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Erdöl und E-Autos Öl-Gigant Norwegen: Umweltsünder oder Klima-Vorreiter?

Eine norwegische Bohrplattform in der Nordsee
Eine norwegische Bohrplattform in der Nordsee
© Carina Johansen / NTB Scanpix / AFP
Norwegen gehört zu den größten Öl- und Gasförderern der Welt. Dennoch produziert das Land fast 100 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Quellen und fährt eine E-Auto-Offensive. Wie funktioniert dieser Spagat?

Das skandinavische Norwegen ist bekannt für seine Fjorde, Wälder, Berge und Polarlichter – aber auch für die groß angelegte Förderung von Erdöl und Erdgas. Riesige Bohrinseln stehen vor der Küste Norwegens in der Nordsee. Für manche ist das Land daher ein Umwelt- und Klimasünder. Doch fast 100 Prozent des in Norwegen produzierten Stroms kommt aus erneuerbaren Quellen – und der Staat will mit einer Elektroauto-Offensive den CO2-Ausstoß auf den Straßen deutlich senken, was Norwegen auch zu einem Vorreiter in Sachen Klima macht.

Was ist Norwegen nun? Umweltsünder oder doch Klima-Vorreiter? Ein Blick auf die Zahlen und Fakten in Norwegen zeigt, dass das Thema komplexer ist und sich keinesfalls schwarz-weiß malen lässt. Es gibt häufig zwei Seiten einer Medaille, wie die Betrachtung von fünf Bereichen zeigt. 

Norwegen und seine fossilen Ressourcen

Ende der 1960-er Jahre begann das Öl bei den Norwegern zu sprudeln. Öl- und Gassektor wuchsen immer weiter. "Den norske stats oljeselskap" – dt.: "Ölgesellschaft des norwegischen Staates" – wurde gegründet, besser bekannt unter dem Namen Statoil.

Die Öl- und Gasindustrie wurde zu Norwegens wichtigstem Wirtschaftszweig. Nach Angaben der norwegischen Regierung beschäftigt die Erdölindustrie in Norwegen direkt und indirekt 170.000 Menschen – bei einer Bevölkerung von knapp 5,3 Millionen Einwohnern. Das norwegische Petroleum-Direktorat gibt die Zahl mit 225.000 für das Jahr 2017 an.

Laut Informationen des deutschen Bundeswirtschaftsministeriums förderte das skandinavische Land im Jahr 2018 rund 84 Millionen Tonnen Erdöl. Das ist zwar weniger als vor knapp 20 Jahren (2001 waren es demnach 163 Millionen Tonnen), dennoch liegt Norwegen damit vor Ländern wie Großbritannien, Algerien oder Libyen. Beim Erdgas liegt Norwegen auf Platz acht der Fördernationen, wie das statistische Jahrbuch zur globalen Energie 2020 zeigt. Norwegen fördere demnach 118 Milliarden Kubikmeter Erdgas – mehr als Saudi-Arabien oder Algerien.

Norwegen setzte darauf, die Ressourcen möglichst moderat zu fördern, um nicht zu schnell von anderen abhängig zu werden. Gleichzeitig wurde bestimmt, dass Öl- und Gasgeschäft umweltverträglich gestaltet werden sollten. Dennoch gab es Protest von Umweltorganisationen und der Fischerei, die der Ansicht waren, dass man die Gebiete vor der Ressourcenausbeutung schützen müsse.

Heute wird auf norwegischem Grund aus mehr als 110 Feldern Öl und Gas gefördert. Zum Jahreswechsel 2019/2020 gab es etwa 95 Entdeckungen, die für die Entwicklung in Betracht gezogen werden oder werden können. 

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Norwegen und sein CO2

Die Förderung dieser fossilen Ressourcen geht auf Kosten des Klimas: Nach Angaben des norwegischen Statistikbüros wurden auf norwegischem Gebiet im Jahr 2018 43,8 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen – 13,7 davon entfielen auf die Öl- und Gasförderung. Das entspricht ungefähr 30 Prozent. 8,3 Tonnen CO2 entfallen pro Kopf in Norwegen – im Vergleich zu 6,7 im EU-Schnitt, so die "Norwegische Klimastiftung". Die Werte gehen in Norwegen allerdings zurück.

Für "Natur og Ungdom" – einer norwegischen Jugendbewegung für die Umwelt, die schon 1967 gegründet wurde und sich an den Klimastreiks von Fridays for Future beteiligt – ist es deshalb an der Zeit, Schluss mit Öl und Gas zu machen: "Es wurde bereits genug Kohle, Öl und Gas auf der Welt gefunden, um den Globus zum Kochen zu bringen. Natur og Ungdom fordert, dass keine neuen Lizenzen für Ölaktivitäten erteilt werden und dass ein Plan erstellt wird, wie die Ölaktivitäten in Norwegen verkleinert werden sollen", heißt es in ihrem Internetauftritt.

Die Bewegung sagt, Norwegen habe mit "dem Export des Klimawandels" ein Vermögen verdient; das Land müsse Verantwortung übernehmen. "Wir müssen sowohl unsere Wirtschaft umstellen als auch unseren Verbrauch von Öl und Gas und neue erneuerbare Lösungen entwickeln." Greenpeace Norwegen kritisiert, dass die norwegische Ölindustrie die Treibhausgasemissionen seit 1990 um 80 Prozent erhöht habe. 

Norwegen hat sich verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 50 bis 55 Prozent zu senken. Dafür will die Regierung in das Projekt "Langskip" investieren – ein Programm zur Abscheidung und unterirdischen Speicherung von CO2, auch CCS (Carbon Capture and Storage) genannt. Ministerpräsidentin Erna Solberg spricht von einem "Meilenstein in den Industrie- und Klimabemühungen der Regierung" und fügt hinzu: "Das Projekt wird die Emissionen senken und neue Technologien und damit neue Arbeitsplätze schaffen." Die Gesamtinvestitionen sollen sich auf umgerechnet mehr als 1,5 Milliarden Euro belaufen.

"Damit senken wir die Emissionen und nicht die Entwicklung", sagt die Ministerin für Erdöl und Energie, Tina Bru. Es sei eine Klimapolitik, die funktioniere. Auch für die Vereinten Nationen könne die Methode "in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Minderung der Kohlenstoffemissionen" spielen. Es sei "eine Schlüsseltechnologie für die langfristige Dekarbonisierung des Energiesektors". Es müsse CO2 in großem Umfang abgefangen und gespeichert werden, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen, so der norwegische Klimaminister Sveinung Rotevatn: "Nicht alle Emissionen können durch den Einsatz erneuerbarer Energien gesenkt werden."

Auch die Öl- und Gasindustrie will klimafreundlicher werden – und setzt dabei ebenfalls auf das CCS-Prinzip, wie etwa Equinor, Nachfolger von Statoil, der das CO2 in der Nordsee lagern will. Der norwegische Interessenverband Norge olie & gas sieht in CCS eine "wichtige Lösung", um "ehrgeizige Ziele in Norwegen, Europa und weltweit zu erreichen".

Umweltorganisationen kritisieren CCS allerdings. Greenpeace Deutschland spricht etwa von einer "Mogelpackung": "Die Endlagerung von CO2 unter der Erde bedeutet für zukünftige Generationen ökologische und wirtschaftliche Altlasten. Es besteht die Gefahr von lebensgefährlichen Leckagen." Hinzu kämen erhebliche Kosten. Die Methode sei ein "gefährlicher Irrweg", der "keinerlei Beitrag zum Klimaschutz" leisten könne. 

Norwegen und sein "grüner" Strom

Norwegen gewinnt seinen Strom fast zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen. 94,3 Prozent der Energie werden laut Energieministerium durch Wasserkraft gewonnen, 3,4 Prozent durch Windkraftanlagen. Auch bei der Erzeugung von Fernwärme stehen Öl und Gas an hinterster Stelle: 2017 machten sie zusammen fünf Prozent der Fernwärmeproduktion aus, der Großteil kommt aus der Abfallverbrennung.

Doch diese Zahlen haben einen Makel – und der heißt Herkunftsnachweis. Ein solcher Nachweis bescheinigt, wie und wo der Strom aus erneuerbaren Energien produziert wurde. Der Großteil der für die norwegische Stromerzeugung ausgestellten Garantien wird ins Ausland verkauft, wie die Zeitschrift "Teknisk Ukeblad" bereits vor zwei Jahren berichtete.  

Im Klartext: Fast 100 Prozent des in Norwegen erzeugten Stroms kommen aus erneuerbaren Quellen – aber der Anteil des mit Herkunftsgarantie verkauften Stroms liegt bei nur 19 Prozent. Von den anderen 81 Prozent ohne Garantie für Öko-Strom sind 57 Prozent aus fossilen Energien und knapp ein Viertel aus Kernkraft, wie ein Bericht des Analysezentrums "Oslo Economics" zeigt (Stand 2018). Das liegt daran, dass Norwegen am europäischen Stromnetz hängt und davon ausgegangen wird, dass der Strom ohne Garantie dieselbe Produktionszusammensetzung hat wie die Energie im Rest Europas. Das heißt dann "European Attribute Mix". Wer also denkt, dass alle Norweger Öko-Strom beziehen, der irrt sich.

Norwegen und seine Elektroautos

Der Verkehr sorgt auch für viel CO2: 13,2 Millionen Tonnen nach Angaben des norwegischen Statistikbüros. Das ist fast so viel wie der Öl- und Gassektor. 1,3 Millionen Tonnen entfallen dabei auf Inlandsflüge, 3,0 Millionen auf Seefahrt und Fischerei und 4,6 Millionen auf PKW.

An dieser Front tut sich aber etwas: Selbstbewusst sagt die Regierung, es gebe kein anderes Land auf der Welt, das über mehr Elektroautos pro Kopf verfüge als Norwegen. Norwegens Statistikbüro meldet, dass mehr als 260.000 E-Autos registriert seien, eine Steigerung um 33 Prozent zum Vorjahr – eines von zehn Autos fahre elektrisch.  

Ein Elektroauto lädt an einer Ladestation
Ein Elektroauto lädt an einer Ladestation
© Hendrik Schmidt / DPA

Dass E-Autos sich so gut verkaufen, hängt mit Regierungsanreizen zusammen: Befreiung von Steuern und Maut, kostenlose oder vergünstigte Fährüberfahrten mit Elektroauto, Mitbenutzung von Busfahrstreifen und kostenfreie Parkplätze. Auch die vielen Ladepunkte – insgesamt 14.737 – machen eine Anschaffung attraktiv. Bis 2021 will man diese Anreize beibehalten und danach anpassen.

Norwegens Regierung hat in einem nationalen Transportplan ehrgeizige Ziele beschlossen. Ab 2025 sollen alle neuen PKW elektrisch oder mit Wasserstoff betrieben werden; Busse sollen emissionsfrei fahren oder mit Biogas. Und bis 2030 sollen neu zugelassene Lieferwagen, 75 Prozent der neuen Fernbusse und 50 Prozent der neuen Lkw emissionsfrei sein.

Norwegen und sein Ölfonds

Wenn in Norwegen bald fast alle Fahrzeuge emissionsfrei sein sollen und fast ausschließlich grüner Strom produziert wird – was macht das Land dann mit seinem ganzen Öl und Erdgas? Die simple Antwort: Geld verdienen.

Abgesehen von den hohen Steuern auf Öl und Gas lässt Norwegen die Einnahmen aus deren Verkauf der Bevölkerung zugutekommen. In den 1990er-Jahren richtete man den Petroleumfonds ein, in den ab 1996 eingezahlt wurde. Die Gelder sollen unter anderem Verwaltung, Bildung und öffentliche Dienste fließen und auch an die nachkommenden Generationen gehen – für die Zeit, wenn das Öl aufgebraucht ist. Man will mit dem Fonds den Wohlstand so lange wie möglich erhalten.

Der Fonds ist zudem ein Puffer für die Staatsfinanzen. Überschüsse im Staatshaushalt werden in den Fonds überwiesen, während Defizite durch Inanspruchnahme des Fonds gedeckt werden. Die norwegische Regierung kann jedes Jahr zwar nur einen kleinen Teil des Fonds ausgeben, dies macht jedoch immer noch fast 20 Prozent des Staatshaushalts aus. Anfang 2020 enthielt der Fonds mehr als zehn Billionen norwegische Kronen – umgerechnet rund 937 Milliarden Euro – und ist weiter steigend, wie Norges Bank zeigt.

Es bestehe vollständige Transparenz darüber, wo der Fonds angelegt ist, so die Bank. Der Fonds ist an mehr als 9000 Unternehmen beteiligt, auch in Deutschland: Nach Angaben von Norges Bank waren es 2019 39 Milliarden US-Dollar. Zu den Firmen zählten unter anderem Beiersdorf, Lufthansa, Volkswagen und Hugo Boss. Inzwischen komme nur die Hälfte der Einlagen in den Fonds aus Öl- und Gaseinnahmen, die andere Hälfte aus Investitionen in Aktien, festverzinsliche Wertpapiere und Immobilien.

Das Finanzministerium hat für die Fondsgeschäfte einen unabhängigen Ethikrat eingerichtet, der Bewertungen von Unternehmen durchführt. Die Empfehlungen gehen dann an den Norges Bank-Vorstand, der dann die endgültige Entscheidung über Ausschluss, Beobachtung oder Investition trifft. Kriterien sind etwa Achtung der Menschenrechte oder ob Massenvernichtungswaffen hergestellt werden.

Dennoch finden sich im Portfolio Namen von Firmen, die in der Vergangenheit durchaus häufiger kritisiert wurden: der Lebensmittelkonzern Nestlé, der Modekonzern Hennes & Mauritz (H&M), oder der Ölkonzern ExxonMobil in den USA. Auch hier hat die Medaille also zwei Seiten.


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