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19. Februar 2010, 10:00 Uhr

Ein Film schockt die Berlinale

70 Jahre später kommt nun der deutsche Regisseur Oskar Roehler ("Die Unberührbare", "Der alte Affe Angst"), um die Geschichte dieses Films zu erzählen, der bis heute nur unter strengen Auflagen gezeigt werden darf. Das Drehbuch von Klaus Richter basiert auf dem Buch "Ich war Jud Süß" von Friedrich Knilli. Der allerdings hat dem Film bereits vor der Premiere Geschichtsfälschung und Legendenbildung vorgeworfen.

Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen" erzählt davon, wie Goebbels persönlich Marian zwingt, die Hauptrolle des jüdischen Financiers zu übernehmen. Das stürzt den Mimen in eine moralische und berufliche Krise, weil er jüdische Freunde und seine Frau eine jüdische Großmutter hat. Außerdem fürchtet er, selbst für einen Juden gehalten zu werden. Als sein Versuch, den Verfolgten zu helfen, indem er Oppenheimer besonders menschlich und sympathisch spielt, scheitert, zerbricht der Mann.

Nicht Fisch, nicht Fleisch

Weil es sich doch um einen Spielfilm handle, wie Goebbels-Darsteller Moritz Bleibtreu und Regisseur Oskar Roehler in der Pressekonferenz immer wieder betonen, habe man ein Recht auf Fiktion. "Wir alle leben von der Interpretation", entgegnete Bleibtreu auf den Vorwurf, dass die Frau des realen Marian Katholikin war und Marians Tod bisher als Unfall und nicht als Selbstmord galt. Knilli wirft Roehler vor allem vor, Marian zu einem "Judenretter" zu stilisieren, der er nicht war.

Details, könnte man sagen, wenn "Jud Süß - Film ohne Gewissen" sich irgendwann zwischen Authentizität und Fiktion entschieden hätte. Doch Roehler stellt Drama und Satire, echt und falsch, ernsthaft und surreal immer wieder so eng nebeneinander, dass man zuweilen das Gefühl hat, die Schauspieler spielen zur gleichen Zeit in unterschiedlichen Filmen. Bleibtreus Goebbels ist ein Clown, während Tobias Moretti in der Rolle des Marian alle Drama-Register zieht und eine seiner intensivsten Vorstellungen überhaupt gibt. Martina Gedeck spielt die von Liebe und Existenzangst getriebene Frau Marians mit großer Tiefe. Dann taucht Gudrun Landgrebe auf, als Gattin eines KZ-Aufsehers, und lässt sich während eines Bombenangriffs auf Berlin am offenen Fenster von Marian von hinten nehmen, während sie ihn den Text der Vergewaltigungsszene aus "Jud Süß" zitieren lässt. Selten war die Stimmung auf einer Pressekonferenz so aggressiv.

Deutsche Reflexe und Obszönität

Die Buhrufe waren sicher auch ein Reflex, das in Deutschland übliche grundsätzliche Unbehagen beim Thema Drittes Reich, das Tabu des spielerischen Umgangs. Doch tatsächlich hat Roehlers Film auch etwas Öbszönes, und das nicht nur bei der Sexszene am Fenster während eines Bombenangriffs. Der lapidare Umgang mit der Realität nimmt ungeheuere Formen an, wenn Originalaufnahmen mit neu gedrehtem Material verschmelzen, wenn sie untergehen in einer neuen Geschichte, die gar nicht Wert darauf legt, echt zu sein. Warum dann Originalmaterial, fragt man sich.

Das fragt sich auch Jan Harlan, Neffe des "Jud Süß"-Regisseurs Veit Harlan: "Die Darsteller sind ausgezeichnet, und der Schnitt ist sehr gut. Peinlich berührt hat mich, dass die Schwarz-Weiß-Clips aus dem ekelhaften Original am eindrücklichsten sind".

"Jud Süß - Film ohne Gewissen" wird im Herbst 2010 in den deutschen Kinos anlaufen.

Von Carsten Heidböhmer und Sophie Albers
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