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15. März 2008, 12:27 Uhr

Einmal Abgrund und zurück

Rund 1,6 Millionen Deutsche sind laut Schätzungen abhängige Trinker. Mit ihnen leiden ihre Partner und Kinder. Doch zur Selbstaufgabe besteht kein Grund: Denn die Chancen auf Heilung sind besser, als viele glauben. Von Heike Dierbach

© Gerd George

An der Kasse war es immer am schlimmsten. Schon beim Anstehen brach ihr der Schweiß aus. Und wenn sie die vier Flaschen Schnaps aufs Laufband legte, rebellierte der Darm. "Jetzt gucken mich alle an", hämmerte es in ihrem Kopf, "die denken, dass ich saufe." Das Bezahlen schaffte sie gerade noch, dann wurde der Druck so groß, dass sie die Kassiererin fragen musste, ob sie die Personaltoilette benutzen dürfe. Zurück im Auto, war sie fix und fertig. "Ich habe mich so geschämt, mich so schuldig gefühlt." Dabei trank Karin Sommer* kaum Alkohol: Der Schnaps war für ihren Mann Holger. Eine halbe Flasche verbrauchte er am Tag, samstags auch mal eineinhalb. Karin Sommer kaufte ihn, weil sie dachte, dass das besser sei: "So konnte ich doch wenigstens den mit weniger Alkohol nehmen. Er hätte sich den 40-Prozentigen geholt."

Zehn Millionen Deutsche trinken zu viel

Alkohol, wissenschaftlich Ethanol genannt, gehört in Wein und Bier und Spirituosen und ist für die meisten Erwachsenen nicht mehr als ein Genussmittel. Gleichzeitig zählt die farblose flüssige Verbindung aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff zu den schlimmsten Suchtstoffen. Rund zehn Millionen Menschen trinken hierzulande so viel, dass sie ihre Gesundheit gefährden. Etwa 1,6 Millionen sind wegen einer Alkoholabhängigkeit dringend behandlungsbedürftig. Und die allermeisten von ihnen leiden nicht allein. Geschätzte acht Millionen Angehörige geraten mit in den Sog der Sucht, "co-abhängig" nennt sie die Wissenschaft. Jeder zweite Mann mittleren Alters hat Probleme im Zusammenhang mit Alkohol. Und seine Familie hat Probleme mit ihm.

Die Sommers gehörten zu diesen Fällen, vier Jahre lang. Richtig angefangen hat es 2002. Aber Warnsignale gab es schon sechs Jahre früher. Damals starb Holgers Mutter, und der Vater zog für vier Monate ein bei Holger, Karin und den beiden Kindern Andreas, 10, und Birgit, 12. Seine Trauer spülte der Witwer mit Rum hinunter. Irgendwann half ihm Holger dabei. Eine Flasche leerten sie so am Abend. Karin gefiel das gar nicht. Ihr Vater war Trinker, "seitdem ertrage ich schon den Ge- ruch nicht", sagt sie. Aber die Männer taten ihr auch leid. Als der Vater auszog, war das Problem beendet. Erst mal.

Co-abhängig: Karin Sommers Leben drehte sich um die Sucht ihres Mannes. Sie kaufte den Schnaps für ihn - damit sie Sorten mit verhältnismäßig wenig Alkohol wählen konnte© Marcus Vogel

2002 starb dann Karins Mutter während eines Urlaubs in Ägypten. Die Überführung war kompliziert, Karin war traurig, Holger gestresst. "Da ist mir der Alkohol wieder eingefallen", sagt er. Er kaufte eine Flasche Schnaps und trank am selben Abend die Hälfte vor dem Fernseher aus. Das machte er dann drei-, viermal pro Woche. Schließlich jeden Feierabend, und am Samstag wurden es auch mal eineinhalb Flaschen. Mit Cola oder pur. "Ich habe da überhaupt kein Problem drin gesehen", erinnert er sich. Karin schon. Immer wieder sagte sie zu Holger: "Du trinkst ein bisschen viel." Er versprach: "Nächste Woche wird's weniger." Aber es wurde mehr. Unter Druck setzte Karin Holger nicht: "Dann hätte er doch nur dichtgemacht." Und im Grunde sah sie ihn ja auch gar nicht als Abhängigen: "Alkoholiker, das waren für mich die Penner am Hauptbahnhof, die gar nichts mehr auf die Reihe bekommen. Mein Mann ging ja noch jeden Tag zur Arbeit."

Grenzen zur Sucht sind fließend

"Ich wundere mich immer wieder, wie viel Duldung trinkende Männer von ihrer Umgebung erfahren", sagt Sylvia Berke, Autorin des Ratgebers "Familienproblem Alkohol", "vor allem am Anfang der Erkrankung, wenn sie noch leichter aufzuhalten wäre." Die Ärztin und Suchttherapeutin führt das auch darauf zurück, dass Alkohol zu vielen Gelegenheiten in unserer Gesellschaft akzeptiert ist und dass die Grenzen zur Sucht so fließend sind. Viele merken gar nicht, wie sie nach und nach in die Abhängigkeit geraten - oder auch nur zu oft oder zu viel trinken.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen veröffentlicht Werte, an denen sich jeder leicht messen kann: Frauen sollten danach nicht mehr als 12 Gramm pro Tag trinken, Männer nicht mehr als 24 Gramm. Jenseits dieser Menge steigt das Risiko für zahlreiche Folgeerkrankungen. 24 Gramm Alkohol entsprechen etwa zwei 0,3-Liter-Gläsern Bier oder einem Viertelliter Wein - wobei man aber an zwei Tagen pro Woche nüchtern bleiben sollte. Durchschnittlich trinkt in Deutschland jeder Erwachsene unter 70 Jahren täglich knapp das Doppelte. Selbst wenn man diese Menge auf alle Bürger ab 15 Jahre umrechnet, macht das pro Jahr 12 Liter reinen Alkohol pro Kopf. Damit liegt die Bundesrepublik europaweit auf Platz 5. Mehr Alkohol trinken nur die Iren, Tschechen und Ungarn, am meisten die Luxemburger (15,6 Liter). Allerdings wird der Großteil dieser Menge nur von einer kleinen Gruppe konsumiert: den Abhängigen.

Abhängig: Holger Sommer trank mindestens eine halbe Flasche Schnaps am Tag, mit oder ohne Cola - und glaubte lange, er habe mit Alkohol kein Problem© Marcus Vogel

Als abhängig gilt, wer mindestens drei der folgenden Symptome aufweist:
• häufiger starker Drang nach Alkohol
• Unfähigkeit, Beginn und Ende des
Trinkens zu kontrollieren (etwa an einem Abend im Lokal)
• körperliche Entzugssyndrome wie Übelkeit oder Zittern
• Toleranzentwicklung (Es muss immer mehr Alkohol getrunken werden, um die gleiche Wirkung zu erzielen)
• Änderung des Tagesablaufs, um trinken zu können
• Fortführung des Konsums trotz schädlicher Folgen

Die Faustregel: Wer es nicht mehr schafft, mal zwei Wochen gar nichts zu trinken, hat ein gewaltiges Problem. Tückisch am Alkoholismus ist, dass er sich ganz langsam entwickelt. Der amerikanische Physiologe Elvin Morton Jellinek teilte die Entstehung der Krankheit bereits 1951 in folgende Stufen ein: In der ersten "symptomatischen Phase" erreicht der Trinker durch den Konsum einen Abbau innerer Spannungen. Weil er dies immer wieder erleben möchte, sucht er gezielt Situationen auf, in denen getrunken wird. Dadurch verlernt er nach und nach andere Strategien, mit Stress umzugehen. In der zweiten, der Vorläuferphase, hört Alkohol auf, ein Getränk zu sein, und wird zur Droge. Der Betroffene beginnt, heimlich zu trinken und Vorräte anzulegen. Es kommt zu ersten körperlichen Beschwerden wie häufigen Erkältungen. In der "kritischen Phase" folgt der Kontrollverlust. Hat der Kranke einmal mit dem Trinken angefangen, kann er nicht mehr aufhören, bis er zu betrunken ist, um weiterzutrinken oder bis er einschläft. Das Trinken entwickelt sich zum Lebensinhalt, für den andere Aktivitäten vernachlässigt werden.

In der "chronischen Phase" werden die Rauschzustände immer länger und die körperlichen Folgen sichtbarer. Es kommt zu Zittern und Angstzuständen, manchmal auch Wahnvorstellungen. Ohne Therapie endet diese Phase tödlich. Die Entwicklungsabschnitte können sich überlappen, und nicht jeder Trinker durchläuft sie alle. Deshalb ergänzte Jellinek das Konzept durch die Unterscheidung verschiedener Trinker-Typen, etwa den Gelegenheitstrinker, den Quartalstrinker oder den Spiegeltrinker, der einen konstanten Blutalkoholspiegel anstrebt.

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Ausgabe 10/2008

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