Er ist Hungerkünstler, Gesundheitsapostel und der unangefochtene Kaiser der Laufstege. So wenig sich Karl Lagerfed auf eine Profession festlegen lässt, so wenig weiß die Öffentlichkeit über sein Alter. Laut Geburtsregister feiert Lagerfeld heute 75. Geburtstag - auch wenn er für seinen Arbeitgeber Chanel erst 70 Jahre alt wird. Von Tilman Müller

Modeschöpfer Karl Lagerfeld liebt es, zu fotografieren - sich selbst und andere© Michael Kappeler/DDP
Es war ein Abend, in dem sich die Hautevolee in Europas prunkvollsten Gemächern traf und wieder mal alles genau so ablief, wie der Weltstar mit dem stahlgrauen Mozartzopf sich das vorgestellt hatte. Gegen 20 Uhr Auftritt seiner Obermuse Caroline von Monaco. An ihrer Seite plaudert Gemahl Ernst August von Hannover mit Modeschöpfer Valentino, als es plötzlich still wird in dem Salon, in dem einst eine Mätresse des Sonnenkönigs Ludwig XIV. residierte.
Kerzengerade kommt Karl Lagerfeld im Schloss von Versailles die Treppe herauf. Schwarze Sonnenbrille, zehn Zentimeter hoher weißer Stehkragen, dunkle Krawatte über dem blau-roten Karo des Oberhemds, schwarz das knappe Jackett und die knallengen Jeans, schwarz auch seine fingerlosen Lederhandschuhe und die hochhackigen Stiefel. Eine coole Kunstfigur: superschlank, roboterhaft und vollkommen alterslos - "generationsbefreit", wie der in diesen Tagen 75 Jahre alt werdende Chefdesigner von Chanel gern über sich sagt.
Der gebürtige Hamburger ist seit dem Tod seines Erzrivalen Yves Saint Laurent in Paris unangefochten die Über-Ikone der Eleganz. Das US-Magazin "Time" nahm ihn in diesem Jahr als einzigen Deutschen in sein Ranking der "100 einflussreichsten Personen der Welt" auf. Ein Trendsetter, der im Alleingang die Modewelt erobert hat - durch harte Arbeit und preußische Disziplin.
Lange schon spielt Monsieur Lagerfeld in der Königsklasse des Jetset, berühmt nicht allein als Häuptling der Laufstege, sondern - ähnlich wie sein alter Bekannter Andy Warhol - vor allem als wandelndes Gesamtkunstwerk. Rastlos ist er im Privatflieger unterwegs. In Dubai gibt er gerade sein Debüt als Architekt, entwirft 80 Prachtvillen auf einer künstlichen Insel in Palmenform, in Manhattan stellt er seine Eyewear-Kollektion vor, in Tokio vor Kurzem den mobilen Ausstellungspavillon von Chanel. Im Mai warb er in Frankreich für neue Warnwesten ("Sie sind hässlich gelb und passen zu nichts, können aber Leben retten"), im Oktober stellt er "Kapsule" vor, sein Parfüm. Lounge-Fans stehen auf "Les Musiques que j'aime", ein Doppelalbum mit Lagerfelds Lieblingssongs; in "Grand Theft Auto IV", einem Gangster-Videospiel, tritt er als "DJ Karl" in Erscheinung. Und nun gibt es ihn auch als Teddybär von "Steiff " - mit weißem Mega-Kragen und dunkler Sonnenbrille.
In Versailles also eröffnet der "professionelle Hit-Mann" ("New York Times") eine Ausstellung, seine eigene natürlich. An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos, die auf handgefertigter Büttenpappe gedruckt sind - und das Versailler Château vor dramatischen Gewitterwolken zeigen. Einige der Aufnahmen sind erst Wochen zuvor entstanden. Wie einst Warhol hat Lagerfeld immer eine Kamera dabei.
Umgeben von schönstem Rokoko-Dekor süffelt das Vernissagenvolk im Herkules-Salon Champagner, Lagerfeld jedoch Cola light. Alkohol, Zigaretten, Drogen hat er ein Leben lang gemieden und sich obendrein, ganz anders als Andy Warhol, in einen veritablen Gesundheitsapostel verwandelt - im Herbst 2000, als er eine Diät begann und 42 Kilo abnahm, um in die ultraschlanken Outfits zu passen, die der Designer Hedi Slimane damals entwarf. Davor liebte er es eher opulent, hätte an einem festlichen Abend wie diesem reichlich Pâtisserie verdrückt, seine Leibesfülle unablässig mit einem Fächer bewedelt und das 18. Jahrhundert als Höhepunkt der Zivilisation gepriesen.
Alles vorbei. Jetzt wiegt der Wandlungsfähige 60 Kilo. Im "Spaceship", seinem neuen Appartement an der Seine, stammen alle Möbelstücke aus dem 21. Jahrhundert. Zwei Diätköche sorgen dafür, dass er Jeansgröße 30 hält. Zeichentische überall, selbst im Ankleidezimmer, damit der kreative Kopf von Chanel, Fendi und anderen Luxushäusern seine Ideen spontan zu Papier bringen kann - Skizzen für die Schauen und die vielen Werbefotoproduktionen, die er nebenher erledigt für Kunden wie Dior Homme, Dom Pérignon oder Rosenthal Porzellan. Dazu kommen all die Prominenten-Porträts; sogar der einstige Bayern-Keeper Oliver Kahn hat ein Lagerfeld-Foto von sich überm Bett hängen.
"Es hätten sich ja so viele Leute gefreut, wenn ich wieder dick geworden wäre, dieses Vergnügen wollte ich keinem bereiten", sagt der Hyperaktive vor einem großen Kelch Cola. Wer solche Disziplin nicht aufbringen kann, den straft er mit Verachtung. Ex-Außenminister Joschka Fischer etwa. "Der macht doch den gleichen Kram wie die Spießbürger", echauffiert er sich, "und dann noch dieser Rückzug in die Grunewald-Villa, so ein Quatsch, das will ich doch gar nicht diskutieren."
Wenn es ums Abnehmen geht, kennt Lagerfeld kein Pardon. "Ein viertel Pfund zu viel, und schon passt die Jeans nicht mehr", sagt er, und seine Hose sitzt in der Tat provozierend eng; binnen Stunden sei das "fiese Gefühl" bei ihm aber wieder weg, und zwar durch "autofaschistische Behandlung der eigenen Person". Und bald schreibe er eine neue Diätfibel. Titel: "Mein siebenjähriger Krieg - Ein Kochbuch".
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 37/2008