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Das war's mit uns, Julia!

Vor wenigen Wochen bejubelten wir an dieser Stelle ein Video von Poetry-Slammerin Julia Engelmann. Doch nachdem wir sie etwas besser kennengelernt haben, ist die Beziehung abgekühlt. Eine Korrektur.

Von Volker Königkrämer

  In der NDR-Talkshow erzählte Julia Engelmann, wie sie den Hype um ihre Person erlebt hat

In der NDR-Talkshow erzählte Julia Engelmann, wie sie den Hype um ihre Person erlebt hat

Als Journalist muss man nicht nur aufpassen, was man schreibt. Man muss auch aufpassen, über was man schreibt. Denn ganz schnell wird man zum Experten. Ein Artikel über Genmais, das griechische Rettungspaket oder das Stimulanzmittel Methylhexanamin - und zack heißt es, wenn das Thema wieder auf die Agenda kommt: "Mach du das mal, du hast ja schon damals diesen Artikel ..!"

Auf diese Weise habe ich mir in unserer Redaktion den Ruf als Fachmann in Sachen Julia Engelmann erschrieben. Bloß weil mir vor ein paar Wochen ihr Auftritt beim Bielefelder Hörsaal-Slam auf Facebook über den Weg gelaufen war. Und ich aus meiner Begeisterung über den Text keinen Hehl gemacht habe. "Dieses Video könnte ihr Leben ändern" lautete die Überschrift damals.

Heute Morgen schickte dann ein Kollege einen Link von einem Auftritt Julia Engelmanns in der NDR-Talkshow vom Freitag rum. Und, na klar, es hieß: "Mach du das mal, du hast ja schon damals ..!"

Alle sind hingerissen

Was soll ich sagen?! Das Video, das die ARD auf YouTube gestellt hat, wird Ihr Leben sicher nicht verändern. Engelmann durfte ihr Stück "One Day/Reckoning Text" zunächst noch mal in voller Länge vortragen. Das Studio wurde dafür extra in weihevolles Licht getaucht - und am Schluss waren alle hingerissen: Hubertus Meyer-Burkhardt, Jörg Pilawa, Anna Loos. Schauspielerin Hannelore Elsner merkte lediglich an, doch ein wenig Dopamin aufzuheben, damit man später noch was hat - "so wie ich zum Beispiel!" Und Til Schweiger nuschelte: "Entschullligung: Dopamin muss man sich nicht aufheben, weil - das bildet sich ständig neu!"

Und die Hauptdarstellerin Julia Engelmann? Die gab sich betont bescheiden, sprach davon, wie "surreal es ist, dass mein Leben plötzlich hier verhandelt wird". Dann erzählte sie, wie sie vor dem ganzen Hype gemeinsam mit ihrer Mutter an die Ostsee geflüchtet sei. Dort habe sie viel gelesen und Gitarre gespielt, ihre Mutter habe Handy und Laptop beschlagnahmt und sie lediglich in kleinen Dosen über die jüngsten Zugriffszahlen auf Facebook informiert.

Ja, das wirkte alles sehr sympathisch. Erst recht, als die Mutter, die im Publikum saß, betonte, dass sie auch die ganzen 21 Jahre zuvor schon stolz auf ihre Tochter gewesen sei. Dass sie zudem aber auch noch einen großartigen Sohn habe und dass sie überhaupt eine coole Familie seien …

Zuckersüße Pose

Das muss in etwa der Moment gewesen sein, in dem ich mich vom Phänomen Julia Engelmann verabschiedet habe. (Notiz an die Redaktion: Fragt beim nächsten Mal bitte jemand anderen!). Denn als diese bei den Worten ihrer Mutter auch noch zuckersüß in die Kamera poste, war da einfach nur der überwältigende Eindruck von Kalkül und Inszenierung.

Schon als Engelmanns Text vor wenigen Wochen durch die Decke ging, gab es neben der millionenfach via YouTube-Klick geäußerten Begeisterung viele hämische Kommentare und Spottversionen ihres Auftritts. Schon damals gab es Kritiker, die auf das Kalkulierte ihres Auftrittes hinwiesen. Die anmerkten, dass Engelmann immerhin zwei Jahre in der RTL-Soap "Alles was zählt" mitgespielt hatte - und somit ziemlich genau weiß, wie man sich vor einer Kamera in Szene setzt. Davon übrigens im NDR kein Wort.

"Du machst das so schlau. Du sagst das so schön"

Ich gebe zu, dass ich anfangs mit dieser Kritik nicht viel anfangen konnte. Mir hat der Text schlicht die Schuhe ausgezogen. Tut er auch heute noch. Der lyrische Aufruf, einfach sein Leben zu leben, "Dopamin zu vergeuden" und mal wieder darauf zu warten, "dass die Wolken lila werden" berührt mich mit fast 50 genauso wie andere mit 20.

Doch was ich nach dem Auftritt beim NDR nicht mehr habe: den festen Glauben daran, dass da ein junges Mädchen völlig unvorbereitet in einen Internet-Candystorm geraten ist. "Du machst das so schlau. Du sagst das so schön. Und ich nehm's dir so ab!", jubelte Schauspielerin Anna Loos am Freitag im NDR.

Ich nicht mehr!

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