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Schön, wenn der Schmerz nachlässt

Der Weltgesundheitstag widmet sich dem Bluthochdruck. Zu Recht: Viele Patienten verkennen die Gefahr. Eckart von Hirschhausen sagt, woran das liegen könnte. Und was Fakire damit zu tun haben.

  Den Bluthochdruck unter Kontrolle bringen, diesem Thema widmet sich der diesjährige Weltgesundheitstag.

Den Bluthochdruck unter Kontrolle bringen, diesem Thema widmet sich der diesjährige Weltgesundheitstag.

Stellen Sie sich einmal vor: Eine mysteriöse Krankheit breitet sich praktisch ungehindert aus, befällt fast jeden dritten Deutschen und ist hierzulande tödlicher als Krebs, Aids und Ehec zusammen. Klingt wie ein Horrorszenario? Ist aber längst Realität!

Der Killer heißt Bluthochdruck – und dürfte eigentlich keiner sein, denn es gibt jede Menge wirksamer Medikamente dagegen. Doch nur ein kleiner Teil der betroffenen Menschen wird ausreichend behandelt. Und das in einem der reichsten Länder der Welt. Wie kann das sein? Steckt es uns in den Genen? Oder Gehirnen? Gibt es gute Gründe, die gegen eine vernünftige Behandlung sprechen?

Das Phänomen nennen die Ärzte gern "Non-Compliance" - auf gut Deutsch: Jeder Patient macht, was er will. Man könnte es auch mit zivilem Ungehorsam übersetzen. Aber außer dass die Ärzte ein Wort dafür kennen, fehlen die Ideen, die Sicht des Patienten besser zu verstehen. Denn sobald der aus der Tür ist, lebt er nicht mehr in der ärztlichen Praxis, sondern in seiner Realität. Und die sieht so aus: Mehr als die Hälfte aller verordneten und von der Gemeinschaft bezahlten Bluthochdruckmedikamente wird nie eingenommen; da werden schätzungsweise rund 2,5 Milliarden Euro pro Jahr weggeschmissen.

Schlau gedacht, dumm gehandelt

Psychologen nennen das auch kognitive Dissonanz - wir denken gern schlau und handeln dann doch blöd. Wir wissen, was wir tun sollten, aber tun es nicht. Der Tübinger Psychologe Niels Birbaumer wollte sich mit dieser Erklärung, die auch nichts erklärt, nicht zufriedengeben. Ihn fasziniert schon lange das Biofeedback, die Möglichkeiten, Körperfunktionen durch Gedankenkraft zu beeinflussen. Das einfachste Beispiel ist, wie schnell man sich beruhigen kann, indem man auf seinen Atem achtet. Wir können "willentlich" unseren Puls rauf- und runterregeln und das selbst überprüfen, wenn wir den Brustgurt einer Sportuhr anlegen und auf die Pulsanzeige schauen.

Birbaumer testete die absoluten Meister der Selbstbeherrschung: Fakire. Wie konnten die es mit scheinbarer Leichtigkeit in schmerzvollen Situationen aushalten? Sie regulierten ihren Blutdruck. Und zwar nach oben! Könnte es sein, dass der Trick der Fakire, schmerzunempfindlicher zu werden, bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Hypertonie ebenfalls eine zentrale Rolle spielt?

Unter der "Gefühlskäseglocke"

In Experimenten mit Bluthochdruckkranken und -gesunden gelang Birbaumer der Beweis für diese Überlegungen. Dazu wurde den Barorezeptoren der Probanden über angelegte Halsmanschetten zunehmender Blutdruck vorgetäuscht. Dabei schwand die Schmerzempfindlichkeit bei den Kranken im Vergleich zu den Gesunden erheblich stärker. Zugleich wiesen die Messungen ihrer Hirnstromkurven auf eine dramatische Verminderung der elektrischen Aktivitäten in der obersten Gehirnrindenschicht hin. Das bedeutet: Die Verarbeitung unangenehmer Empfindungen wurde weitgehend eingestellt. Dieselben Effekte zeigten sich nach Einnahme blutdrucksteigernder Medikamente.

Das "emotional dampening", die "Gefühlskäseglocke", führte in einer amerikanischen Studie dazu, dass die Hochdruckpatienten sich bei der Bewertung von Gesichtsausdrücken schwerer taten. Ein eindeutig ärgerlicher Mensch wurde von ihnen so eingeschätzt, als wolle er nur Spaß machen. Und dieser Verlust der menschlichen "Zwischentöne" fand sich sogar bei Textaufgaben. Die Hypertoniker lasen die Gefühle "zwischen den Zeilen" schlechter.

Detlev Ganten, ein weltweit renommierter Pharmakologe, der sein Leben lang über die Hypertonie geforscht hat, sieht den Sinn dieser Regulation in der Evolutionsgeschichte. Wenn sich bei Stress und Gefahr der Blutdruck erhöht und der Schmerz reduziert, wird auch bei Verletzung die Flucht erleichtert, und man bemerkt den Schmerz nicht. Da alle Körperfunktionen dem Überlebenskampf untergeordnet werden, waren die unsensibleren Vorfahren im Vorteil.

Hochdruck macht euphorisch

Die genauen Mechanismen zwischen den Drucksensoren am Hals, den Barorezeptoren, und den Belohnungs- und Druckzentren im Hirn werden noch intensiv beforscht, aber offenbar spielen die Endorphine, die körpereigenen Schmerz- und Glücksmittel eine Rolle.

Ganten bringt es auf den Punkt: "Hochdruck macht euphorisch und ist viel zu schön, um ihn aufzugeben." Psychologische Studien zeigen, dass es nicht nur um körperliche Schmerzunempfindlichkeit geht, sondern dass auch die Seele "abstumpft" durch Hypertonie. Negative Gefühle von anderen werden weniger wahrgenommen. Und das erleben viele auch als angenehm. Ist doch schön, wenn man vom Ärger drum herum nicht alles mitbekommt.

Schutzreflex der Seele

Bluthochdruck könnte also ein gelerntes Verhalten sein: Ich reg mich auf, empfinde dadurch weniger, gewöhne mich an das angenehm-dumpfe Gefühl und finde Geschmack an diesem fatalen Kreislauf. Das würde erklären, warum so viele Menschen innerlich unter Druck stehen, aber nach außen hin so wirken, als wenn kein Säbelzahntiger sie aus der Ruhe bringen könnte. Büro-Fakire, wo man hinschaut!

Und wenn dann der Arzt androht, mit Tabletten den Druck zu senken, sträubt sich alles dagegen. Erstens fühle ich mich nicht krank, im Gegenteil. Zweitens machen mir die schlimmen Folgen in 10 oder 20 Jahren theoretisch Angst, aber ich lebe ja jetzt, und es ist bisher ja immer noch gut gegangen. Und lieber steht mein Kreislaufsystem unter Druck, und ich merke nichts davon, als dass ich mit einem normalisierten Blutdruck wieder mitbekomme, in welchem Rattenrennen ich eigentlich stecke.

Plötzlich erscheint es gar nicht mehr so unvernünftig, seine Tabletten nicht zu nehmen, sondern als ein Schutzreflex der Seele, die um ihren Panzer bangt.

Wie kann eine Behandlung dann gelingen? Nur, wenn Ärzte und Patienten um diese psychosomatischen Schalt- und Teufelskreise wissen, sie ernst nehmen und in das Therapiekonzept einbeziehen. Wenn in der Forschung nicht der 20. Betablocker getestet wird, sondern erst einmal darüber geforscht wird, warum Menschen die 19 davor auch schon nicht genommen haben. Wenn wir lernen, auf gesünderen Wegen "Druck aus dem System zu nehmen". Und wenn der Fakir in uns allen seine erstaunlichen Fähigkeiten nicht ständig unter Beweis stellen muss, sondern nur ab und zu. Um uns daran zu erinnern, welches regulatorische Wunderwerk in jedem Körper steckt.

Artikel entnommen aus: Gesund Leben. Das aktuelle Heft finden Sie hier.

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