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30. März 2008, 15:55 Uhr

Gruscheln ist nicht cool!

Früher war StudiVZ praktisch und auch sehr nett, findet Sebastian Pittelkow. Aber heute? Zu viel hat sich geändert. In einem offenen Brief erklärt der Leipziger Student seinen Freunden die Entscheidung: Er wird das Studentenportal verlassen und ins reale Leben zurückkehren

Sebastian Pittelkow will sein Profil löschen und StudiVZ verlassen© Sebastian Pittelkow

Ahoi, Freunde. Ich trete aus.

Ihr könnt mir glauben, die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Aber viel zu lang fühle ich mich in dieser Gemeinschaft nicht mehr wohl. Warum, werdet ihr mich fragen. Hatten wir doch hier gemeinsam in den letzten beiden Jahren jede Menge Spaß.

Stimmt. Wir haben uns über das StudiVZ verabredet, uns ernsthafte und sinnfreie Nachrichten zugesandt oder über die letzte Party ausgetauscht. Ich entdeckte manch verloren geglaubten Bekannten wieder und erreichte schnell meine besten Freunde. Eure Fotoalben waren auch alle echt spannend! Ach, und da gab es ja auch noch dieses "Gruscheln", der Button, mit dem man seine Freunde in einer virtuellen Mischung aus Kuscheln und Grüßen bedenken kann - eine der besten Möglichkeiten, im Internet sinnlos Zeit zu vergeuden.

Die eigentliche Idee des virtuellen Netzwerkes, die sich das StudiVZ bei seiner Gründung selbst auferlegte, ging dabei schnell verloren. Als mich vor etwa zwei Jahren ein Freund auf die Community aufmerksam machte, trat ich sofort ein. Der Grund war simpel: Ich schrieb während der Semesterferien mit ihm und anderen Kommilitonen eine Hausarbeit. Wir alle studierten zusammen in Leipzig Journalistik, verbrachten die Ferien aber in unseren Heimatorten, die über ganz Deutschland verteilt liegen. Durch die kurzen Absprachen im StudiVZ ersparten wir uns endlos lange und teure Telefonkonferenzen und verloren uns nebenbei auch nicht aus den Augen. So wie wir nutzten es anfangs viele meiner Studienfreunde. Manche tauschten auch Bücher, andere sogar Seminarplätze. Aber bald verselbstständigte sich das Netzwerk. Heute klaffen dessen Grundidee und das Nutzungsverhalten der Mitglieder weit auseinander.

Inzwischen tauschen sich über die Community nicht mehr nur Studenten, sondern auch Absolventen, Schüler und Auszubildende aus. Die Mitglieder verfolgen heute andere Interessen und beschäftigen sich nur noch selten mit dem Studium. So entsteht ein Netzwerk ohne echte Eckpfeiler, die Zielgruppe verschwimmt. Themen, die das Leben heute in StudiVZ bestimmen, sind eine Mischung aus Voyeurismus, Party, Spaß und "Mensch ... Du auch hier?". Der Rest ist billige Anmache. Oft hört man von Jungs und Mädchen, die sich vor Nachrichten mit schlechten und eindeutigen Sprüchen nicht mehr retten können. Schaut man dann auf ihr Profil, weiß man auch sofort warum. Die Möglichkeit, private Fotos auf ihre Seite zu laden, nutzen viele um sich zu präsentieren. Da lachen einen muskelbepackte Kerle fernab vom Studienalltag am Strand von Mallorca an. In anderen Fotoalben prahlen Tussis in Discos mit ihren oft zu dicken Hintern. Mein Gott, wo sind wir gelandet! Diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten dürfte nicht einmal der stärkste Server auf Dauer standhalten.

Anfangs habe ich noch versucht, dem ganzen Schmutz mit Humor zu begegnen, gab diesen Versuch aber alsbald auf und zog mich immer mehr ins reale Leben zurück. Das aber auch da das StudiVZ inzwischen folgenschwere Auswirkungen haben kann, bewiesen mir die Erfahrungen zweier Freunde: Nach einem Vorstellungsgespräch für einen Job erkannte ein Freund eine Angestellte der Firma als letzten Besucher seines Profils wieder. Noch zwei Stunden zuvor hatte sie ihn im Gespräch auf Herz und Nieren geprüft. Nun schnüffelte sie auf seiner Seite, um noch mehr private Details von ihm zu erfahren. Einem anderen Bekannten wurde seine Mitgliedschaft bei einer Bewerbung gar zum Verhängnis. Er war Mitglied in der StudiVZ-Gruppe " Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird". Seinem Chef in spe gefiel das nicht. Trotz seiner Qualifikationen bekam mein Kumpel ausdrücklich deshalb den Job nicht.

Weil das keine Einzelfälle sind, legen sich nun viele User ein Pseudonym zu. Sie führen auf absurde Weise ein Schattendasein in einer ohnehin schon irrealen Welt. Noch ein weiterer Grund treibt viele in die Dunkelheit. Nachdem das Portal 2007 für 55 Millionen Euro an den Holtzbrink-Verlag verkauft wurde, bemühte sich der neue Eigentümer sehr schnell, die allgemeinen Geschäftsbedingungen zu ändern. Die Daten der User sollten für personalisierte Werbung genutzt werden. Parolen wie "Stasi-2.0" und "SchnüffelVZ" tauchten im Netz auf. Die ersten Mitglieder traten aus. Auch der aktuelle, überarbeitete Entwurf der Geschäftsbedingungen ist noch umstritten.

Liebe Freunde, die entscheidenden Gründe für meinen Austritt sind aber viel einfacherer Natur: Wenn ich meinen Alltag gestalte, möchte ich nicht von einem virtuellen Netzwerk abhängig sein. Ich will mich nicht rechtfertigen müssen, dass ich die letzte Party verpasst habe, nur weil ich nicht dreimal am Tag die Nachrichten auf meinem Profil abrufe. Ich möchte nicht feststellen, dass sich Freundschaften nur noch über kurze Mitteilungen regeln. Und ich will nicht mehr meine Zeit sinnlos mit Gruscheln und Zurückgruscheln und in zu vielen Fotoalben verbringen. Wo führt denn das noch hin? Ich habe keine Lust mehr auf diese virtuelle Gruppentherapie!

Lasst uns doch einfach mal wieder telefonieren oder im wirklichen Leben treffen!

Euer Sebastian

 
 
KOMMENTARE (10 von 22)
 
kawazu (31.03.2008, 09:44 Uhr)
Peinlicher Quatsch.
Was genau ist eigentlich sein Problem? Die mißlungenen Aussagen von StudiVZ zum Thema Datenschutz? Das ist nicht neu. Die Tatsache, daß Social-Networks über früher oder später neben ernsthaften Nutzern auch eine große Masse von den Deppen anziehen, mit denen man sich auch im "realen Leben" ungern abgeben wöllte? Auch nicht wirklich überraschend. Daß sich Menschen für das, was andere Menschen dort in aller Öffentlichkeit tun und von sich zeigen, interessieren? Auch das sollte ihn eigentlich nicht wundern. Was bleibt, scheint die Kapitulation davor, daß eine gute Idee durch Dummheit und Oberflächlichkeit kaputt gemacht wird. Warum auch etwas dagegen tun, wenn das Beenden der eigenen Mitgliedschaft und der scheinbare "Rückzug ins reale Leben" doch so viel einfacher sind. Nicht das StudiVZ & Co. per se kein 'reales' Leben wären, da sich letztlich ja auch dort nur 'reale Menschen' tummeln...
Aloha,
Kristian
Motzerator (31.03.2008, 09:09 Uhr)
@KALOX Eine Erklärung
Ich vermute mal das Sie zuhause eine Frau und drei Kinder sitzen haben. So gesehen herzlichen Dank für ihren Beitrag zur Rentenversorgung. In Sexuellen Dingen scheinen Sie jedoch zu den Einsteigern zu gehören, daher hier eine kurze Erläuterung:
Es gibt ein breit gefächertes Spektrum an Sexualpraktiken und der Name dieser Gruppe lässt eindeutig darauf schließen, das es sich hier um spezielle Praktiken handelt die eben ein wenig schmutziger sind.
Warum war der Bekannte wohl dort Mitglied? Ich wette das er sowas interessant findet und entweder darüber reden möchte oder eventuell auch ein Mädchen kennen lernen will, das ähnliche Interessen hat.
Ist vielleicht besser als 30 Dates zu machen bis durch Zufall mal was dabei ist, wo es richtig abgeht.
Warum im Internet? Weil es manchmal leichter fällt, über intimes zu schreiben als darüber zu reden.
Allerdings sind gute Pseudonyme in dieser Situation wirklich sinnvoll :)
h-p-t (31.03.2008, 09:08 Uhr)
@stern & @svenson
nichts gegen solche ( in meinen augen unsinnige ) artikel, dafür könnte man blogs etc einrichten, oder eine "kummerecke" für verkorkste....
deinen rat auf spiegel,ntv, welt etc. zu bleiben nehm ich gerne an, denn dort kann ich im gegensatz zu studiVZ z.b. SPD beharrt auf Mindestlohn- Plänen - CDU hält dagegen,Auswärtiges Amt erleichtert über Bushs Kehrtwende, +++ Eilmeldung +++
Tarif-Einigung im öffentlichen Dienst , China Das olympische Feuer fliegt in Peking ein, und vieles mehr an aktuellen news lesen...
was finde ich die letzten wochen auf stern ? 2 tage alte meldungen, zensierte foren, wichtiges wird klein abgelegt und schlagzeilen wie:
Gruscheln ist nicht cool!
aber jedem das seine :)
Clemens1964 (31.03.2008, 09:03 Uhr)
welch ein lascher,
überflüssiger aufmacher; das niveau vom stern (online) ist unterirdisch.
Motzerator (31.03.2008, 08:43 Uhr)
Interessanter Artikel
Ich bin selber kein Mitglied auf StudiVZ, aber scheinbar ist das nichts anderes als Gayromeo für Heten und warum sollen die nicht auch ihren Spaß haben???
Das es in so einem Netzwerk vorwiegend um Zwischenmenschliches und weniger ums Studieren geht, wundert mich nicht.
Aussteigen ist aber meiner Meinung nach keine Lösung, vielmehr empfiehlt es sich, den Umgang mit solchen Medien zu erlernen. Dazu gehört auch, das man sich nicht unter Druck setzen lässt. Wenn man zeit hat, hat man Zeit und ist on, hat man keine, dann ist man es eben nicht.
Sich ganz abzumelden führt meiner Meinung nach jedoch eher in die Isolation, wer nicht mehr bequem per Message erreichbar ist bekommt eben vieles nicht mit.
Kalox (31.03.2008, 08:36 Uhr)
-
ich wundere mich ohnehin, was angeblich gebildete personen dazu treibt, sich zu solchen niveulosigkeiten hinreissen zu lassen: "sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird...!
Das würde kaum jemand wohl einfach so vor wildfremden leuten raushauen, aber im Internet, wo sogar die gesamte Welt zuschauen könnte schon. Vor allem: WEN INTERESSIERT DAS??? Sollen das Tabubrüche sein (uuuh, Du böses Mädchen / geiler Hengst, Du!)
Oder was auch immer. Aber im übrigen werden auch Pseudonyme nicht wirklich komplett absichern. Vor kurzem habe ich eine StudiVz-lerin auf Friendscout wieder getroffen...
Rumtrauben (31.03.2008, 08:18 Uhr)
Glückwunsch
Nettes Artikelchen, dass vor allem an dem Punkt: "Job nicht gekriegt", wie wichtig Datenschutz im Net ist. Darüber hinaus ist es normal, dass Communities verflachen oder es auf die Dauer einfach keinen Spaß mehr macht, weil es doch täglich das selbe ist. Insofern unterliegt der Autor einem normalen Prozess, den ich an anderer Stelle schon vor 10 Jahren hinter mich gebracht habe - und in den folgenden Jahren immer mal wieder beobachten konnte.
Nix Aufregendes - aber jemanden, der da drin hängt, zum darüber nachdenken zu bringen, ist ungefähr so, als versuche man Rauchern das Rauchverbot in Kneipen zu erklären - geht nicht.
Svenson (31.03.2008, 08:01 Uhr)
Typisch deutsch...
...was man hier in den Kommentaren lesen muss! Habt ihr keine anderen Probleme, als euch über die Sinnlosigkeit von Artikeln zu eschauffieren?? Aktuell, interessant, sinnvoll - ob oder ob nicht - dann lest ihn doch nicht oder bleibt auf spiegel.de! Die Aufgabe des Artikels wurde jedenfalls erfüllt - ihr habt ihn alle angeklickt.
P.S. Im Übrigen, was dieser Sebastian in seinem offenen Brief geschrieben hat, nenne ich einen Volltreffer. Leider erkennt in unserer heutigen Zeit aber kaum jemand die wahren gesellschaftlichen und vor allem menschlichen Probleme, die sich durch Internetseiten wie bspw. StudiVZ ergeben. Aber das wird bestimmt noch - auch in Deutschland!
SEO.MS (31.03.2008, 06:22 Uhr)
Erschreckend
Mich erschrecken in / an diesen Artikel zwei Tatsachen: 1. Soetwas überhaupt eine Meldung ist 2. Dass man in das reale Leben zurückkehren muss!
h-p-t (31.03.2008, 00:43 Uhr)
der artikel....
...ist meiner Meinung nach genauso sinnlos wie mein Kommentar hier....
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