18. Januar 2013, 12:49 Uhr

Alkoholkranke auf der Warteliste

Im Münchner Klinikum rechts der Isar wurde bei Transplantationen offenbar massiver geschlampt als bekannt. Listen sollen manipuliert worden sein, knapp 30 Verstöße soll es gegeben haben.

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Auch am Münchner Klinikum Rechts der Isar hat es offenbar mehr Unregelmäßigkeiten bei Transplantationen gegeben als bisher bekannt©

Die Zahl der Unregelmäßigkeiten bei Lebertransplantationen im Münchner Klinikums rechts der Isar ist einem Bericht zufolge offenbar höher als bislang bekannt. An dem Klinikum soll es in den Jahren 2007 bis 2012 insgesamt knapp 30 Verstöße gegen die Richtlinien für Lebertransplantationen gegeben haben, berichtet die "Süddeutsche Zeitung".

Bei drei Patienten sollen Blutproben aktiv manipuliert und in elf Fällen Alkoholkranke auf die Warteliste gesetzt worden sein, obwohl diese noch nicht die erforderlichen sechs Monate abstinent waren.

Darüber hinaus geht es dem Bericht zufolge auch um fälschlicherweise angegebene Dialysen, die die Transplantation dringlicher erscheinen ließen, aber auch um Patienten mit Leberzirrhose, die als "hochdringlich" gemeldet wurden, obwohl sie die dafür notwendigen Kriterien womöglich nicht erfüllten.

Zudem wurden Krebspatienten transplantiert, bei denen sich bereits Metastasen gebildet hatten. Das Klinikum erklärte gegenüber der Zeitung, erst nach Abschluss der Untersuchungen werde man "die Ergebnisse bewerten, die Konsequenzen daraus ziehen und diese veröffentlichen".

Wissenschaftsminister wiegelt ab

Der Pressebericht sorgte am Freitag für Wirbel. Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) sagte dem Bayerischen Rundfunk, die Fakten seien bekannt. Eine Sprecherin des Klinikums verwies auf Anfrage auf eine schriftliche Stellungnahme, in der es heißt: "Nach wie vor sind sorgfältige und umfassende Untersuchungen und Ermittlungen von Bundesärztekammer, Mühlbacher-Kommission und Staatsanwaltschaft in vollem Gange." Das Klinikum werde die Ergebnisse nach Abschluss der Untersuchungen bewerten, die Konsequenzen daraus ziehen und diese veröffentlichen. Die Staatsanwaltschaft München I wollte sich am Freitag nicht zu den Vorwürfen äußern.

Neben München hat es auch an den Unikliniken in Göttingen, Regensburg und Leipzig Manipulationen bei Organtransplantationen gegeben. In Göttingen wurde vergangene Woche ein Transplantationschirurg festgenommen. Gegen ihn wird wegen versuchten Totschlags in neun Fällen sowie der schweren Körperverletzung und der Körperverletzung mit Todesfolge in zwei Fällen ermittelt. Die Staatsanwaltschaft prüft auch noch weitere Verdachtsfälle. Der Mediziner soll Krankenakten manipuliert haben, so dass bestimmte Patienten bevorzugt eine Spenderleber erhielten.

Weitere Verdachtsfälle befürchtet

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller (CSU), befürchtet, dass weitere Skandale bei der Organvergabe aufgedeckt werden. "Ich gehe davon aus, dass weitere Manipulationsfälle ans Tageslicht kommen", sagte Zöller den Zeitungen der WAZ-Gruppe. Die Ärzte, die Akten gefälscht haben sollen, hätten dem Transplantationssystem "immens geschadet". "Solche Leute gehören aus dem Verkehr gezogen und zwar durch eine Verschärfung des Berufsrechts", erklärte der CSU-Politiker. Laut Zöller wird es "ein oder zwei Jahre dauern, bis der Vertrauensverlust behoben ist".

Bahr will schärfere Sanktionen

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) zeigte sich erneut besorgt über die rückläufige Organspendebereitschaft. "Drei Menschen auf der Warteliste sterben jeden Tag", sagte Bahr der "Passauer Neuen Presse". Zugleich sprach er sich für schärfere Sanktionen gegen Ärzte aus, die sich bei der Vergabe von Spenderorganen falsch verhalten. Wenn klar werde, dass es rechtliche Lücken geben, dann müssten das Strafrecht entsprechend verändert werden, sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums in Berlin.

ab/DPA/AFP
 
 
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