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Opel-Drama: Im Sterbezimmer

Der Mutterkonzern GM hat die Faxen dicke und zieht Konsequenzen. Das Opelwerk in Rüsselsheim verliert die Astra-Produktion, Bochum steht auf der Kippe. Derartige Einschnitte waren zu erwarten.

Von Gernot Kramper

Eine Ära geht zu Ende. Kein Astra mehr aus Deutschland. Das wichtigste Modell von Opel wird in Zukunft nur noch im Ausland produziert. Die deutschen Opelaner pochen auf Vereinbarungen und sind zu Recht über die Dumpingofferte der britischen Kollegen empört, die dem Werk in Ellesmere Port die Astramontage sichert. Am Kernproblem geht ihr Protest aber vorbei: Die Marken Opel und Vauxhall verkaufen zu wenig Autos. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Vermutlich ist sie sogar unmöglich.

Europa in der Krise

Das Opel-Dilemma ist nicht durch neue Modelle, bessere Motoren und ein frischeres Marketing zu beseitigen. Der Automarkt in Europa stagniert, zeitweise schrumpft er sogar. Daran haben die Bosse in Detroit keine Schuld, Ursache ist die seit Jahren anhaltende kombinierte Euro-, Schulden- und Finanzkrise, die in den südlichen Staaten der EU schon längst in eine veritable Wirtschaftskrise übergegangen ist. In diesen Ländern fehlt Privathaushalten und Unternehmen das Geld zum Autokauf, und das wird vermutlich auch so bleiben. Alle Anstrengungen der Partnerländer laufen darauf hinaus, den Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern. Die Konjunktur würde jedoch erst wieder anspringen, sobald reales Wirtschaftswachstum erreicht wird. Und selbst dann würde es Jahre dauern, bis das Niveau vor der Krise wieder erreicht wird.

Billigmarke passt besser

GM wird das europäische Schuldendesaster nicht mit jahrelangen Finanzspritzen aussitzen. Detroit muss nämlich nicht abwarten: Gern wird vergessen, dass GM auch mit der Marke Chevrolet auf dem europäischen Markt vertreten ist. Chevrolet schlägt sich nicht schlecht. Der Marktanteil der Koreaner mit dem uramerkanischen Namen steigt von Jahr zu Jahr – wenn auch bislang noch auf kleinem Niveau. Das Rezept ist simpel: Die Chevys sind etwas einfacher und viel billiger. Schon in der Preisliste wahren sie Abstand zu den vergleichbaren Modellen von Opel, ihre Straßenpreise liegen noch weit unter der Listeempfehlung. Vielleicht passen die Billigautos von Chevrolet bessern ins Krisen-Europa als die ambitionierten Fahrzeuge von Opel. Andere deutsche Autohersteller meistern die Situation durch Exporte in die Wachstumsregionen der Welt und durch die Premiumstrategie, die gute Erlöse mit technisch herausragenden Autos verspricht. Von einem Premiumimage wie Mercedes und BMW ist Opel meilenweit entfernt. In diese Richtung braucht man nicht weiterzudenken.

Träume vom Weltmarkt

Bleibt die Hoffnung, sich in den Wachstumsmärkten der Welt etablieren zu können. Diese Idee hat sich zumindest in den Köpfen der Europäer festgesetzt. Dabei ist das eine Illusion. Detroit sieht die Welt anders: Opel und Vauxhall sind schon immer als regionale Marken für Europa zuständig gewesen. Der Rest des Planeten wird von den anderen GM-Marken bedient. GM ist in China, Brasilien und Indien erfolgreich präsent auch ohne Opel. Eine Globalisierung der europäischen Tochter würde nur Sinn machen, wenn der Glauben bestünde, Opel hätte in China mehr Erfolg als eine andere Marke des Konzerns. Das indes glaubt niemand. Tatsächlich gibt es kein halbwegs schlüssiges Konzept, wie Opel solche Märkte erobern könnte. Die Vorstellung, im Hochlohnland Deutschland einen Wagen wie den Astra zu montieren und nach China zum Verkauf zu verschiffen, ist jedenfalls naiv. Bleibt es also bei der Begrenzung auf den europäischen Markt, kommt Opel nicht darum herum, zwei Werke zu schließen. Das macht die Verlagerung der Astra-Produktion auch so bitter. Denn tatsächlich wurde der Astra schon früher im Ausland produziert. Neu ist heute jedoch, dass nach der kommenden Verlagerungsrunde Werke ganz ohne Auftrag darstehen werden. Für sie geht die Ära Opel jetzt zu Ende. Ud Bochum steht definitiv auf der Streichliste.

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