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6. Juni 2011, 14:26 Uhr

Banges Warten auf das Labor-Urteil

Der Countdown läuft: Noch heute will Niedersachsen die Analyseergebnisse der Sprossen unter Ehec-Verdacht bekanntgeben. Das Land steht wegen seiner Informationspolitik in der Kritik.

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Unter Ehec-Verdacht: Sprossen und Keimlinge, von denen sich mögliche Erreger nicht einfach abwaschen lassen© Pawel Kopczynski/Reuters

Nach der Warnung vor Sprossen, die unter Verdacht stehen, den gefährlichen Ehec-Erreger zu verbreiten, gibt es Kritik an der niedersächsischen Landesregierung für ihre Informationspolitik. "Es ist ein bisschen unglücklich, wenn einzelne Landesminister dann vorpreschen mit Befunden", sagte der Leiter des Fachbereichs Gesundheit und Ernährung beim Verbraucherzentrale Bundesverband, Stefan Etgeton, am Montag dem Deutschlandfunk.

Das niedersächsische Agrarministerium ist sich derweil sicher, dem Ursprung der Ehec-Erreger auf der Spur zu sein. Man sei überzeugt, die Hauptquelle oder zumindest eine Hauptquelle für die Infektionen gefunden zu haben, sagte ein Sprecher am Montag in Hannover. Erste Ergebnisse der Untersuchungen von Proben aus dem Saatgutbetrieb in Bienenbüttel im Landkreis Uelzen sollen am frühen Nachmittag veröffentlicht werden

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) hatte am Sonntag die Öffentlichkeit informiert, dass Sprossengemüse aus einem Biohof im Kreis Uelzen möglicherweise mit dem aggressiven Darmkeim verseucht sein könnte. Dabei stützte er sich auf Indizien.

"Ich hätte mir gewünscht, die Information wäre vom Robert Koch-Institut ausgegangen", sagte Etgeton. In solchen Fällen sei es wichtig, dass die Dinge gemeinsam kommuniziert und auch eingeordnet würden. "Ich hätte mir gewünscht, dass die Kommunikation möglichst von einer legitimierten Organisation auf Bundesebene ausgeht."

Kritik an zersplitterter Lebensmittelüberwachung

Bereits zuvor habe es Unklarheiten und Unstimmigkeiten bei Verzehrwarnungen gegeben, kritisierte Etgeton. Als Grund nannte er unter anderem, dass die Lebensmittelüberwachung in Deutschland sehr zersplittert sei. Sie sei teils auf regionaler Ebene unterschiedlich organisiert. "Da gibt es einiges, was man besser machen kann."

Etgeton forderte, einige Kompetenzen auf Landes- oder Bundesebene anzusiedeln. Die Imbissbude um die Ecke oder den Bauer von Ämtern vor Ort untersuchen zu lassen, sei gut. Er stellte aber infrage, ob es sinnvoll ist, etwa den Frankfurter Flughafen oder Großhändler von örtlichen Behörden kontrollieren zu lassen.

Im aktuellen Fall müssten nun erstmal Laborwerte abgewartet werden und ob wirklich der grassierende Keim auf den Sprossen ist, betonte Etgeton. Fraglich sei auch, ob alle Erkrankungen von dieser einen Quelle ausgehen.

Hof schon zuvor im Visier der Ermittler

Nach Angaben des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums sind insgesamt 40 Sprossenproben unter anderem aus dem Wasser, von Arbeitstischen und aus der Lüftungsanlage des inzwischen geschlossenen Betriebs in Bienenbüttel genommen worden. Allerdings sei völlig unklar, ob der Ehec-Erreger nachgewiesen werden könne. Der kleine Hof war schon zuvor ins Visier der Ermittler geraten, damals wurde jedoch der Ehec-Keim mit Labortests nicht bestätigt.

Etgeton kritisierte unterdessen, man hätte sich schon früher stärker auf andere Zutaten des Salats konzentrieren sollen. Die Ehec-Patienten hätten beispielsweise präziser gefragt werden können. Er sagte aber auch: "Ich denke schon, dass das Robert Koch-Institut alles getan hat, was es tun konnte."

Widersprüchliche Hinweise zur Sprossen-Theorie

Aus der Wissenschaft kommen unterdessen Zweifel an der Sprossen-Theorie: Sprossengemüse sei bei den Ehec-Patienten der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) bisher nicht als mögliche Infektionsquelle in Verdacht geraten. "Ich habe heute morgen mit zwei Patienten gesprochen, die sich nicht daran erinnern können, Sprossen gegessen zu haben", sagte der MHH-Nierenspezialist Jan Kielstein am Montag. Bei der Aufnahme in die Klinik werden die Patienten, die sich mit dem aggressiven Darmkeim infiziert haben, ausführlich nach ihren Ernährungsgewohnheiten befragt. "Das Wort Sprossen ist dort nie explizit in Erscheinung getreten", sagte der Mediziner.

Auch auf acht in Hamburg untersuchten Sprossen-Proben haben Experten keine Ehec-Darmkeime entdeckt. Fünf der Proben stammten aus dem inzwischen gesperrten Betrieb im niedersächsischen Bienenbüttel, teilte die Hamburger Gesundheitsbehörde am Montag mit. "Das bedeutet aber nicht, dass die Erkenntnisse des niedersächsischen Verbraucherschutzministeriums in Zweifel zu ziehen wären, da sich nach bisherigen Erkenntnissen Ehec nicht gleichmäßig auf die Produkte eines Betriebes verteilt." Das Institut für Hygiene und Umwelt hatte die Proben bei Schwerpunktuntersuchungen zum Ehec-Ausbruch analysiert.

Gestützt wird der Sprossenverdacht von einem Fund in Hamburg: Hier ist eine mehrere Wochen alte Packung mit Sprossengemüse aufgetaucht, das für die Infektionswelle mit dem gefährlichen EHEC-Erreger verantwortlich sein könnte. Die 100-Gramm-Packung der Mischung "Milde Sprossen" stammt aus dem Bio-Betrieb in Bienenbüttel und trägt das Ablaufdatum 23.4. Ein 42-jähriger Hamburger hatte die Packung in seinem Kühlschrank vergessen. Er war selbst - möglicherweise nach dem Verzehr von anderem Sprossengemüse - an Ehec erkrankt und lag tagelang auf einer Isolierstation in einem Lüneburger Krankenhaus. Mittlerweile ist der Mann von der Infektion wieder genesen.

Vorsicht vor diesen Sprossen Von dem Hof der Firma stehen 18 Sprossenmischungen unter Verdacht. Unter anderem handelt es sich um Bohnenkeimlinge, Brokkolisprossen, Erbsen- und Kichererbsensprossen, Knoblauchsprossen, Linsensprossen, Mungobohnenkeimlinge, Radieschen- und Rettichsprossen. Auch Sprossenmischungen wurden von dem Betrieb geliefert.

Sprossen als Träger von Erregern Die Sprossen können Träger von Krankmachern wie Salmonellen, Noroviren und eben auch Ehec sein. In Japan waren Sprossen vor Jahren Grund für einen Ehec-Ausbruch: Nach dem Verzehr von Rettich-Sprossen erkrankten dort nach Angaben des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit mehr als 10.000 Menschen. Die Sprossen wurden demnach durch Rinder-Dung auf dem Feld verschmutzt.

mlr/DPA
 
 
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