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Psychologie: Deutschland - deine Stärken

Trotz Arbeitslosigkeit und Reformstau: Es gibt auch ein erfolgreiches Deutschland. Das ist Weltmeister beim Export, Europameister beim Erfinden, Werkstatt hervorragender Fachleute. "Made in Germany" hat die Chance auf neue Blüte - dank alter Tugenden.

Jochen Zeitz quatscht nicht gern. Keine Geschäftsessen, keine Cocktailpartys, kein Networking. Einladungen zu Talkshows lehnt der Vorstandschef von Puma rigoros ab. "Es wird zu viel geredet", sagt Zeitz. "Weniger zerreden, dafür mehr entscheiden - das nutzt dem Ganzen mehr als das dauernde Wenn und Aber." Der 41-Jährige konzentriert sich lieber auf das Geschäft mit den Sport- und Lifestyle-Artikeln. In den elf Jahren als Puma-Boss hat er eine hoch motivierte Mannschaft aufgestellt, die Firma globalisiert, sie aus den roten Zahlen geführt, den Umsatz um 600 Prozent und den Börsenkurs um 2.500 Prozent gesteigert. Dieses Jahr will er wieder mehr als 100 neue Arbeitsplätze schaffen.

Und das im verträumten Herzogenaurach, mitten in Deutschland - dem Wirtschaftsstandort, an dem angeblich nichts mehr geht. Natürlich lässt Puma im Ausland produzieren. Aber die Zentrale der Weltmarke in der deutschen Provinz aufzugeben käme Zeitz nicht in den Sinn. "Der Standort Deutschland hat enormes Potenzial. Die Chancen, vorhandenes Know-how mit innovativen Technologien und kreativen Ideen zu verbinden und damit zu alter Stärke zurückzufinden, sind nach wie vor sehr gut."

Hat Zeitz Recht? Ist die Substanz des einstigen Wirtschaftswunderlandes womöglich doch noch nicht verbraucht? Ist Deutschland "besser als sein Ruf", wie Thomas Limberger behauptet, Deutschlandchef des weltgrößten Elektrokonzerns General Electric? Zwar Kreisklasse in der Wirtschaftspolitik, unbeholfen und zaghaft bei seinen Reformversuchen, aber weiterhin Weltklasse im Business? Eine klare Antwort kommt aus dem Ausland. Die Stuttgarter Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young hat dieses Frühjahr mehr als 500 international aufgestellte Firmen nach den besten Wirtschaftsstandorten befragt.

Das verblüffende Ergebnis: Platz drei für Deutschland - hinter dem boomenden Riesenreich China und der Supermacht USA. Im Vorjahr musste sich die Bundesrepublik in Europa noch Frankreich und Großbritannien geschlagen geben. In einer weiteren Ernst & Young-Befragung bei gut 200 ausländischen Unternehmen sehen deren Manager Deutschland unter anderem bei Transport und Logistik, der Telekommunikation, der Qualität von Forschung und Entwicklung, der Qualifikation der Arbeitnehmer und den möglichen Produktivitätssteigerungen weit vorn - und das sind fast ausnahmslos die Kriterien, die sie für die wichtigsten halten. Die Nachteile sind bekannt: hohe Arbeitskosten und fehlende Flexibilität im Arbeitsrecht. Jeder dritte der global Befragten rechnet damit, dass die Attraktivität des Standorts weiter zunimmt. Besser noch: 40 Prozent von ihnen wollen in Zukunft Geschäfte in Deutschland auf- oder ausbauen.

Die Bosse aus aller Welt schätzen die schlummernden Kräfte von Good Old Germany - und spüren, dass sich etwas bewegt. Christian Engel, weltgereister Chef des Weltmarktführers für Wellpappenmaschinen BHS Corrugated aus dem bayerischen Städtchen Weiherhammer, sieht das ähnlich. "Trotz aller Taktiererei der Parteien stimmen die politischen Signale, die auch im Ausland ankommen: Es geht voran - wenn auch zu langsam." Selbst in den stets als zu starr kritisierten Arbeitsmarkt sei Bewegung gekommen, und das werde registriert.

Natürlich, die alten Probleme sind längst nicht gelöst. Die Wirtschaft wächst zäher als in anderen Industrieländern, die Rezepte gegen die Arbeitslosigkeit wollen nicht funktionieren: Dieses Jahr werden nach den Prognosen der Sachverständigen durchschnittlich 4,4 Millionen Menschen ohne Job sein; besonders trist ist die Lage der 1,5 Millionen Langzeitarbeitslosen und der Geringqualifizierten. Der Staat ist bis zur Handlungsunfähigkeit verschuldet, das System der sozialen Sicherung geht unter der Last der alternden Gesellschaft in die Knie. Zu lange haben die Deutschen gebraucht, all das zu begreifen. Zu lange haben sie sich in der Sicherheit gewähnt, doch irgendwie die Besten zu sein, und haben nicht gemerkt, dass viele Nationen sie in Wirtschaftskraft und Dynamik längst überholt hatten.

Doch inzwischen hat das jähe Erkennen eine depressive Stimmung ausgelöst, die ähnlich lähmend ist wie die Sorglosigkeit zuvor. Das Angstsparen der verunsicherten Bürger verhindert derzeit mehr als alles andere eine größere wirtschaftliche Dynamik. So schafft man sich die Krise, für die man eigentlich vorsorgen will. Die Außensicht ist viel hoffnungsfroher als die Stimmung daheim, wo drei Viertel der Mittelständler heftig über den Standort klagen. Peter Englisch, Partner bei Ernst & Young, erklärt das so: "Die meisten deutschen Unternehmer messen ihre Situation an ihrer Idealvorstellung und nicht an den Zuständen, wie sie in Asien, Italien oder Südamerika herrschen." Fremdinvestoren, die weltweit nach günstigen Gelegenheiten suchen, hätten einen wesentlich nüchternen Überblick.

Zwar seien "die Höhe der Löhne und der Lohnnebenkosten wichtige Merkmale eines Wirtschaftsstandorts", sagt Engel, "aber bei weitem nicht die einzigen". Digby Jones, Chef des britischen Unternehmerverbandes, hält die finanziellen Nachteile Deutschlands sogar für gering. Er sagt: "Schaut nicht auf den Steuersatz, sondern auf den Betrag, den die Firmen wirklich zahlen müssen." Die Summe der tatsächlich gezahlten Steuern und Sozialabgaben sei kaum höher als die entsprechende Belastung der britischen Wirtschaft, die oft als Vorbild herhalten muss.

Zudem gebe weniger die Performance einer Nation als die einer Region den Ausschlag, sagt Hermann Simon, Chef der Bonner Unternehmensberatung Simon Kucher & Partners und Professor an der London Business School. Die Standort-Diskussion wird fast nur aus gesamtwirtschaftlicher Sicht geführt und ist deshalb irreführend. Es gibt keinen Standort Deutschland, sondern einzelne Regionen, Städte und Gemeinden, zwischen denen massive Unterschiede bestehen."

Ein Beispiel ist die Region Tuttlingen in Baden-Württemberg. Hier liegt das globale Zentrum für die Herstellung chirurgischer Instrumente mit 400 Spezialunternehmen und Tausenden hoch qualifizierten Facharbeitern. Wer hier investiert, interessiert sich nicht so sehr für Lohnkosten. Weil das Know-how stimmt, eröffnet auch der weltgrößte Elektrokonzern General Electric in wenigen Tagen sein europäisches Forschungszentrum mit 300 Mitarbeitern in Garching bei München. "Wir haben alle Länder Europas miteinander verglichen", sagt GE-Manager Limberger, "hier haben wir die Leute gefunden, die wir brauchen." Sein Fazit: "Deutschland ist nach wie vor Weltklasse bei Innovation und Technologie, etwa bei regenerativen Energien, Nanotechnik, neuen Werkstoffen und bildgebender Diagnostik."

Was das Land auszeichne, sei "die Breite der Technologie", sagt Professor Engelbert Westkämper, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart. "Im Umkreis von 300 Kilometern um Stuttgart finden Sie sämtliches Know-how, das man in der Technik braucht." Und man dürfe nicht nur "auf die großen Sprünge schauen": "Die vielen unspektakulären Neuerungen sind für die Zukunft wichtig. Was wir brauchen, ist Bodenhaftung. Ingenieure, die Probleme lösen." Das IPA arbeitet - ähnlich wie die anderen Fraunhofer-Institute - eng mit der mittelständischen Wirtschaft zusammen, wenn es gilt, praktische Probleme zu lösen. Auch das eine deutsche Stärke.

In diesem Jahr konnte sich die Bundesrepublik beim Wettbewerbsranking des Weltwirtschaftsforums (WEF), dem Global Competitiveness Report, in der Langzeitprognose um einen Platz auf Rang 13 verbessern - kein schlechter Wert unter 102 Teilnehmern. "Deutschland ist ein sehr wettbewerbsfähiges Land", sagt Michael Frenkel, Wirtschaftsprofessor an der Privathochschule WHU in Vallendar und Kooperationspartner des WEF. "Aber wenn wir für die Zukunft gut aufgestellt sein wollen, müssen wir nacharbeiten: bei der Flexibilität des Arbeitsmarktes, dem Steuersystem, beim Subventionsabbau."

Viele Unternehmer wissen, was sie an der Heimat haben - vor allem jene, die weltweit agieren. "Das ist allein deshalb ein guter Standort, weil es nur aufwärts gehen kann", ulkt Maschinenbauer Engel. "Die Arbeitskosten werden sicherlich nicht mehr steigen, die Produktivität lässt sich noch erheblich ausbauen, weil wir über hervorragend ausgebildete Fachkräfte verfügen." "Wir haben die besten Voraussetzungen für eine funktionierende Wirtschaft", sagt Friedhelm Loh, Chef der gleichnamigen Unternehmensgruppe aus Haiger im Westerwald, Weltmarktführer für Schaltschrank- und Gehäusesysteme, die weltweit 10.000 Leute beschäftigt. "Die Infrastruktur ist ausgezeichnet, das Rechtssystem sicher, Streiks sind selten, die Gesellschaft ist stabil. Außerdem ist die geografische Lage exponiert."

Mitten in Europa - die Position bietet auch strategisch einen erheblichen Vorteil. "Wir können zu normalen Bürozeiten mit der gesamten Hemisphäre kommunizieren", sagt Puma-Chef Zeitz. Morgens mit Asien, ab dem Nachmittag mit den USA. Hinzu kommt die Nachbarschaft zu Osteuropa - einem der hoffnungsvollsten Märkte der Welt. "Als Deutsche sind wir einfach näher dran als Amerikaner oder Asiaten", sagt der Puma-Mann.

Noch immer sind Produkte "Made in Germany" - oder besser "Made by German Companies" - gefragt: 2003 verkaufte die drittgrößte Wirtschaftsnation der Welt und die größte Europas Waren für 662 Milliarden Euro - womit Deutschland nach elf Jahren wieder Export-Weltmeister ist. In den ersten vier Monaten dieses Jahres legten die Ausfuhren noch einmal um zehn Prozent zu. Zwar werden diese Zahlen auch durch Eigenheiten der Statistik aufgehellt: Der starke Euro hat den rechnerischen Wert der Exporte steigen lassen, und in vielen deutschen Produkten stecken Teile, die gar nicht hier entstanden sind - etwa ausländische Zulieferungen für die Autobauer. Aber gerade diese Zusammenarbeit hilft den Unternehmen, wettbewerbsfähig zu bleiben.

Und es stehen nicht allein die großen Namen wie Mercedes, Porsche, Bayer, Siemens für die Stärke der deutschen Wirtschaft. Diese ist geprägt durch unzählige Mittelständler, deren Namen kaum einer kennt, obwohl sie in ihrem Spezialgebiet oft Weltmarktführer sind. Allein der Maschinenbauer-Verband VDMA vermutet mehrere hundert dieser "hidden champions" ("heimliche Sieger") in seinen Reihen."In Baden-Württemberg werden mehr Werkzeugmaschinen gebaut als in den gesamten USA", sagt Fraunhofer-Direktor Westkämper. Und das Sortiment der globalen Marktführer reicht noch sehr viel weiter: von der per Mikroprozessor gesteuerten Beinprothese (Otto Bock) über Autoschließsysteme (Huf Hülsbeck & Fürst), Maishäcksler (Claas), Oscar-prämierte Filmkameras (Arnold & Richter) und Druckmaschinen (Heidelberger) bis zu Seifenblasen (Pustefix) und Zierfischfutter (Tetra). Gerade diese Mittelständler wissen den Standort zu schätzen.

Von Huf Hülsbeck & Fürst in Velbert stammen, was kaum ein Autofahrer wissen dürfte, 77 Prozent der in Deutschland und fast jedes vierte der weltweit verbauten Autoschließsysteme. Das Unternehmen produziert in elf Ländern auf vier Kontinenten. "Doch Velbert ist unser Kompetenz-Standort", sagt Firmenchef Ulrich Hülsbeck. "Wir können nirgendwo besser arbeiten als hier." Einfache Dinge lässt auch Huf im Ausland bauen. Aber alle komplexen, innovativen Produkte werden in Deutschland entwickelt und produziert. "Das ist eine Frage der Qualität", sagt der Chef.

"Die automatisierte Produktion hier in Velbert garantiert mehr Sicherheit. Industrieroboter denken nicht an ihre Freundin. Im Ausland gibt es mehr Handarbeit mit einer entsprechenden Fehlerquote." Hülsbeck ist stolz auf seine Mannschaft. "Wir haben hier in Velbert ganz hervorragende Mitarbeiter, Leute, die zur Not auch am Sonntag auf der Matte stehen." "Das Allerwichtigste ist der Faktor Mensch, er entscheidet über Erfolg und Misserfolg im Unternehmen", sagt Hans Georg Näder, Inhaber von Otto Bock Healthcare aus Duderstadt am Rand des Harz. Die Firma ist Weltmarktführer für Prothesen- und Orthopädietechnik, sie exportiert in 140 Länder einfache Gelenkschienen, Designer-Rollstühle, hochkomplexe Spezialprothesen. Näder schätzt "den idealen Standort mitten in Europa, qualifizierte Mitarbeiter, tolle Ingenieure". Das kleine Duderstadt sei ein "wunderbar sicherer Heimathafen, um weltweit Geschäfte zu machen".

Dank der Globalisierung konnte Otto Bock die Zahl seiner Mitarbeiter in den vergangenen zehn Jahren verdoppeln - in Deutschland. Von der Politik erwartet Näder mehr Anstrengungen bei Bildung und Forschung und "verlässliche Rahmenbedingungen". Ansonsten gelte: "Nicht mäkeln, sondern machen." Auch der Erfindergeist der Deutschen ist nicht erlahmt, sie zählen noch immer zu den fleißigsten Tüftlern der Welt. Nach Angaben des Europäischen Patentamtes haben deutsche Firmen vergangenes Jahr 22.700 Patente angemeldet - Platz zwei hinter den USA (31.860) und deutlich mehr als Japan (18.500). Die europäischen Nachbarn folgen weit abgeschlagen. Siemens, Deutschlands Vorzeigekonzern, hält weltweit die meisten Schutzrechte.

Und womöglich ist das Land noch findiger, als es zu erkennen gibt: "Viele Unternehmen melden keine Patente an, weil sie ihr Know-how geheim halten wollen", sagt IPA-Mann Westkämper. Wenn es gilt, aus den guten Ideen ein gutes Geschäft zu machen, sind die Deutschen zuweilen allerdings noch immer etwas dösig. MP3 zum Beispiel, Standard für die Kompression von Musikdateien im Internet, ist vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen (ISS) entwickelt worden, und das Institut kassiert für dessen Nutzung auch munter Lizenzgebühren - aber das große Geschäft mit der Hardware machen asiatische Unternehmen.

Selbst dem viel gescholtenen Verwaltungsapparat können Wirtschaftsbosse etwas abgewinnen. "Er mag kompliziert und zäh sein, aber er ist sehr verlässlich", sagt BHS-Chef Engel. "Wir haben weltweit acht Produktions- und 20 Vertriebsstandorte - ich weiß, wovon ich spreche. In China ist eine Verwaltung, wie wir sie kennen, nicht existent, in den USA ist sie löchrig und in Osteuropa eine Katastrophe." "Wir müssen weiter unser politisches Image in der Welt aufpolieren, dann kommen auch die Investoren", sagt Ernst & Young-Experte Englisch. "Diese Phase hat gerade erst begonnen." Gelingt das, kann durchaus die Post abgehen, wie die Fachleute aus langer Forschung wissen: Steigt die Attraktivität eines Landes deutlich, legen im Folgejahr auch die Direktinvestitionen ausländischer Firmen kräftig zu.

Doch derzeit tun die Politiker aller Parteien noch eine Menge, um ein trostloses Bild vom eigenen Land zu geben - ein Systemfehler, sagt Simon. "Fast jedes Jahr Wahlen, das heißt jedes Jahr Rücksicht nehmen." Der pausenlose Stimmenfang treibt Regierung und Opposition in politischen Minimalismus und permanentes Taktieren: Problem erkannt - und dann verrannt. Hinzu kommt der deutsche Hang zum Kleinmut. Ob Globalisierung oder Vogelgrippe: Die Deutschen sind erst einmal zutiefst erschrocken.

Auch deutsche Manager, geübt in jahrzehntelanger Standortdebatte, bedienen sich gern eines gezielten Zweckpessimismus und mahnen Staatsschutz an, wenn ein Problem dräut. Kurz vor der EU-Osterweiterung warnte jeder dritte Mittelständler vor großen Gefahren für das eigene Geschäft. In der Bevölkerung potenziert sich solche Schwarzseherei zur diffusen Angst: Wandern jetzt alle ab in die Billiglohnländer? Tatsächlich werden dort Hunderttausende neue Jobs entstehen, aber das muss kein Grund zur Panik sein: Die deutsche Autoindustrie hat die Chancen des Ostens früh erkannt und in Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei neue Fabriken gebaut - zugleich beschäftigt die Branche in Deutschland 17 Prozent mehr Menschen als vor acht Jahren. Nur gut, dass sich nicht alle Unternehmen aus dem Rest der Welt von der trüben Stimmung abschrecken lassen. Rund 22000 ausländische Firmen operieren in Deutschland, darunter die 500 größten Unternehmen der Welt, und beschäftigen mehr als 2,7 Millionen Arbeitnehmer. 2003 steckten ausländische Privatinvestoren fast zehn Milliarden Euro in deutsche Unternehmen, wie das britische Institut Centre for Management Buy-Out Research ausgerechnet hat - das bedeutet Platz eins in Europa. Zu neuer Blüte kommen offenbar auch wieder alte Tugenden - Fleiß, Eifer und Zuverlässigkeit. Ob aus Zukunftsangst oder frischem Elan: Im Land der Freizeitweltmeister und der 35-Stunden-Woche wird wieder in die Hände gespuckt. Auch die gern als Dogmatiker beschimpften Gewerkschaften kämpfen vor Ort durchaus kreativ um jede Firma, um jeden Job, auch wenn es wehtut. Falls es sein muss, wird auch wieder 40 Stunden gearbeitet, der Krankenstand in den Betrieben ist gerade auf ein neues Rekordtief gefallen. "Die Bereitschaft der Bundesbürger wächst, sich vom Obrigkeitsstaat als Macher, Versorger und Verteiler zu verabschieden und statt auf staatliche Leistungen mehr auf Eigenleistungen zu vertrauen", sagt Horst Opaschowski, Chef des BAT-Freizeit-Forschungsinstituts. "Die Leistungsgesellschaft und nicht die Anspruchsgesellschaft bestimmt die weitere Entwicklung in Deutschland." Gerade die junge Generation "startet durch".

"Die Deutschen sind in den Köpfen weiter, als es den Anschein hat", glaubt Konzernchef Loh. "Sie wollen Veränderungen und dafür etwas leisten. Ich merke das deutlich in unserem Unternehmen: Die Mitarbeiter stehen hinter mir - auch bei schwierigen Entscheidungen. Packen wir es an, gemeinsam schaffen wir es - das ist eine neu entdeckte deutsche Tugend." Es bewegt sich was - draußen im Land. Schade, dass die Bundesregierung, die einen jahrzehntealten Reformstau auflösen wollte, so vieles vermurkst und verstolpert hat. Schlimm, dass das Vertrauen in die politischen Institutionen gerade jetzt auf einem Tiefpunkt ist. "Deutschland kann mehr", lässt die CDU auf ihre Wahlplakate drucken. Das stimmt - allemal mehr als seine politische Klasse.

Mitarbeit: Kaufmann/Rittgerott/Schmitz/Wintzenburg

von Rolf-Herbert Peters und Arne Daniels / print