Über hundert potenzielle Islamistische Terroristen kennt das Bundeskriminalamt. Ihre Namen, ihre Gesichter, ihre Treffpunkte. Doch nur selten, mit riesigem Aufwand und Hilfe von Aussteigern, finden die Ermittler eine Antwort auf diese Frage.

Der inzwischen verstorbene Scheich Anwar al-Aulaqi - nach dem Tod Osama bin Ladens eine der wichtigsten Führungsfiguren in der al-Qaida© AFP Photo
Abdeladim el-Kebir verhielt sich unauffällig.
Aus Terroristensicht: perfekt. Aus Sicht der Ermittler: verdächtig perfekt. Die Regeln über konspiratives Verhalten hatte er bei al-Qaida in Pakistan gelernt: möglichst in der Wohnung bleiben, keine Moscheebesuche, nur westliche Kleidung. Bloß keine Datenspur zu Mitgliedern der eigenen Terrorzelle legen. Callshops und Internetcafés wechselte er dreimal am Tag. Über Wochen hielt er sich an die Regeln. Mit irrsinniger Disziplin.
Und doch war ihm das Bundeskriminalamt seit November 2010 dicht auf den Fersen. Die Ermittler hatten den jungen Marokkaner im Visier, weil sie die IPAdresse seines Computers im beschlagnahmten Rechner einer Frau gefunden hatten, die aus Aachen in den "Heiligen Krieg" nach Pakistan gezogen war.
Nichts anderes in seiner Vita deutete auf Terrorkontakte hin, alles harmlos: 29 Jahre alt, 2001 nach Deutschland eingereist, Maschinenbau- und Mechatronikstudium an der Hochschule Bochum, 2009 zwangsexmatrikuliert, weil er die Prüfungen versäumte, unauffälliger Untermieter bei einem Freund in Düsseldorf-Bilk.
Auch nach wochenlanger Observation hatten die Ermittler nichts in der Hand gegen el-Kebir.
Sie begannen zu zweifeln: Kommt der überhaupt infrage? Lohnt der ganze Aufwand? Sie überlegten, die Verfolgung einzustellen. Entschieden dann aber, an dem Mann dranzubleiben. Rund um die Uhr.
Zwei Monate später sollte sich herausstellen: Abdeladim el-Kebir hatte ein Attentat geplant. Federführend.
Er wollte ein Blutbad.
"Kebir, Abdeladim": Der Name steht seit Ende 2010 auf einer der wohl am strengsten geheim gehaltenen Listen in Deutschland.
Sie enthält Personaldaten und Porträtfotos der gefährlichsten islamistischen Terrorverdächtigen, die in Deutschland leben oder von hier aus untergetaucht sind.
Diese Liste liegt dem stern vor.
Sie ist ein Who's who extrem gefährlicher Islamisten. Das Gros von ihnen stufen die Polizeibehörden als "Gefährder" ein, denen sie alles zutrauen vom Märtyrertod bis zum Massenmord - bin Ladens Erben in Deutschland.
Nach mehreren dieser potenziellen Terroristen wird über Interpol gefahndet.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 25/2011