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Amokfahrt im Ruhrgebiet: "Klare Absicht, Ausländer zu töten": Was über den mutmaßlichen Täter bisher bekannt ist

Wenige Minuten nach dem Jahreswechsel fährt ein Autofahrer im Ruhrgebiet in eine Menschenmenge, es gibt mehrere Verletzte. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Mann aus Hass auf Ausländer gehandelt hat. Nach und nach werden mehr Informationen bekannt.

Nachdem im Ruhrgebiet ein Mann aus Fremdenhass mit seinem Auto mehrfach in Menschengruppen gefahren ist, gehen die Ermittlungen zu Hintergründen und Hergang der Tat weiter. Der 50-Jährige hatte auf seiner Fahrt in der Silvesternacht in Bottrop mindestens acht Personen verletzt, eine Frau schwer, wie die Polizei am Mittwochmorgen mitgeteilt hat. Zuvor war von vier Verletzten die Rede. Auch in Essen steuerte er seinen Wagen auf mehrere Menschen, dort wurde offenbar aber niemand verletzt.

Laut Pressemitteilung vom Mittwoch habe die Staatsanwaltschaft Essen am Neujahrsnachmittag beim zuständigen Amtsgericht Haftbefehl wegen mehrfachen versuchten Mordes gegen den 50-Jährigen beantragt. Ein Richter sei dem Antrag am Abend gefolgt und habe Haftbefehl gegen den Beschuldigten erlassen.

Das für die Einsatzführung zuständige Polizeipräsidium in Münster bat am Abend via Twitter darum, Bilder und Videos von den Ereignissen nicht im Internet zu verbreiten. Alle Aufnahmen sollten stattdessen auf ein spezielles Portal vom Bundeskriminalamt hochgeladen werden. Außerdem wurden Zeugen gebeten, sich unter der Hotline 0800 3040303 zu melden. Die Ermittler halten sich zum Tatablauf bislang bedeckt, dieser müsse erst mithilfe von Zeugenaussagen rekonstruiert werden. 

"Es gab die klare Absicht von diesem Mann, Ausländer zu töten"

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte nach den ersten Vernehmungen des Festgenommenen: "Es gab die klare Absicht von diesem Mann, Ausländer zu töten." Der Mann habe das Auto in Bottrop und Essen bewusst in Menschengruppen gesteuert, die überwiegend aus Ausländern bestanden. Unter den Verletzten sind Syrer und Afghanen. 

In der ersten Stellungnahme hatten die Essener Staatsanwaltschaft und die Polizeibehörden in Recklinghausen und Münster erklärt, es sei von einem "gezielten Anschlag auszugehen, der möglicherweise in der fremdenfeindlichen Einstellung des Fahrers begründet ist". Es mache "sehr betroffen, dass so etwas passiert ist", sagte Innenminister Reul. Deswegen müsse lückenlos aufgeklärt werden. Reul hob hervor, in Nordrhein-Westfalen gebe es "keinerlei Toleranz" für Gewalttäter, "egal, von welcher Ecke sie kommen".

Bericht: Mutmaßlicher Täter soll schizophrene Erkrankung haben

Nach "Spiegel"-Informationen soll der 50-Jährige in seiner Vernehmung gesagt haben, die vielen Ausländer seien ein Problem für Deutschland, das er lösen wolle. Demnach soll er nach ersten Erkenntnissen der Ermittler eine schizophrene Erkrankung haben. Der Mann sei in der Vergangenheit mindestens einmal in eine geschlossene Einrichtung eingewiesen werden, berichtete das Nachrichtenmagazin. Schon zuvor hatten die Ermittler angegeben, dass sie "erste Informationen über eine psychische Erkrankung des Fahrers" hätten.

50-Jähriger bislang nicht polizeilich in Erscheinung getreten 

Nach Angaben der Polizeipräsidentin von Recklinghausen, Friederike Zurhausen, ereignete sich der erste Angriff kurz vor Mitternacht auf einer Straße in Bottrop. Ein Fußgänger konnte sich jedoch vor einem Zusammenprall retten.     

Kurz nach Mitternacht sei der 50-Jährige dann auf einem Platz in eine Menschengruppe gefahren, sagte Zurhausen. Dabei wurden mehrere Menschen verletzt. Nach ersten Polizeiangaben waren unter ihnen syrische und afghanische Staatsangehörige.    

Daraufhin wurde die Fahndung ausgeschrieben, 18 Minuten später konnte der Mann in Essen festgenommen werden. Zuvor hatte er laut Polizei noch versucht, in eine weitere Gruppe von Menschen zu fahren. Diese warteten gerade an einer Bushaltestelle. Bei der Festnahme äußerte er sich demnach fremdenfeindlich.

Zurhausen sagte, der Täter sei bislang nicht polizeilich in Erscheinung getreten. Es sei unklar, ob er noch in psychologischer Behandlung sei. Erste Einlassungen des Täters ließen "fremdenfeindliche Hintergründe" vermuten. Zu einem möglichen politischen Hintergrund lägen bisher keine Erkenntnisse vor. Derzeit seien Ermittler dabei, die Wohnung des Mannes zu durchsuchen. 

Entsetzen nach Angriffen in Bottrop und Essen 

Der Bottroper Oberbürgermeister Bernd Tischler (SPD) zeigte sich "entsetzt und tief getroffen" von dem Vorfall. Er hoffe, dass die Verletzten bald genesen würden, erklärte er. "Meine Gedanken sind jetzt bei den Betroffenen und ihren Angehörigen. Ich wünsche allen eine hoffentlich schnelle und vollständige Genesung", sagte der Oberbürgermeister von Essen, Thomas Kufen (CDU). Er bleibe in engem Austausch mit seinem Bottroper Amtskollegen Bernd Tischler. 

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) wandte sich via Twitter an die Bürger: "An diesem Neujahrstag gilt der Vorsatz für 2019 klarer denn je: Wir stehen zusammen gegen rechte Gewalt. Den Kampf gegen den Hass auf andere Menschen werden wir mit allen Mitteln des Rechtsstaats engagiert fortsetzen."

Die schlimmsten Folgen hatten die Angriffe in Bottrop, wo der 50-Jährige kurz nach Mitternacht auf dem zentralen Berliner Platz in die Menge fuhr, die gerade mit Böllern und Raketen das neue Jahr begrüßte. Mehrere Menschen wurden dort verletzt, darunter ein Kind. Eine 46-Jährige war zeitweise in Lebensgefahr. Zwei andere Versuche des Mannes, in Bottrop und Essen Passanten anzufahren, schlugen fehl. Hier kamen die Menschen mit dem Schrecken davon.

Marc Herwig, Claus Haffert und Sophia Weimer / fs / DPA / AFP