Früher war StudiVZ praktisch und auch sehr nett, findet Sebastian Pittelkow. Aber heute? Zu viel hat sich geändert. In einem offenen Brief erklärt der Leipziger Student seinen Freunden die Entscheidung: Er wird das Studentenportal verlassen und ins reale Leben zurückkehren

Sebastian Pittelkow will sein Profil löschen und StudiVZ verlassen© Sebastian Pittelkow
Ahoi, Freunde. Ich trete aus.
Ihr könnt mir glauben, die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Aber viel zu lang fühle ich mich in dieser Gemeinschaft nicht mehr wohl. Warum, werdet ihr mich fragen. Hatten wir doch hier gemeinsam in den letzten beiden Jahren jede Menge Spaß.
Stimmt. Wir haben uns über das StudiVZ verabredet, uns ernsthafte und sinnfreie Nachrichten zugesandt oder über die letzte Party ausgetauscht. Ich entdeckte manch verloren geglaubten Bekannten wieder und erreichte schnell meine besten Freunde. Eure Fotoalben waren auch alle echt spannend! Ach, und da gab es ja auch noch dieses "Gruscheln", der Button, mit dem man seine Freunde in einer virtuellen Mischung aus Kuscheln und Grüßen bedenken kann - eine der besten Möglichkeiten, im Internet sinnlos Zeit zu vergeuden.
Die eigentliche Idee des virtuellen Netzwerkes, die sich das StudiVZ bei seiner Gründung selbst auferlegte, ging dabei schnell verloren. Als mich vor etwa zwei Jahren ein Freund auf die Community aufmerksam machte, trat ich sofort ein. Der Grund war simpel: Ich schrieb während der Semesterferien mit ihm und anderen Kommilitonen eine Hausarbeit. Wir alle studierten zusammen in Leipzig Journalistik, verbrachten die Ferien aber in unseren Heimatorten, die über ganz Deutschland verteilt liegen. Durch die kurzen Absprachen im StudiVZ ersparten wir uns endlos lange und teure Telefonkonferenzen und verloren uns nebenbei auch nicht aus den Augen. So wie wir nutzten es anfangs viele meiner Studienfreunde. Manche tauschten auch Bücher, andere sogar Seminarplätze. Aber bald verselbstständigte sich das Netzwerk. Heute klaffen dessen Grundidee und das Nutzungsverhalten der Mitglieder weit auseinander.
Inzwischen tauschen sich über die Community nicht mehr nur Studenten, sondern auch Absolventen, Schüler und Auszubildende aus. Die Mitglieder verfolgen heute andere Interessen und beschäftigen sich nur noch selten mit dem Studium. So entsteht ein Netzwerk ohne echte Eckpfeiler, die Zielgruppe verschwimmt. Themen, die das Leben heute in StudiVZ bestimmen, sind eine Mischung aus Voyeurismus, Party, Spaß und "Mensch ... Du auch hier?". Der Rest ist billige Anmache. Oft hört man von Jungs und Mädchen, die sich vor Nachrichten mit schlechten und eindeutigen Sprüchen nicht mehr retten können. Schaut man dann auf ihr Profil, weiß man auch sofort warum. Die Möglichkeit, private Fotos auf ihre Seite zu laden, nutzen viele um sich zu präsentieren. Da lachen einen muskelbepackte Kerle fernab vom Studienalltag am Strand von Mallorca an. In anderen Fotoalben prahlen Tussis in Discos mit ihren oft zu dicken Hintern. Mein Gott, wo sind wir gelandet! Diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten dürfte nicht einmal der stärkste Server auf Dauer standhalten.
Anfangs habe ich noch versucht, dem ganzen Schmutz mit Humor zu begegnen, gab diesen Versuch aber alsbald auf und zog mich immer mehr ins reale Leben zurück. Das aber auch da das StudiVZ inzwischen folgenschwere Auswirkungen haben kann, bewiesen mir die Erfahrungen zweier Freunde: Nach einem Vorstellungsgespräch für einen Job erkannte ein Freund eine Angestellte der Firma als letzten Besucher seines Profils wieder. Noch zwei Stunden zuvor hatte sie ihn im Gespräch auf Herz und Nieren geprüft. Nun schnüffelte sie auf seiner Seite, um noch mehr private Details von ihm zu erfahren. Einem anderen Bekannten wurde seine Mitgliedschaft bei einer Bewerbung gar zum Verhängnis. Er war Mitglied in der StudiVZ-Gruppe " Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird". Seinem Chef in spe gefiel das nicht. Trotz seiner Qualifikationen bekam mein Kumpel ausdrücklich deshalb den Job nicht.
Weil das keine Einzelfälle sind, legen sich nun viele User ein Pseudonym zu. Sie führen auf absurde Weise ein Schattendasein in einer ohnehin schon irrealen Welt. Noch ein weiterer Grund treibt viele in die Dunkelheit. Nachdem das Portal 2007 für 55 Millionen Euro an den Holtzbrink-Verlag verkauft wurde, bemühte sich der neue Eigentümer sehr schnell, die allgemeinen Geschäftsbedingungen zu ändern. Die Daten der User sollten für personalisierte Werbung genutzt werden. Parolen wie "Stasi-2.0" und "SchnüffelVZ" tauchten im Netz auf. Die ersten Mitglieder traten aus. Auch der aktuelle, überarbeitete Entwurf der Geschäftsbedingungen ist noch umstritten.
Liebe Freunde, die entscheidenden Gründe für meinen Austritt sind aber viel einfacherer Natur: Wenn ich meinen Alltag gestalte, möchte ich nicht von einem virtuellen Netzwerk abhängig sein. Ich will mich nicht rechtfertigen müssen, dass ich die letzte Party verpasst habe, nur weil ich nicht dreimal am Tag die Nachrichten auf meinem Profil abrufe. Ich möchte nicht feststellen, dass sich Freundschaften nur noch über kurze Mitteilungen regeln. Und ich will nicht mehr meine Zeit sinnlos mit Gruscheln und Zurückgruscheln und in zu vielen Fotoalben verbringen. Wo führt denn das noch hin? Ich habe keine Lust mehr auf diese virtuelle Gruppentherapie!
Lasst uns doch einfach mal wieder telefonieren oder im wirklichen Leben treffen!
Euer Sebastian