Es ist das Highlight des Festivals: "Inglourious Basterds" mit Superstar Brad Pitt, Daniel Brühl, Til Schweiger und dem herausragenden Christoph Waltz. Mit seinem Streifen "korrigiert" Regisseur Quentin Tarantino mal eben den Zweiten Weltkrieg und fügt der Filmgeschichte ein neues Bild des Juden hinzu. Von Sophie Albers, Cannes

Der "Basterd" Brad Pitt nimmt keine Gefangenen© Francois Duhamel/AP/The Weinstein Company
Es ist eine Fantasie aus Kindertagen: Irgendwann lernt man, dass es einst einen Mann namens Hitler gab, der die Welt mit Krieg und Toten überzogen hat, der sogar Fabriken bauen ließ, damit das Töten schneller geht. Er ist das Gesicht des ultimativen Bösen. Und manche Kinder reagieren darauf mit der Fantasie der ultimativen Heldentat: Hitler zu töten. Das ewige Kind Quentin Tarantino hat sich diese Fantasie erfüllt.
Noch vor der ganzen Schauspielerriege haben die Journalisten in Cannes am Mittwochmorgen "Inglourious Basterds" sehen dürfen, das sehnlichst erwartete Highlight des Filmfestivals von Hollywoods Kultregisseur, der mit diesem Film sicher noch für heftige Diskussionen sorgen wird, wenn er am 20. August in die Kinos kommt. "Der Zweite Weltkrieg gesehen und korrigiert von Quentin Tarantino", heißt es vollmundig in der Ankündigung. Und so beginnt das Märchen auch mit den Worten "Es war einmal im von den Nazis besetzten Frankreich..."
Leutnant Aldo Raine (Brad Pitt) stellt eine Truppe jüdischer US-Soldaten zusammen, genannt die "Basterds", die im Feindesland Angst und Schrecken verbreiten, indem sie Nazis abschlachten und skalpieren. Die Demoralisierung funktioniert bestens. Sogar Hitler flippt aus, als er vom "Bären-Juden" erfährt, der Nazischädel mit einem Baseballschläger spaltet. Parallel dazu erzählt Tarantino die Geschichte des französischen Mädchens Shoshana (Mélanie Laurent), dessen Familie vom "Judenjäger", SS-Mann Hans Landa (Christoph Waltz), ausgelöscht wurde. Sie überlebt mit falscher Identität in Paris, wo sie ein Kino führt. Als ausgerechnet dort die gesamte Nazi-Führungsriege zu einer Galavorführung eines Propagandafilms zusammenkommen will, schmiedet sie einen Racheplan. Allerdings wollen sich auch die "Basterds" diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.
Einen "Spaghetti-Western mit Zweiter-Weltkriegs-Ikonografie" nennt Tarantino sein neues Werk. Acht Jahre lang hat er am Drehbuch geschrieben, in acht Monaten hat er es verfilmt. Er habe schon immer mal einen Kriegsfilm drehen wollen, so der 46-Jährige, der seinen Status als international anerkannter Experte für Gewaltgrotesken 1995 mit "Pulp Fiction" errang und mit "Kill Bill" und zuletzt "Death Proof" einbetonierte. Auch diesmal spritzt das Blut, doch scheint die comichafte Gewalt für die verschlungene Geschichte ein bisschen mehr Platz zu lassen als sonst. Fast zweieinhalb kurzweilige Stunden dauert Tarantinos Kriegsfilm mit Alternativende, bei dem er Hitler im explodierenden Kino sterben lässt. Doch ist "Inglourious Basterds" weit mehr als das.
Zum einen steht der Streifen für eine neue Art der Zusammenarbeit: Nicht nur, dass große Teile des Films in Deutschland und mit deutscher Förderung entstanden sind, Tarantino bestand außerdem darauf, die deutschen Rollen mit deutsch sprechenden Schauspielern zu besetzen. Deshalb hängt nun am Luxushotel Carlton in Cannes ein riesiges Poster mit Til Schweiger gleich neben dem von Brad Pitt. Sagen tut Schweiger im Film allerdings nicht besonders viel, Daniel Brühl schon mehr. Auch Diane Kruger, August Diehl, Gedeon Burkhard und Christian Berkel haben prägnante Auftritte. Brillant, preisverdächtig und hoffentlich von nun an eine internationale Neuentdeckung ist vor allem der Österreicher Christoph Waltz, der Pitts Widersacher, SS-Mann Landa, spielt. Das ist gleich doppelt beeindruckend, als Tarantino erzählt, dass er kurz davor gewesen sei, die Dreharbeiten abzusagen, weil er keinen passenden Schauspieler für den sprachbegabten Bösewicht finden konnte. Doch dann sei eben Waltz aufgetaucht, und "ich wusste, wir machen diesen Film". Für diesen Satz drückt ihm Waltz in der völlig überfüllten Pressekonferenz einen Kuss auf die Wange.
Viel grundlegender ist allerdings ein neues Bild des Juden im Zweiten Weltkrieg, das Tarantino mit "Inglourious Basterds" der Filmgeschichte hinzufügt. Die "jüdische Rachefantasie", wie Darsteller Eli Roth es nennt, ist in dieser Konsequenz neu. "Inglourious Basterds" macht Schluss mit dem Juden als Opfer, als das immer wieder zitierte "Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird", wie es das Kino die meiste Zeit gezeichnet hat - von "Holocaust" bis "Schindlers Liste". Der Jude hat jetzt ein ziemlich großes Messer dabei, mit dem er den Nazi tötet und skalpiert oder ihm, wenn er ihn am Leben lässt, ein Hakenkreuz in die Stirn schnitzt, auf dass das Böse für immer gekennzeichnet ist. Damit es jedes Kind erkennen kann.