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Unternehmen gegen Fremdenhass: Zwischen PR-Nummer und echtem Engagement: Wie Unternehmen sich für Flüchtlinge einsetzen

Immer mehr Menschen beziehen Stellung gegen Fremdenhass und für Flüchtlinge, auch viele große Unternehmen - #mundaufmachen. Während einige auf Facebook bloß Zeichen setzen, packen andere konkret mit an und engagieren sich.

Von Alica Müller

"Hey Heidenau und Co, exklusiv für Euch: Unsere neueste Sorte. Solltet Ihr auch mal probieren!", schreibt Fisherman's Friend auf seiner Facebookseite.

"Hey Heidenau und Co, exklusiv für Euch: Unsere neueste Sorte. Solltet Ihr auch mal probieren!", schreibt Fisherman's Friend auf seiner Facebookseite.

Joko und Klaas haben es getan, die deutschen Fußball-Weltmeister auch und Til Schweiger sowieso: Mund aufmachen gegen Fremdenhass. In Zeiten, in denen die Nachrichten voll sind von brennenden Flüchtlingsheimen, rassistischen Krawall-Demos und hasserfüllten Äußerungen in sozialen Netzwerken, ist Dagegenhalten wichtig. Auch immer mehr Unternehmen in Deutschland setzen Zeichen für Einwanderung und gegen Fremdenhass und bekommen dafür viel Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken.

So zum Beispiel McDonald's. Das Unternehmen veröffentlichte am Mittwochnachmittag ein Video, in dem sich Holger Beeck, Vorstandsvorsitzender der Fastfood-Kette in Deutschland, für Vielfalt ausspricht. Menschen aus 125 Nationen arbeiten laut Beeck bei McDonald's, weshalb das Thema für ihn ein persönliches Anliegen sei: „Die Menschen, die nach Deutschland kommen, mussten alles hinter sich lassen. Zeigen wir Ihnen gemeinsam, dass Deutschland eine offene Willkommenskultur hat."

"Sind sie zu bunt, bist du zu braun."

Auch Fisherman's Friend bekam in der vergangenen Woche für einen Facebook-Post zu dem Thema riesiges Feedback. "Hey Heidenau und Co, exklusiv für Euch: Unsere neueste Sorte. Solltet Ihr auch mal probieren!", schrieb das Unternehmen zu einem Bild, das die typische Bonbon-Tüte versehen mit dem Schriftzug "Toleranz – Mehr Vielfalt für Deutschland" zeigt. Dazu der abgewandelte Werbespruch: "Sind sie zu bunt, bist du zu braun." Für das Unternehmen wurde die Aktion mit massig Aufmerksamkeit belohnt, das Foto erhielt mehr als hundert Mal so viele "Gefällt mir"-Angaben wie die anderen Beiträge auf der Seite. Nicht alle waren begeistert, natürlichen ließen auch hier fremdenfeindliche Kommentare nicht lange auf sich warten. "Gerade am Anfang waren es mehr, als man im Jahr 2015 erwarten würde", so ein Sprecher. Das Facebook-Team löschte sie mit dem Kommentar, auf braunen Brei habe man keine Lust.

Auch die Brauerei Oettinger wirbt auf Facebook für mehr Vielfalt.

Auch die Brauerei Oettinger wirbt auf Facebook für mehr Vielfalt.

Keines der Unternehmen engagiert sich für Flüchtlinge

Die Oettinger-Brauerei veröffentlichte am Dienstag ebenfalls ein Foto, auf dem sie in ihre Werbebotschaft ein Zeichen gegen Ausländerfeindlichkeit einbaut. Vor verschiedenen Biersorten der Brauerei steht eine Flasche ohne Etikett. Der Titel: "Ohne bunte Vielfalt gibt es nur braune Flaschen." Auch hier geht es in den Kommentaren hoch her. Neben sehr viel Lob – "Erstmal einen Kasten Oettinger kaufen" – kündigt unter anderem auch ein Pegida-Sympathisant an, jetzt das Bier wechseln zu müssen – "dislike!".

Trotz solcher Ausfälle: Die Unternehmen treffen mit den Aktionen den Zeitgeist und bekommen viel Aufmerksamkeit. Viel mehr als symbolischen Wert hat das aber nicht. Weder McDonald's noch Fisherman's Friend engagieren sich konkret für Flüchtlinge. Oettinger konnte zu dem Thema auf Anfrage des stern bisher nichts sagen.

Ikea baut Plastikhäuser für Syrien

Anders sieht das bei Ikea und Langenscheidt aus. Die Stiftung des schwedischen Möbelhauses engagiert sich finanziell und arbeitet an faltbaren Plastikhäusern für Flüchtlinge in Bürgerkriegsländern wie Syrien. Die Unterkünfte wurden auch schon in Dresden als Alternative zu Zelten für Flüchtlinge getestet. Langenscheidt stellt momentan sein Arabisch-Deutsch-Wörterbuch online kostenlos zur Verfügung, um die Verständigung zwischen Deutschen und Geflüchteten zu verbessern. Auf Facebook veröffentlichte der Verlag die Liste der meistnachgeschlagenen Wörter.

Auch Drogeriemärkte und Supermärkte packen ganz praktisch mit an. Der norddeutsche Drogeriemarkt Budni hat in vielen Filialen Spendenboxen, in die Kunden gekaufte Produkte legen können. Budni sorgt dafür, dass die Spenden in Erstaufnahmeeinrichtungen ankommen. Die Artikel müssen dafür aber erst zum vollen Preis gekauft werden. Bei dm in Österreich dagegen können die Kunden fünf bis zwanzig Euro spenden, wovon zum Einkaufspreis beim Hersteller Pakete mit Artikeln für Flüchtlingsheime gepackt werden.

Spendenboxen im Supermarkt

Bei vielen großen Ketten sind es auch die einzelnen Filialen, die im Kleinen aktiv werden. So spendete ein Rewe-Markt in Garching bei München Süßigkeiten an geflüchtete Kinder in der Unterkunft nebenan, ein Real-Markt in Gütersloh sammelte bei einer Tombola Geld für die Unterkünfte. Bei Edeka werden die Filialen von selbstständigen Einzelhändlern geführt - der Umgang mit Flüchtlingen kann deshalb sehr unterschiedlich ausfallen: Während der Leiter der Filiale in Calden "aus Sicherheitsgründen" nur zwei geflüchtete Menschen auf einmal in den Markt lässt, verkauft der Betreiber der Edeka Niemerszein-Märkte Spendenpakete mit Shampoo, Damenbinden oder Zahnbürsten zum Einkaufspreis weiter.

Ausbildungen schaffen Perspektiven

Solche Aktionen helfen über die größte Not hinweg. Es gibt für Unternehmen aber auch eine Möglichkeit, dauerhaft Perspektiven zu schaffen – und zwar in Form von Berufsausbildung. Branchenverbände werben dafür, Flüchtlingen einen Ausbildungsplatz zu verschaffen, zum Beispiel in der Hotellerie, im Handwerk oder auch in der Systemgastronomie. Für Ausbilder ist die Annahme eines Flüchtlings momentan oftmals schwierig und riskant, wenn der Aufenthaltsstatus ungeklärt ist. Einzelne Firmen, wie das Gelsenkirchener Familienunternehmen unicblue, gingen den Schritt trotzdem. Die Werbeagentur suchte gezielt Flüchtlinge – und erntete dafür Hasskommentare auf Facebook. Seit dem 1.8. sind dort nun drei geflüchtete Männer angestellt. Zwei von ihnen werden Schreiner in der Werkstatt für Messebau, der dritte soll als Marketing-Kaufmann in den Geschäften auf dem arabischen Markt eingesetzt werden. Die Unternehmer bezahlen den dreien auch eine Deutschlehrerin, die zweimal in der Woche kommt.

Wie man Zukunftsperspektiven für Flüchtlinge damit kombinieren kann, ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen, zeigte Anfang der Woche die Leipziger Bar Vodkaria, die auf Facebook nach Köchen und Kellnern sucht. Die Anforderungen: "Religion: Egal. Refugees: Welcome. Pegida-Anhang: So dringend ist es dann doch nicht!"

Ein syrischer Koch hat sich neben vielen deutschen Bewerbern schon auf diese Stellenanzeige in Leipzig gemeldet. Die Betreiber wollen sich mit dem Flüchtlingsrat nun über die rechtliche Situation beraten und sich dann für einen der Bewerber entscheiden. 

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