Antworten für das Fernsehen von gestern

18. Januar 2013, 08:42 Uhr

In der Talkrunde ging es um den neuen Rundfunkbeitrag. Doch die Debatte wirkte altbacken. Von neuer Mediennutzung keine Rede. Und Oliver Pocher hätte wirklich nicht sein müssen. Von Bernd Gäbler

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Maybritt Illner fragte - und schaffte die ZDF-Sendung in eigener Sache ohne Peinlichkeiten©

Nicht weil es im ganzen Volk rumort, wie die Boulevardpresse unterstellt, sondern weil der neue Rundfunkbeitrag eine grundsätzliche Systemumstellung bedeutet, wurde dieser nun endlich auch betalkt. "Gebühren, Quoten, Qualität - Sind ARD und ZDF ihr Geld wert?", fragte Maybritt Illner im ZDF. Auf der Internetseite zu Sendung prangte groß die Werbebotschaft: "Einfach. Für alle. Der neue Rundfunkbeitrag".

So eine Selbstthematisieung ist immer heikel. Beiträge in "heute" und "Tagesschau" aus den vergangenen Tagen ließen Schlimmes befürchten. Sie waren zwar allesamt in sachlichem Ton verfasst, aber dennoch plumpe Propaganda.

Kontraproduktive Gags

Das kann man der erfahrenen Polit-Talkerin Maybrit Illner nicht vorwerfen. Brav arbeitet sie eine Liste kritischer Vorhaltungen ab, die vom vermutlichen Schleichwerbeskandal bei "Wetten, dass …?" über den teuren Sportrechteeinkauf bis zur digitalen Kanalvielfalt reichten.

Auch die geladenen Kritiker waren keine Leichtgewichte: Christoph Keese vom Springer-Verlag und Hans-Peter Siebenhaar, Medienredakteur beim "Handelsblatt", stellten beide den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht grundsätzlich in Frage, wohl aber dessen Dimensionierung.

Was aber sollte Oliver Pocher in der Runde? Zwar machte er ein paar treffende Bemerkungen zu Product Placement, Werbung und den vollen Taschen der Gebrüder Gottschalk, oft aber nahmen seine Gags der Kritik den Ernst und damit die Spitze. So als er etwas von den Van der Vaarts dazwischen krähte, als es endlich einmal um die Transparenz ging, die jeder Beitragszahler erwarten dürfe.

Öffentlich-Rechtliche als natürliche Existenzform

Olaf Scholz, der Erste Bürgermeister Hamburgs, der auf dem Sprung ist, für die SPD die Medienpolitik neu zu sortieren, griff nur gelegentlich ein - wie ein weise abwägender Staatsmann.

Überbordende Redezeit beanspruchte dagegen selbstverständlich der Hausherr, ZDF-Intendant Thomas Bellut, der den Seinen eine Art Nachhilfekurs in der Kunst der Selbstverteidigung gab. Ruhig trug er seine Argumente vor, die oft logisch wirkten – allerdings nur unter einer Voraussetzung: Man hält das aktuell gegebene System der Sender, Anstalten und Programme gewissermaßen für deren natürliche Existenzform.

Wer Pilcher, Traumschiffe oder teure Shows kritisiert, will das ZDF ins Ghetto abschieben. Wer die Beteiligung an 150 Tochterfirmen mit 3600 Mitarbeitern moniert, will den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vom Markt isolieren. Wer Transparenz fordert, wird auf die Gremien der Selbstverwaltung verwiesen. Wer bei Sportrechten erfolgreich mitbieten wolle, könne einfach nicht offenbaren, welche Millionenbeträge er gerade zahlt. Das "Handelsblatt" veröffentliche ja auch nicht die Gehälter oder Papierkosten.

"Demokratieabgabe" klingt ganz schön pathetisch

Dass es gerade darum geht, dass sein Sender grundsätzlich anders finanziert wird als das "Handesblatt" oder die Springer-Blätter - nämlich von uns allen - lächelte Bellut jeweils souverän weg. Er findet, das ZDF soll sich einfach voll am Markt behaupten.

Der neue Rundfunkbeitrag ist faktisch eine Steuer. Das sei er mitnichten, beschied als Fachmann der im Einzelgespräch befragte Justiziar des SWR, Hermann Eichler, weil er nämlich nur einen gezielten Zweck habe.

Just über diesen Zweck aber wäre zu diskutieren gewesen. Besteht dieser darin, ein System aus den Anstalten ZDF, ARD und Deutschlandradio zu unterhalten, oder geht es um Inhalte? Soll der Rundfunkbetrag tatsächlich eine "Demokratieabgabe" sein, wie die Anmaßung des WDR-Chefredakteurs Jörg Schönenborn zitiert wurde, warum soll dann allein der öffentlich-rechtliche Rundfunk diese Qualität für sich beanspruchen können?

Diese grundsätzliche staatsbürgerliche Debatte wurde rasch in Servicefragen zum Rundfunkbeitrag erstickt. Wie ansonsten im Privatfernsehen üblich, wurde der Zuschauer als Konsument angesprochen, nicht als wacher Staatsbürger. Aber selbst da drückte der Justiziar die berechtigte Frage weg, was daran gerecht sei, wenn die Oma in der Einzimmerwohnung dasselbe zu zahlen habe wie der Millionär in der 20-Zimmer-Villa. Er konterte mit einem absurden Hinweis auf den überall gleichen Prozentsatz der Mehrwertsteuer. Eine Nachfrage unterblieb.

Nennen wir den neuen Rundfunkbeitrag nicht hochgestochen "Demokratieabgabe", sondern nehmen ihn als eine Art "Pflicht-Kultur-Flatrate". Die Summe ist in etwa so groß wie die Ausgaben des Familienministeriums oder die bundesweite Kulturförderung. Da war es schon verwunderlich, wie sehr im ZDF-Heimspiel bei Illner zwar die gute alte "DNA dieser Republik" (Siebenhaar) zitiert wurde, zu dem ein starker öffentlich-rechtlicher Rundfunk natürlich gehöre, aber wie wenig von den Umbrüchen, dem "Strukturwandel der Öffentlichkeit", den neuen Medien, neuen Akteuren, dem Drang nach Teilhabe, der Einheit von Mediennutzung und Produktion die Rede war.

Gemütlichkeit in der Gutenberg-Galaxis

Man konnte den Eindruck gewinnen, alle Diskutanten tummelten sich noch fröhlich in der Gutenberg-Galaxis. Mit einem Wort: Es fehlte alles, was den völlig neuen Legitimationsdruck ausmacht, unter dem sich gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk erst noch zu bewähren hat.

Maybrit Illner hat es hinbekommen, im Heimspiel nicht allzu peinlich zu wirken. Ihr Intendant Bellut hat alle Systemfragen elegant umschifft und sich auf diese Weise in Sachen Selbstverteidigung wacker geschlagen. Beides gelang aber vor allem deswegen, weil die Sendung furchtbar gestrig wirkte - obwohl es um den neuen Rundfunkbeitrag ging.

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Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

 
 
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