Verprügelt, verschleppt - und jetzt frei

22. Juni 2011, 19:43 Uhr

Erst schlugen sie ihn auf den Kopf, so dass er fast starb. Dann rissen sie sein Atelier in Schanghai ab. Und dann nahmen sie ihn schließlich mit. Jetzt ist Ai Weiwei wieder frei. Von Silke Müller

Ai Weiwei verschwand ganz einfach. Einer der weltweit bekanntesten und erfolgreichsten Künstler weltweit - gekidnappt von der Volksrepublik China. Und alle fragten sich: Wo ist Ai Weiwei? Am Mittwochnachmittag um 16.16 Uhr lief dann die Nachricht über die Agenturen, auf die die Kunstwelt gewartet hatte: Ai Weiwei ist wieder frei - gegen Zahlung einer Kaution. Er musste aber offenbar zuvor ein Geständnis wegen Steuerflucht abgelegen und wurde auch deshalb entlassen, weil er chronisch krank ist, wie die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete. Wie ein Assistent Ai Weiweis stern.de sagte, ist der Künstler wirklich in seinem Atelier eingetroffen.

Die ersten Reaktionen waren euphorisch: Alexander Ochs, Mit-Initiator des "Berliner Appells Freiheit für Ai Weiwei" und Galerist mit Niederlassungen in Berlin und Peking feierte die Freilassung als "historischen Sieg. Die Gemeinschaft internationaler Akteure hat gewonnen gegen ein totalitäres Regime. Eine Freilassung auf Kaution ist im chinesischen Rechtssystem nicht vorgesehen, das ist komplett neu und nur durch de internationalen Druck möglich geworden."

Tilman Spengler, Schriftsteller und Sinologe, der Außenminister Guido Westerwelle zur Eröffnung der Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung" in Peking begleiten sollte und nicht einreisen durfte, weil er eine Laudatio auf den inhaftierten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo gehalten hat: "Späte Einsicht ist auch willkommen. Ai Weiwei ist der Schnee auf der Spitze eines Eisbergs. Wir freuen uns, aber wir reden über Alle, nicht nur über Einen. Wir vergessen nicht Liu Xiaobo noch die Rechtsanwälte, die sich für Menschenrechte einsetzen. Es ist eine Etappe, es kann nicht das Ganze sein."

Keiner in der Kunstszene hat so viel Facetten wie Ai Weiweit. Er ist produktiv wie Andy Warhol, sendungsbewusst wie Joseph Beuys, hintersinnig wie Marcel Duchamp und geschäftstüchtig wie Damien Hirst. Er war vor zwei Monaten auf dem Gipfel seiner Karriere verschwunden: Noch lief die sensationelle Schau mit 100 Millionen Sonnenblumenkernen aus Porzellan in der Londoner Tate Modern. In London und New York standen seine chinesischen Tierkreis-Köpfe kurz vor der Enthüllung, Ausstellungen in Luzern, Bregenz, Winterthur und Berlin waren so gut wie fertig. Und der Über-Galerist Larry Gagosian streckte seine Finger nach ihm aus.

Wie einfach hätte er irgendwo auf seinem Weg durch die Metropolen den Aussteigeknopf drücken können. In Berlin zum Beispiel. Kurz vor seinem Verschwinden hatte er sich Hallen angeschaut, er war auf der Suche nach einem Atelier. Doch zum Kaufvertrag kam es nicht mehr. Am 3. April verhaftete ihn die chinesische Grenzpolizei auf dem Flughafen in Peking, als er nach Hongkong fliegen wollte.

Sechs Wochen nach seiner Verschleppung durfte Ais Frau Lu Qing ihn für etwa zehn Minuten treffen – an einem unbekannten Ort. Das Zugeständnis war auch ein Signal an den protestierenden Westen: Seht her, er lebt, er ist unversehrt. Mischt Euch nicht weiter in unsere Angelegenheiten ein. Über Xinhua ließ das Regime verbreiten, gegen Ai werde wegen vermuteter Wirtschaftsverbrechen ermittelt. Der Versuch, Ai Weiwei aus dem moralischen Feld des Demokratiekämpfers ins Unmoralische des Steuerhinterziehers zu schieben, ist Teil der chinesischen Strategie, den Künstler zu diskreditieren und die Front seiner Unterstützer zu schwächen. Ais Wahrnehmung als Künstler wird seit knapp zwei Jahren immer stärker überlagert von seinen politischen Aussagen und Aktionen. Seit er sich in München einer Notoperation unterziehen musste, weil Polizisten in Sichuan ihn verprügelt hatten, ist auch dem Westen bewusst, wie nah am Abgrund Ai arbeitete.

Gleichzeitig hatte er seine Geschäfte so gut organisiert, dass eine florierende Art Factory in Peking Holz-, Marmor-, Porzellan-Objekte, Installationen und Bauprojekte realisiert. Der Kunstmarkt ist gut bestückt mit Werken von Ai Weiwei, die Preise zogen an. Nach der Finanzkrise ist ein Künstler, der sich mit einer eisigen Macht wie China anlegt, der dabei so charismatisch und unterhaltsam ist und von dem meist spektakuläre Arbeiten zu erwarten sind, das Heißeste, was die nach schönen Schaudern lechzende Kunstszene sich wünschen kann. Kein Wunder, dass sie aufschrie, als er weggeschlossen wurde.

Hongkong-Besuch als Widerstand?

Konsequenzen zog jedoch kaum jemand aus diesem Fall. Galeristen, die auf der Kunstmesse in Hongkong nach Ais Verhaftung gute Geschäfte machten, erklärten ihre Teilnahme zum Akt des Widerstands. Das Biennale-Publikumin Venedig trug rote Taschen mit "Free Ai Weiwei"-Aufdruck, buhte ein wenig bei der Eröffnung des offiziellen chinesischen Pavillons und stürmte dann das bereitgestellte Buffet.

Als einer von wenigen meldete sich kurz nach dem Verschwinden Ais der Künstler Norbert Bisky in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zu Wort: "Mir ist es völlig egal, ob ich jemals wieder in China ausstellen darf. Wo es keine Freiheit für andere Künstler gibt, müssen auch meine Bilder nicht zu sehen sein. Genossen, setzt mich auf die Liste." Und mit Blick auf die deutsche Wirtschaft: "Jedem, der mit China Geschäfte macht, und auch jedem Künstler, der dort auftritt und ausstellt, muss klar sein, mit wem er es zu tun hat: mit der Fratze des Kommunismus, mit systematischer staatlicher Unterdrückung." Bisky spricht aus Erfahrung, als Ostdeutscher hat er seine Geschichte nicht vergessen.

Zwei international renommierte Künstler zogen vor wenigen Tagen Konsequenzen und sagten unanhängig voneinander ihre geplanten Ausstellungen in Peking ab: Der Bildhauer Anish Kapoor war vom British Council gebeten worden, im Zuge des für 2012 geplanten Festivals "UK Now" eine Schau fürs Nationalmuseum in Peking zu erarbeiten. Und der französische Konzeptkünstler Daniel Buren sagte seine Ausstellung im Ullens Center for Contemporary Art in Peking ab. "Es ist unmöglich, gar nichts zu tun", sagte Buren, "es ist für mich eine ethische Pflicht, zu handeln."

Doch Stimmen aus der Kunstszene wiegen leichter als Federn. Auf die Haltung der strategischen Partner in Politik und Wirtschaft komme es an, meinen die Initiatoren des Berliner Appells "Freiheit für Ai Weiwei", der ehemalige Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und Professor für internationales Management, Hans-Olaf Henkel und Alexander Ochs, der Galerien in Berlin und Peking betreibt. Mehr als 3000 Unterschriften konnten die beiden Unterstützer Ai Weiweis einsammeln, darunter jedoch kaum von Persönlichkeiten, die im deutsch-chinesischen Dialog wirklich eine Stimme haben. "Natürlich kann man nicht in Peking mit einem Transparent gegen Ai Weiweis Verhaftung demonstrieren, aber ich hätte gern mehr prominente Vertreter aus der Wirtschaft beim 'Berliner Appel' dabei gehabt", ärgert sich Henkel.

Wirtschaft weicht aus

Deutsche Wirtschaftsführer, auch solche, deren Unternehmen sich mit Kunst- und Kultursponsoring einen weltoffenen Anstrich verpassen, äußerten sich ungern zu dem Thema. So hielt auch der Geschäftsführer des Kulturkreises im BDI, Stefan Frucht, eine öffentliche Debatte für eher abträglich: "Der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft hat sich früh dafür entschieden, bei der Förderung von Kunst und Kultur etwas in der Sache erreichen zu wollen anstatt primär den Weg über die Öffentlichkeit zu suchen." Und BMW? Die Bayern sponsern das umstrittene deutsche Prestigeprojekt "Kunst der Aufklärung" in Peking. Zum Thema Ai Weiwei hieß es nur: "Kein Kommentar."

Der Sinologe Michael Lackner, Mit-Initiator des Berliner Appells, kann einen derartigen Kurs nicht nachvollziehen. Er plädiert für eine klare Haltung gegenüber China - und einen offenen Ton: "Servilität ist fehl am Platz. Keine BMWs mehr fahren zu können, wäre ein empfindlicher Verlust für Chinas Elite." In den Anschuldigungen, die gegen Ai Weiwei in China verbreitet werden, erkennt Lackner einen "Rückfall in die Sprache der Kulturrevolution".

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