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Welthandel: Scharfer Krieg um süße Ware

Mit horrenden Zöllen halten sich die Europäer billige Konkurrenz vom Hals. Zum Beispiel beim Zucker. In der kommenden Woche streiten im mexikanischen Cancún Minister aus 146 Staaten über faire Regeln im Welthandel

Von Osten weht ein scharfer Wind über den Acker im badischen Eppingen. Hans-Jörg Gebhard pickt mit seiner Forke eine Zuckerrübe auf und schleudert sie auf das Laufband der Verlademaschine. Gebhard möchte auf keine Knolle verzichten, sagt er: "Jede Rübe ist ein Verlust." Bis zum Horizont reicht die über 150 Meter lange so genannte Miete, aufgeschichtet nach der Ernte. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein großer Geröllhaufen, schmutzig-braun wie der Ackerboden ringsum. Aber für diesen Berg Rüben bekommt Gebhard von der Südzucker-Raffinerie 35.000 Euro - etwa der Gegenwert des BMW-Kombi, mit dem seine Frau die Thermoskannen mit Kaffee und Tee für ihn und seine Helfer vorbeibringt.

Der 48-jährige Landwirt ist ein Besserverdienender unter den Bauern. Rüben sind bis zu dreimal so rentabel wie Weizen. Immer vorausgesetzt, dass man den richtigen Boden und die nötigen EU-Lieferrechte hat. Gebhard hat beides und kassiert außerdem als Anteilseigner bei 'Südzucker' jedes Jahr Dividenden - zuletzt, am 1. August, waren es 50 Cent pro Aktie. Das hilft auch ein bisschen über die starken Dürreschäden des Sommers hinweg. Die Rübe bringt Wohlstand.

Südafrika: "Mein Vater verdiente noch gutes Geld mit dem Zuckerrohr"

Neuntausend Kilometer weiter südlich rumpelt Mzo Mzonelli im geborgten Toyota über schlecht unterhaltene Feldwege zu seinem Zuckerrohrfeld in der Nähe der südafrikanischen Hafenstadt Durban. Meterhoch ragen die Stangen, aber noch höher ragt das Gras. "Das gehört meinem Vetter! Schaut euch an, wie das aussieht", spottet Mzonelli. Er biegt nach links und stoppt den Wagen vor seinem Feld. Neun Jäterinnen rupfen das Unkraut aus dem Boden. In ihre Gesichter haben die Zulu-Frauen Schlamm geschmiert, um die Haut gegen die Sonne und die scharfen Kanten der Blätter zu schützen. 11,5 Hektar besitzt Mzo Mzonelli. Schon sein Vater, Großvater und Urgroßvater haben hier Zuckerrohr angebaut. Aber anders als sie kann Mzonelli davon kaum leben. Nur etwa 5000 Euro bringt dem massigen 62-Jährigen die jährliche Ernte.

Ein Glück, dass er als Ex-Angestellter der Stadtverwaltung von Durban eine Pension kassiert. "Mein Vater verdiente noch gutes Geld mit dem Zuckerrohr", sagt er. Aber seitdem sind die Preise gesunken. Gut 20 Dollar pro Tonne Rohr bekommt ein Farmer in Südafrika heutzutage - mehr gibt der Markt nicht her. Gebhards Rüben bringen das Doppelte. Zuckerrohr dagegen macht arm.

Protektionismus der Reichen

Schuld ist die europäische Agrarpolitik - und in diesem Fall eine kompliziert klingende Brüsseler Regelung: die EU-Zuckermarktordnung. In Wahrheit schaltet sie den Markt eher aus - und gilt darum Kritikern als Kardinalbeispiel für den Protektionismus der Reichen. Denn während die Länder des Nordens ihre Autos, Computer oder Pharmaprodukte weltweit ungehindert verkaufen wollen, schotten sie bis heute die eigenen Märkte für die Produkte ab, bei denen die Länder des Südens günstiger produzieren: vor allem Textilien und Agrarprodukte wie Zucker oder Getreide.

Die Europäer treiben es besonders schlimm. Sie subventionieren ihre Bauern fast doppelt so hoch wie die USA, produzieren damit große Überschüsse und drücken die dann dank Brüsseler Beihilfen zu Niedrigstpreisen in die Weltmärkte. Das nimmt Bauern wie Mzonelli erstens die Exportchancen und verdirbt ihnen zweitens die Preise.

EU-Zucker "nicht wettbewerbsfähig"

"Verglichen mit raffiniertem Rohrzucker" sei EU-Zucker eigentlich überhaupt "nicht wettbewerbsfähig", konstatierten Ökonomen in einer Studie für die EU-Kommission. Die durchschnittlichen Produktionskosten in der EU sind 1,8- bis 2,3-mal höher als in den großen Rohrzuckerländern. Zuckerrohr wächst in den Tropen fast wie Gras, jedenfalls deutlich billiger und besser als die Rüben im Norden. Und die Lohnkosten im Süden sind lächerlich niedrig. Mzonellis Jäterinnen hacken das Unkraut zu je 20 Rand für sechs Stunden Arbeit - das sind 2,50 Euro.

Doch weil die Europäer die Wettbewerber mit Zollmauern und Exportbeihilfen ausschalten, avancierten sie zu den zweitgrößten Zuckerexporteuren der Welt nach Brasilien - und brasilianische oder südafrikanische Farmer werden durch hohe EU-Einfuhrzölle gehindert, billigere Ware nach Europa zu liefern. Das, so kritisiert die Weltbank, halte im Süden viele in Armut - was die Europäer dann wiederum mit Entwicklungshilfe bekämpfen. Südafrika bekommt von 2000 bis 2006 insgesamt 886 Millionen Euro aus Brüssel.

Erst gegeben, dann genommen

"Es wäre absolut vernünftig, in Europa keinen Zucker zu produzieren", sagt der südafrikanische Zuckerfarmer Rodger Stewart. Als Vorsitzender der Weltvereinigung der Rüben- und Rohranbauer trifft Stewart oft auf Kollegen aus Europa. Einmal fragte er einen deutschen Anbauer: "Stellt euch vor, jedes Land würde seine eigenen Luxusautos produzieren und sich mit Zöllen gegen den Import von deutschen Wagen abschotten. Wo wäre dann Mercedes?" Der Deutsche, sagt Stewart, "wechselte darauf das Thema".

Es geht nicht nur um Zucker. Schockiert lernte EU-Entwicklungskommissar Poul Nielson im vergangenen Jahr bei einem Besuch in der Dominikanischen Republik, wie die Europäer auf der karibischen Insel ihre eigene Entwicklungshilfe unterminieren. Während Brüssel in dem Land 23 Millionen Euro für die Förderung der Milchproduktion investiert, ruinieren subventionierte EU-Milchpulverexporte die Arbeit der lokalen Farmer. Viele Bauern gingen durch den unfairen Wettbewerb bankrott. Was Brüssel mit der einen Hand gibt, wird mit der anderen wieder genommen. Und der europäische Steuerzahler berappt doppelt - erstens für Entwicklungshilfe, zweitens für Exportsubventionen. Globalisierung goes gaga.

Geheimnisvolle Zolleskalation

Der europäische Protektionismus versteckt sich in vielen komplizierten Bestimmungen, die kaum einer kennt - etwa bei der so genannten Zolleskalation. Bis heute zwingt die EU Importeure, verarbeitete Produkte bei der Einfuhr höher zu verzollen als Rohprodukte. Der Tarif für die fertige Hose beträgt 12,2 Prozent und damit mehr als für den Stoff (8,2) oder das Garn (4,2). Rohe Baumwolle dagegen kann völlig frei eingeführt werden. Der Aufbau einer Verarbeitungsindustrie in der dritten Welt wird damit blockiert, Textilhersteller in Europa können sich hinter der Zollmauer vor Wettbewerbern schützen. "Die Zolleskalation konterkariert alle Entwicklungsanstrengungen", klagt Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul.

Eppingen:"Wenn man die Rüben wegnimmt, gehen bei uns die Lichter aus"

Auf dem Acker bei Eppingen schaut Gebhard auf seinen Knollenhaufen und macht eine ganz andere Rechnung auf. "Wenn man die Rüben wegnimmt, gehen bei uns die Lichter aus", sagt er. "Wir müssen existenziell kämpfen um den Erhalt der Marktordnung." Nur wenn sie bleibt, will er seinen beiden Söhnen raten, den Hof zu übernehmen, der seit dem 19. Jahrhundert im Familienbesitz ist. Ohne EU-Schutz gebe es in Eppingen nicht mehr fünf, sondern nur noch einen Vollerwerbsbauern. Die EU-Zuckermarktordnung koste den Steuerzahler ja kaum etwas, argumentiert der Bauer. In der Tat: Anders als Weizenbauern oder Rinderzüchter kassieren die Knollenfarmer keine milliardenschweren Direktzahlungen. Die EU fixiert nur die Quoten, definiert Mindestpreise und schottet den Markt mit hohen Zöllen ab.

Verbraucher zahlt die heimliche "Zuckersteuer"

Den Steuerzahler schmerzt das wenig - aber umso mehr die Verbraucher. Die zahlen eine heimliche "Zuckersteuer", klagt Tobias Bachmüller, Chef des Lakritzherstellers Katjes. Privathaushalte und Industrie in der EU berappen, gemessen am Weltmarktpreis, pro Jahr bis zu 6,5 Milliarden Euro zu viel für Zucker, schätzt der Europäische Rechnungshof. "Insbesondere einkommensschwache Familien" seien davon betroffen, denn Zucker ist ein Grundnahrungsmittel.

Was hier passiere, sei eine "Einkommensumverteilung" zugunsten von 260.000 Bauern, die damit "weit höhere Einkommen" erzielen als ihre Zunftgenossen, sagt der Hannoveraner Ökonom Erich Schmidt. Zucker ist ein Lehrbeispiel dafür, wie Protektionismus einer kleinen Interessengruppe nutzt - auf Kosten der Allgemeinheit. Der europäische Marktführer Südzucker verzeichnet selbst jetzt in der allgemeinen Wirtschaftsflaute einen um 34 Millionen Euro steigenden Gewinn. Die Mannheimer haben sich mit Nordzucker und Pfeifer & Langen den deutschen Markt aufgeteilt - jeder beliefert vor allem seine eigene Region. Südzucker dominiert außerdem die Zuckermärkte in Belgien und Österreich. "Das ist ein gut organisiertes Kartell", sagt der Europaabgeordnete und Zuckerexperte Paulo Casaca.

Trippelschritte aus Brüssel

Nur mit Trippelschritten nähert sich Brüssel einem faireren Welthandel. Selbst die ärmsten Länder der Erde wie Mosambik dürfen erst ab 2009 Zucker zollfrei in die EU liefern. Agrarkommissar Franz Fischler setzte jetzt eine Reform durch, die die EU-Agrarsubventionen zwar nicht kürzen, aber künftig so gestalten soll, dass sie den Handel etwas weniger verzerren. Das gilt aber nicht für die Zuckerpolitik - die will Fischler erst später umgestalten.

Selbst die grüne Landwirtschaftsministerin Renate Künast stemmt sich gegen eine radikale Reform des Zuckerregimes. Die könnte angeblich Kleinbauern "in den Ruin treiben". Dabei würde die baldige Übertragung des EU-Systems auf Osteuropa Subventionswirtschaft und die Überschussproduktion sogar noch ausweiten.

Brasilien klagt gegen EU-Zuckerpolitik

Darum werden die Entwicklungsländer zunehmend rebellisch. Schon hat Brasilien bei der Welthandelsorganisation WTO Klage gegen die EU-Zuckerpolitik eingereicht. Blockiert die europäische Agrarlobby Zugeständnisse, könnte sogar die geplante Handelsliberalisierung der so genannten Doha-Runde scheitern. Die deutsche Exportindustrie setzt auf Doha große Hoffnungen. Aber selbst Fischler malte schon mal einen "Zusammenbruch" der Gespräche an die Wand. Bauer Gebhard wäre damit gerettet, Farmer Mzonelli würde fluchen - und mit ihm die deutsche Industrie.

Hans-Martin Tillack / print