobern. Hier erhofft sich Magna kurzfristig einen Marktanteil von über 20 Prozent. Dabei zählt die Bietergemeinschaft insbesondere auf die Kompetenz des russischen Herstellers Gaz, der mit zu dem Bieterkonsortium gehört, allerdings keine Kapitalbeteiligung erwerben soll.
Analysten vermuten, dass die russische Regierung, die Einfluss auf Sberbank ausübt, auf diesem Weg plant, die eigene, äußerst marode Automobilindustrie zu modernisieren. Ob am Ende also Opel, Gaz oder gar beide Unternehmen von dem Deal profitieren, ist ungewiss.
Immerhin, so betonte es der Verhandlungsführer der Opel Treuhandgesellschaft, Fred Irwin, werde das Staatsgeld ausschließlich an "New Opel" fließen und keinesfalls nach Russland.

Was bedeutet der Deal für die Opel-Mitarbeiter?

Ob Opel alleine langfristig überlebt, kann heute niemand zuverlässig sagen. Dennoch können sich vor allem die deutschen Angestellten von Opel freuen: Magna hat zugesichert die deutschen Opel-Werke zu erhalten. Dass die Werke in Belgien (Antwerpen) und Großbritannien (Luton) überleben, ist hingegen eher unwahrscheinlich.
Doch auch in Deutschland werden Stellen abgebaut. Von den derzeit 50.000 Arbeitnehmern, die bei Opel und der britischen Schwester Vauxhall beschäftigt sind, müssen etwa 10.500 gehen. Hiervon werden auch die 25.000 in Deutschland Beschäftigten betroffen sein: Mindestens 3000 Kündigungen sollen auf die deutschen Arbeitnehmer entfallen.

Wieso hat sich GM für Magna entschieden?

Warum er denn Opel übernehmen wolle, soll Bundeskanzlerin Merkel den Magna-Chef Siegfried Wolf gefragt haben. Er glaube an das Unternehmen, beteuerte der Manager, an die Zukunft des Automarkts und den Wert der Marke Opel. So berichtet es zumindest der "Spiegel".
Fakt ist, dass sich Bund, Länder und der Opel Betriebsrat schon früh auf Magna festgelegt haben. Zudem stand Berlin in Kontakt mit der US-Regierung, dem GM-Mehrheitseigner, und soll auf eine Entscheidung pro Magna gedrängt haben.
Warum genau GM diesem Wunsch jetzt gefolgt ist, ist unklar. Fakt jedoch ist, dass GM als weiterhin größter Anteilseigner (45 Prozent) an einem Erfolg der ehemaligen Tochter interessiert sein muss. Auch auf der Pressekonferenz betonten die Verhandlungsführer von Opel und GM einmütig, die "Wirtschaftlichkeit" sei das entscheidende Kriterium gewesen, das den Ausschlag für Magna gegeben habe. Gut möglich also, dass Magna schlicht das überzeugendere Übernahme-Angebot gemacht hat.

Was bedeutet der Verkauf für den Wahlkampf?

Seit Jahresbeginn befasst sich die Bundesregierung schon mit der Rettung von Opel, jetzt herrscht Aufatmen im Kanzleramt - und vermutlich Jubel in den Wahlkampfzentralen von CDU und SPD. Merkel begrüßte die Entscheidung außerordentlich. "Geduld, Zielstrebigkeit, auch Klarheit" der Bundesregierung hätten zu diesem Ergebnis beigetragen.
Die Minister beider Parteien wollten Opel um beinahe jeden Preis retten. Allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Kanzlerkandidat Frank Walter Steinmeier. So kurz vor den Bundestagswahlen wollten sie sich keine Opel-Insolvenz zumuten. Zumal gerade die Auto-Hersteller der Deutschen liebstes Industrie-Kind sind. Nein, dann doch lieber Ärmel hochkrempeln und sich als Retter der Fließbandarbeiter stilisieren
Als im Zuge der GM-Insolvenz im Frühjahr klar wurde, dass Opel aus dem Mutterkonzern rausgelöst werden könnte, standen Merkel und Steinmeier Gewehr bei Fuß. Mit einem Überbrückungskredit über 1,5 Milliarden Euro wurde Opels Überleben gesichert. Im Fall einer Übernahme durch einen neuen Investor wurden weitere drei Milliarden Euro in Aussicht gestellt.
Auch auf einen Investor konnte man sich schnell einigen: Das Konsortium um Magna wurde von SPD und CDU in Bund und Ländern favorisiert. Auch der Opel-Betriebsrat votierte von Beginn an für den österreichischen Autohersteller.
Doch sowohl Merkel als auch Steinmeier, so schien es, hatten sich verspekuliert. Zuerst avancierte Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zu Deutschlands neuem Polit-Star. Sein internes Votum für eine Opel-Insolvenz erschien vielen Bürgern vernünftig. Dann fing General Motors an, den Verkauf hinauszuzögern. Die Bundesregierung hatte sich, so dachte man gestern noch, mit ihren Milliarden-Garantien verschätzt.
Der definitive Verkauf von Opel an den Wunschkandidaten Magna samt Standort-Garantie für alle Werke ist also eine gute Nachricht für die zwei großen Parteien. Auch wenn sich eine endgültige Vereinbarung könnte bis nach der Bundestagswahl Ende September hinziehen könnte: Die Bundesregierung kann aller Voraussicht nach die Opelrettung als Erfolg verkaufen. Fraglich ist nur, wer davon mehr profitiert: Bundeskanzlerin Merkel oder ihr Herausforderer Steinmeier? Bislang war es eher die Union, bei der sich Regierungserfolge auch als Umfrageplus bemerkbar machten.

Sebastian Huld