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Prozess gegen Hartz: Vom Heilsbringer zum schwarzen Peter

Dem ehemaligen VW-Manager und Arbeitsmarkt-Reformator Peter Hartz wird der Prozess gemacht. Aber nicht diese Korruptionsvorwürfe haben ihn zu Fall gebracht. Vielmehr bildet der Rechtsstreit die rabenschwarze Pointe eines Auf- und Abstiegs-Prozesses.

Von Stephan Grünewald

Ein Realschüler aus einfachen Verhältnissen rettet als Personalvorstand bei Volkswagen 30.000 Mitarbeitern ihren Arbeitsplatz, er halbiert mit einem wegweisenden Konzept die Arbeitslosenquote in Wolfsburg und avanciert als führender Kanzlerberater und schillerndster Tarifpolitiker zum Heilsbringer des Landes, der verspricht, die Zahl der Arbeitslosen bis Mitte des Jahres 2005 um zwei Millionen zu senken.

Heute ist sein Name, Peter Hartz, Sinnbild für Kälte, Korruption und Sozialabbau, aber vor allem für Niedergang, Abstieg und Ausweglosigkeit geworden. Die nach ihm benannte Arbeitsmarktreform Hartz IV wurde 2004 zum (Un-)Wort des Jahres. Die ultimative Untergangsdrohung zukunftsverängstigter Teenager beruft seinen Namen: "Pass auf, sonst wirst du Hartz IV." Das klingt wie die Warnung früherer Zeiten "…sonst holt dich der Teufel". Und die "Bild"-Zeitung spielt auf diese Teufelsanalogie an: Wenn der Name Hartz ausgesprochen wird, "spitzen die Hunde die Ohren, fangen die Großmütter an zu weinen und die Kinder verstecken sich mit ihren Sparschweinchen unter der Bettdecke."

Die Menschen, die Peter Hartz kennen, zeichnen ein eher himmlisches Bild des IG-Metall- und SPD-Mitglieds: ein entschiedener, aber auch sympathischer und warmherziger Manager, der von sich selbst behauptet, die Menschen zu lieben. Ein Mann mit einem großen Sendungsbewusstsein, der bereits als Kind erfahren hat, wie schwer die Angst vor Arbeitslosigkeit auf den Menschen lasten kann. Besessen von der Idee, Modelle zu entwickeln, die Arbeitsplätze erhalten oder schaffen, kann er andere in seinen Bann ziehen, begeistern und mitreißen. "Er kann vor lauter Überzeugung und Leidenschaft seine Aura zum Strahlen bringen", beschrieb die "Süddeutsche Zeitung" seinen auch die anderen beflügelnden Heiligenschein.

Fall ist Sinnbild eines Sinnvakuums

Daher ist es vor allem der Verdienst von Peter Hartz, dass es einer zerstrittenen 15-köpfigen Kommission aus Wissenschaftlern, Gewerkschaftern und Arbeitgebern gelang, Vorschläge für eine radikale Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu verabschieden, die einhellig gelobt wurden. Die Ergebnisse der folgerichtig nach ihm benannten Hartz-Kommission wurden vor 500 Gästen im Französischen Dom zu Berlin verlesen - der Höhepunkt, aber auch der Wendepunkt in der Entwicklung eines zum Fallen verurteilten Engels. Allerdings erklärt sich dieser jähe Fall des Peter Hartz nicht allein aus seiner Persönlichkeit. Er ist vielmehr Ausdruck eines gesellschaftlichen Sinnvakuums. Die fehlende Einbettung der Reform in einen visionären Gesamtentwurf führte sogleich dazu, dass sie schrittweise in den Mühlen der Demokratie und der Interessensverbände zerrieben und verzerrt wurden. Auch im Kern vielleicht sinnvolle Reformen lassen sich weder vermitteln, noch politisch durchsetzen, wenn sie nicht in eine übergreifende Vision oder in eine anschauliche Sinnperspektive eingebettet sind.

Vor allem dann nicht, wenn - wie im Jahre 2004 - die psychische Grundkonstitution in der Bevölkerung äußerst labil ist. Angesicht der gesellschaftlichen Krisenszenarien wuchs zwar eine grundsätzliche Einsicht in die Notwendigkeit von Reformen, aber die Menschen hatten überhaupt kein Vorstellungsbild davon, wohin die Reise geht und wofür man persönliche Opfer und Umstellungen in Kauf nehmen sollte. Sie fühlten sich wie auf einer rasenden Lokomotive, die angetrieben vom Dampf der Reformnotwendigkeiten ins Ungewisse donnert. Gerade diese Ungewissheit und Perspektivlosigkeit erzeugt jedoch eine kaum aushaltbare Angst. Man malt lieber den Teufel an die Wand als die Leere der Ungewissheit zu ertragen. Im Horrorfilm verliert das diffuse Grauen seine Macht, wenn der Schrecken ein Gesicht oder - wie im Falle der Reformen - einen Namen bekommt.

Die Menschen ignoriert

Der tragische Fehler von Peter Hartz und der Regierung Schröder bestand darin, dass sie vollkommen ignoriert haben, dass das Verstehen der Menschen immer wieder auf Anschaulichkeit und Fassbarkeit - kurz auf Bilder drängt. Mit ihrer formalistischen Kommunikation der Reform durch die Wort-Zahl-Kombination "Hartz IV" haben sie die Steilvorlage für die Schreckszenarien geliefert, die sogleich mit den Reformen verbunden wurden.

Denn mit Hartz IV assoziierten die Wähler intuitiv nicht die vierte Stufe des Reform-Konzeptes von Peter Hartz, sondern eher die Potenzierung der Verharzung des Lebens, oder gemäß des ostdeutschen Harz' den Brocken, den es jetzt vierfach zu bezwingen gilt. Hartz klingt also nicht nach einer verlockenden Zukunft, sondern nach Härte und Harschheit, nach teerig-schmutziger Verklebung. Der Harz ist übrigens die Heimstätte der Hexen und des Teufels, die hier ihre Walpurgisnacht feiern.

In der Logik dieses Verständnisses tauften ostdeutsche Konsumenten die Biermarke Hasseröder, die mit dem hartzhaft frischen Genuss wirbt, zu HasseSchröder um. Einen ähnlich fatalen Kommunikationsfehler machte übrigens Angela Merkel mit dem Kirchhoffschen Steuermodell. Der Kirchhof war früher der Friedhof, und die Regierung Schröder hatte leichtes Spiel, diese Steuerpläne als den Tod des kleinen Mannes zu denunzieren.

Agenda 2010 weckte Verlustängste

Auch die Agenda 2010, in die Hartz IV kommunikativ eingebettet oder besser gesagt begraben wurde, verstärkt die Untergangsängste der Bevölkerung. Diese Wortkombination ist ein seelenloses Abstraktum, das beim freien Assoziieren durch die Halbierungslogik (erst 20, dann 10) allenfalls Verlustängste weckt oder ein Ende verkündet.

Die Geschichte von Peter Hartz spiegelt den tragischen Prozess eines Mannes, der auszog, um sich einen Namen zu machen, dann aber unfreiwillig durch seinen Namen gemacht wurde. Gescheitert ist Peter Hartz letztlich nicht an der jetzt verhandelten Korruptionsaffäre, sondern an dem gesellschaftlichen Sinnvakuum, das durch seinen Namen gefüllt wurde. Allerdings verstärkt die Korruptionsaffäre das teuflische Bild. Im Fokus der Öffentlichkeit standen dabei weniger die verschobenen Millionen, mit denen die VW-Betriebsräte, allen voran ihr Vorsitzende Klaus Volkert geschmiert wurden. Mit wohligem Schauer kolportiert wurden vielmehr die Rotlichtpartys von VW-Betriebsräten, die Bordellbesuche und das Viagra auf Betriebskosten, sowie die Finanzierung der Lust- und Liebesreisen seiner Kollegen.

Der gefallene Engel veranstaltet mit dem veruntreuten Volksgeld orgiastisch die Walpurgisnacht.