3. Mai 2012, 11:45 Uhr

Die schreiende Geldanlage

119,9 Millionen Dollar erzielte Edvard Munchs Bild "Der Schrei". Ein Wahnsinnspreis für ein berühmtes, aber gar nicht besonders attraktives Bild, das noch dazu eine pikante Vorgeschichte hat. Von Anja Lösel

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Bieterrekord bei der Versteigerung von Munchs "Der Schrei".©

Würden Sie 119,9 Millionen Dollar für ein Bild ausgeben, das noch nicht einmal einzigartig ist? 91,3 Millionen Euro? Wer tut so was und warum? Offenbar ist der Kunstmarkt komplett verrückt geworden, und mit ihm ein paar Sammler. Einer davon hat Mittwochabend in New York das Bild "Der Schrei" ersteigert, gemalt vom norwegischen Maler Edvard Munch. Der Käufer bot anonym und am Telefon. Das heißt, er hatte noch nicht einmal das Vergnügen, bei der grandiosen Show des Auktionshauses Sotheby's dabei zu sein. Armer Reicher.

119,9 Millionen also. Damit ist "Der Schrei" zwar nicht, wie jetzt alle behaupten, das teuerste Bild der Welt, sondern nur das teuerste auf einer Auktion erworbene. Den absoluten Rekord halten Paul Cézannes "Kartenspieler", die im vergangenen Jahr für 260 Millionen Dollar an den Emir von Katar gingen. Dennoch: 119,9 Millionen Dollar für ein Bild, das Angst und Horror abbildet, sind unglaublich.

Kein Einzelstück

Dazu kommt: Das Bild ist kein Einzelstück, Edvard Munch (1863-1944) hat es viermal gemalt, mit nur kleinen Variationen, zweimal in Öl und zweimal in Pastell. Expressive Gemälde mit blutrotem Himmel und einem Mann mit angstverzerrtem Gesicht. Das jetzt versteigerte Werk ist 1895 entstanden und nicht die schönste der vier Versionen: kreidig, blass, eher eine Entwurfszeichnung als ein fertiges Bild, und nur 79 mal 59 Zentimeter klein. Drei schönere hängen in Osloer Museen. Die jetzt verkaufte gehörte dem norwegischen Sammler und Reederssohn Petter Olsen. Dessen Vater Thomas Olsen erwarb das Bild 1938. Es hing mehr als 70 Jahre lang beim ihm zu Hause.

Sotheby's und sein Star-Auktionator Tobias Meyer haben alles getan, um die Spannung zuschüren. Schon seit Jahren erklären sie möglichen Käufern die Bedeutung des Malers Munch - kunsthistorisch, klar. Aber eben auch als Geldanlage.

80 Millionen Dollar Schätzwert

Auf 80 Millionen Dollar hatten sie das Bild geschätzt. Hinter den Kulissen wurde allerdings von 200 Millionen gemunkelt, die möglich sein könnten. Um den Preis in die Höhe zu treiben, hatte Sotheby's den "Schrei" sogar vorab auf Weltreise geschickt. Besonders heiße Interessenten, einer davon in Hongkong, bekamen das Bild nach Hause geliefert, um seine Wirkung über dem Sofa zu testen. So gibt man Sammlern das Gefühl, wichtig zu sein. Und unbedingt zuschlagen zu müssen, bevor es ein anderer tut.

Häuser, Yachten und Schmuck haben sie schon, die neuen Reichen in den USA, in Asien, Russland und den Emiraten. Wohin also mit dem vielen Geld? Nun werden sie von Kunsthändlern und Versteigerern umworben. Es geht um spektakuläre Bilder, mehr aber um große Namen wie Picasso, Warhol und eben auch Edvard Munch, mit denen man sich schmücken kann.

Es geht aber auch um Investment. Ob allerdings "Der Schrei", sollte er jemals wieder auf den Markt kommen, seinem Besitzer Gewinn bringen wird, steht in den Sternen. Möglich, dass auf dem Kunstmarkt schon jetzt eine Blase heranwächst, vergleichbar der Immobilienblase. Und möglich, dass diese bald platzt.

Auf der Flucht vor den Nazis verkauft

Möglich auch, dass der neue Besitzer von Edvard Munchs "Schrei" nicht recht glücklich wird mit seinem Schatz. Denn das Bild hat eine ganz besondere Vorgeschichte. Ursprünglich gehörte es dem jüdischen Bankier Hugo Simon, der im März 1933 wegen seiner politisch linken Einstellung vor den Nazis fliehen musste. Im Januar 1937 verkaufte er den "Schrei" an einen Stockholmer Händler. Von dem erwarb es wahrscheinlich der Reeder Thomas Olsen.

Hugo Simon starb 1950 in Brasilien. Bislang hatten seine Erben keine Ansprüche auf das berühmte Bild angemeldet. Ein Urenkel des Sammlers erklärte jedoch kürzlich gegenüber der "Welt", die Erben seien "mit dem Verkauf nicht einverstanden". Und nun geht die Debatte doch noch los: Hat Simon aus Geldnot verkauft, weil er vor den Nazis fliehen musste? Dann hätten die Erben das Recht auf Rückgabe. Die Kunsthistorikerin Nina Senger, die gerade an einer Biographie über den Berliner Sammler und Bankier Hugo Simon arbeitet, glaubt: "Er war ganz sicher unter Zwang. Weil er Jude, Kommunist und Pazifist war, und weil es ab 1933 ein nationalsozialistisches System in Deutschland gab. Das hat sein Leben bedroht."

Eine unangenehme Sache für Sotheby's. Simon Shaw, Chef für Impressionismus und Moderne Kunst im New Yorker Zweig des Auktionshauses, erklärt dazu: "Wir sind in Kontakt mit den Erben Simons und konnten feststellen, dass es ihrerseits keine rechtlichen Ansprüche an dem Bild gibt." Das letzte Wort dürfte da noch nicht gesprochen sein.

Von Anja Lösel
 
 
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