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Nachhaltige Mode: Wie Primark sich um ein grüneres Images bemüht – und damit nicht alleine ist

Der Modehändler Primark steht wie kaum ein anderes Unternehmen für "Fast Fashion", für besonders kurzlebige Mode, die schnell in der Tonne landet. Doch dieses Image will Primark loswerden. Auch andere Textilhersteller wollen nachhaltiger werden.

Eine Filiale von Primark

Primark will das fiese Umweltsünder-Image loswerden. Wie kaum ein anderes Unternehmen steht Primark für "Fast Fashion", für Mode, die in der Tonne landet.

Picture Alliance

Ob in Berlin, Hamburg, oder kürzlich in Bonn: Wenn ein neuer Primark eröffnet, sind die Bilder überall die gleichen. Vor den noch geschlossenen Türen der Filiale reihen sich die Menschen in lange Schlangen, etwas abseits sammeln sich Protestler. Modehändler wie Primark spalten: in Fans der Billig-Mode und Kritiker, die dem Unternehmen Mitschuld an der Ausbeutung von Mensch und Natur sowie der Wegwerf-Mentalität bei Bekleidung geben. 

Primark erobert erfolgreich die Innenstädte Europas - und legt ein beeindruckendes Wachstum hin. Allein zwischen 2008 und 2018 verdreieinhalbfachte sich der Umsatz auf 7,5 Milliarden Pfund. Die Billig-Preise gehen zu Lasten des Gewinns. Dennoch: Allein in den ersten sechs Monaten 2019 machte der operative Gewinnen einen Sprung um 25 Prozent auf 426 Millionen Pfund. Doch bei all diesen Wachstumszahlen ist das Image von Primark ramponiert. Die Wegwerfmode, die in Asien unter fragwürdigen Bedingungen genäht wird, ist wenig nachhaltig.

Primark will nachhaltig werden

Dieses Image des Unternehmens soll Paul Lister verändern. Er kümmert sich bei Primark um ethischen Handel und ökologische Nachhaltigkeit. Dass die billige Mode von Primark in direktem Zusammenhang mit Ausbeutung zu tun hat, findet er unfair. "Nachhaltigkeit und Preis haben nichts miteinander zu tun. Wir prüfen 3500 Mal im Jahr Fabriken unserer Lieferanten, wir haben mehr als 110 Leute zur Überprüfung unserer Standards vor Ort, wir bieten Schulungen an und übernehmen Verantwortung für die Menschen, die in den Fabriken unserer Lieferanten unsere Produkte herstellen. Das lässt sich nicht am Preis ablesen", sagte er jüngst zu "Orange", den Jugendportal des "Handelsblatts". Primark lässt - wie viele andere Textilhersteller auch - in Billiglohnländern wie Bangladesch, Korea, El Salvador, Nicaragua, China oder auf den Philippinen produzieren. Laut Lister verdient ein einfacher Näher in Bangladesch umgerechnet 86 Euro pro Monat. Damit zahlt Primark den Mindstlohn. Bangladesch erzielt 80 Prozent seiner Exporteinnahmen durch Textilenverkäufe, die Branche ist ein wichtiger Treiber für die Wirtschaft im Land. 2018 wurde Bekleidung im wert von 30 Milliarden Dollar ins Ausland verschifft. Trotzdem gehören Näherinnen und Näher im Land zu den am schlechtesten bezahlten Arbeitnehmern. 

Listers Hauptargument gegen die Kritiker: Primark lasse in denselben Fabriken produzieren, in denen auch teure Markenware entsteht. Doch diesen Herstellern würde man kein mieses Zeugnis ausstellen. "Primark besitzt keine eigenen Fabriken, sondern teilt sich 98% der Fertigungsstätten mit anderen Marken und Einzelhändlern. Wir wissen, wer sonst noch in diesen Fabriken produziert. Bei Besuchen steht dort groß: 'Willkommen Primark!' und darunter 'Willkommen X!'. Da wird unser Shirt für vier Euro gemacht, das andere für 65 Euro", so Lister weiter. Die Bedingungen vor Ort seien dieselben. "Ich habe daher aufgehört, teure Kleidung zu kaufen. Was kaufe ich? Ein kleines Logo oben in der Ecke. Und dafür zahle ich dann 60 Euro mehr."

Mode zum Wegwerfen

Das Problem: Primark verkauft Bekleidung so billig, dass die Kunden massenhaft Klamotten aus den Filialen schleppen. Ein Shirt für einen Euro, Schuhe für vier Euro - da erklärt sich schnell, warum es in den Filialen riesige Einkaufskörbe gibt. Laut einer Studie von Greenpeace kaufen die Deutschen Durchschnittlich 60 Kleidungsstücke pro Jahr. Knapp zwei Drittel der Befragten schmeißt Klamotten weg, weil sie nicht mehr gefallen, rund die Hälfte hat noch nie ein Kleidungsstück zum Schneider gebracht, um es ausbessern oder ändern zu lassen. Wenn's nicht mehr gefällt oder passt, fliegen die Klamotten eben raus.

Diese Wegwerf-Kultur wird durch die Billigpreise der Bekleidungsdiscounter befeuert - sagen die Kritiker. "Ich bin mir sicher, dass unsere Kunden den Wert und die Qualität unserer Produkte schätzen. Die Mehrheit unserer Kunden kauft bei uns, weil sie sich nur die Kleidung von Primark leisten kann. Sie haben nicht viel Geld zur Verfügung. Primark verkauft Mode, die für alle erschwinglich ist", kontert Lister. "Daher glaube ich, dass unsere Kunden nicht kaufen, um wegzuschmeißen, sondern weil sie die Qualität der Kleidung schätzen."

Ob das nun so stimmt? Klar ist: So kann es für Primark nicht weitergehen. Deshalb will das Unternehmen in den kommenden Jahren Schulungen in Indien und Pakistan anbieten, um die Bauern für den Anbau nachhaltig produzierter Baumwolle fit zu machen.

H&M und C&A machen Druck

Auch andere Textilhersteller haben längst reagiert. Und setzen vermehrt auf Baumwolle, die nachhaltig hergestellt wird. So plant H&M bis 2020 nur noch nachhaltig hergestellte Baumwolle zu verwenden. Bis 2030 sollen alle Materialen der Kette nachhaltig sein. Und ab 2040 will H&M komplett klimaneutral produzieren. Auch C&A will grüner werden: Rund 40 Prozent der Baumwollklamotten besteht bereits aus zertifizierter Bio-Baumwolle. Im kommenden Jahr sollen es 100 Prozent sein.

Allerdings muss unterschieden werden: Bio-Qualität und nachhaltig hergestellte Baumwolle sind nicht automatisch das gleiche. Bei zertifizierter Bio-Qualität greifen strenge Standards, nachhaltig produziert bedeutet zumindest, dass weniger Pestizide und Wasser eingesetzt werden. Wirklich, richtig "grün" ist diese Baumwolle noch nicht. 

Klar ist: Die Firmen bewegen sich. Laut einer Untersuchung der gemeinnützigen Organisation "Textile Exchange" sind die Top-Abnehmer von Bio-Baumwolle Firmen wie C&A, H&M, aber auch der Zara-Mutterkonzern Inditex und Aldi. Auch wenn die Mode nachhaltiger wird, weniger Ressourcen beschwendet und mehr recycelt wird, bleibt die Wegwerf-Mode ein Klimaproblem. Denn die weltweite Textilproduktion emittiert zwischen 1200 bis 1715 Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid pro Jahr und somit mehr als alle internationalen Flüge und die Seeschifffahrt zusammen, berichtet "Quarks". Diese Gase entstehen bei der Produktion, Fertigung, Gebrauch und der Entsorgung von Kleidung. Daher ist weniger Mode die nachhaltigste Wahl. "Die schiere Menge an billiger Wegwerfware, die durch Fast Fashion auf den Markt gespült wird, kann niemals nachhaltig sein", sagt Viola Wolgemuth von der Umweltschutzorganisation Greenpeace zur "dpa".

kg