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6. Juli 2010, 10:39 Uhr

Mehr Glanz wagen!

Jede Stadt, die etwas auf sich hält, organisiert eine Modewoche. So auch Berlin. Ab 7. Juli fühlt sich die deutsche Hauptstadt wieder als Nabel der Modewelt. Doch wie wichtig ist die dortige Fashion Week wirklich? Ein Kommentar von Godfrey Deeny

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Ein Model als Aushängeschild der Berliner Fashion Week: Julia Stegner war bis Januar 2010 das offizielle Gesicht der Modewoche© Jens Kalaene/DPA

Kaum etwas hat sich in den vergangenen Jahren so rasant entwickelt wie die Szene der Fashion Weeks. Offenbar kann sich ein Land erst dann als "stylish" bezeichnen, wenn es eine anständige Modewoche auf die Beine stellt. Es ist, als dauere die Hochsaison der Modenschauen das ganze Jahr. Wie jeder Erste-Reihe-Kritiker oder gemeine Fachredakteur bestätigen kann, findet inzwischen immer, außer vielleicht an Weihnachten, irgendwo auf der Welt eine Fashion Week statt - von Riga bis Reykjavik, von Rio bis zur armenischen Hauptstadt Eriwan. Vom 7. bis 10. Juli ist also Berlin an der Reihe.

Fashion Week ohne Top-Designer

Seit ihrem Debüt im Juli 2007 ist die Fashion Week in Berlin gut gediehen: Man hält solide Schauen ab. Die Stadt gilt als kulturelles Zentrum mit einzigartiger Kunstszene, fantastischem Nachtleben, florierender Boutiquen-Kultur und leichtem Zugang zum riesigen Markt modehungriger osteuropäischer Konsumenten sowie zu spendablen Sponsoren.

Wie beim Profitennis unterteilt man jede Saison in Grand Slams, ein Dutzend wichtiger Turniere und einige Ferner-liefen-Veranstaltungen. In der Mode sind die vier Großen Paris, Mailand, New York und London; um die restlichen Plätze in den Top Ten tritt Berlin gegen Metropolen wie Moskau, Peking, Tokio, Sydney, Rom, Los Angeles, São Paulo und Rio de Janeiro an. In all diesen Städten passiert im Grunde dasselbe: Bürgermeister und Unternehmen pumpen Geld in die Mode und sonnen sich im Glanz der Branche.

Die Berliner Fashion Week hat jedoch ein ernstzunehmendes Problem: Sie hat kaum Erste-Liga-Designer vorzuweisen. Weder Deutschlands berühmtester Modeschöpfer Karl Lagerfeld noch das angesagte High-End-Label Jil Sander zeigen ihre Kollektionen in Berlin.

Show der Marken

Genau das ist der wunde Punkt der Veranstaltung: Sie ist eine Show der Marken, nicht der Designer. In Paris oder Mailand sind die Designer die großen Stars, aber fragen Sie mal einen Berliner nach dem kreativen Kopf hinter einem großen Haus wie René Lezard, das seine Arbeiten in Berlin zeigt. Ich verwette meinen Cashgora-(Cashmere und Angora)-Ferré-Mantel mit sibirischem Wolfspelzkragen, dass keiner auch nur die leiseste Ahnung haben wird. Es scheint, als weigerten sich alle deutschen Modelabels, internationale Stardesigner anzuheuern, um ihren Marken ein bisschen mehr Glanz zu verleihen.

Neue Labels wie Kaviar Gauche und Kilian Kerner haben zwar für Aufsehen gesorgt, aber das sind Ausnahmen. Nehmen wir Strenesse: Einst veranstaltete das Modehaus elegante Schauen in Mailand, heute hat man sich ins beschauliche Berlin zurückgezogen. Früher verbeugte sich die hocherfahrene Gabriele Strehle am Ende der Show und pflegte so das Image von Strenesse. Heute steht auf dem Laufsteg Stieftochter Viktoria, die Einzelhandelskauffrau gelernt hat.

Bloß Durchschnitt

Doch meist bekommt man mangels kreativen Feuerwerks in Berlin bloß Durchschnittsmarken zu sehen. So etwas wie Größe traut sich oft nur Hugo Boss zu. Die Strategie des Unternehmens, spektakuläre Mega-Events auszurichten, geht auf: 2007 inszenierte Boss ein Laufsteg-Event unter dem Brandenburger Tor, und hinterher zog die Modemeute weiter in die russische Botschaft zur After-Show-Party. Clever für eine Marke, die, diplomatisch ausgedrückt, eher für klassische, unaufgeregte Mode steht.

Immerhin fährt die Berliner Fashion Week auch regelmäßig mit einem Quäntchen lokaler und internationaler Stars auf - etwa Deutschlands Antwort auf Sofia Coppola, die Independent-Filmemacherin Nicolette Krebitz, die Romy-Schneider-Doppelgängerin Marie Bäumer oder das Hollywood-Partytier Thomas Kretschmann, nicht zu vergessen die Übermodels Julia Stegner oder Luca Gadjus. Doch trotz hoher Promi-Quote wird die Stadt der Wiedervereinigung erst einen festen Platz auf der Modeweltkarte haben, wenn die Leute den neuen, heißen Minirock der Saison "Berlin Mini" nennen.

Oh, Sie wollen noch wissen, auf welchem Platz der ATP-Weltrangliste Berlin steht? Nun, nachdem ich 2008 auf mehr als 20 Fashion Weeks war, würde ich sagen: ungefähr auf Platz 9 - zwischen Moskau und Rio.

Godfrey Deeny war Chefredakteur von "Vogue Hommes International" und arbeitet nun als Korrespondent unter anderem für die "Financial Times"

Ein Kommentar von Godfrey Deeny
 
 
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