. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
22. April 2005, 11:41 Uhr

"Lasset die Kinder zu mir kommen"

Wieder hoch zur Kinderstunde. Siggelkow spielt Gitarre. Sie versuchen, alle zusammen ein Lied zu singen. Dann erzählt die Sozialpädagogin Mirjam von Straßenkindern in Chicago. Da sitzen sie einmal am Tag ganz still, hören zu. Auch Brian, der Junge, der sonst kreischt und schreit und trillert und seine Mutter mit Nüssen bewirft, wenn sie Besuch hat. Mit Ritalin hat sie versucht, ihn zu bändigen, aber er hat es nicht vertragen; Brian, der erst zufrieden ist, wenn mit ihm mal jemand redet, wenn es um ihn geht. Jetzt ist er ganz ruhig. Die schöne Mandy mit den erschöpften Augen, die zwölf ist und viel vom Bumsen redet und sich dann auf den Schoß einer Mitarbeiterin flüchtet und zusammenkrümmt wie ein kleines Kind. Tobi, der gerade noch so traurig war, weil die anderen ihn nicht mitspielen ließen. Die Achtjährige, die ihren kleinen Bruder erzieht, der mit vier nur um sich tritt und selten spricht. Am liebsten sagt er "fick dich", weil die Großen dann lachen.

Dann meldet sich ein kleines Mädchen. Sie hat heute Geburtstag. Sie wird sieben. Sie ist ganz allein hier. Bernd Siggelkow kramt schnell einen Plüschhund hervor. Weil es häufig passiert, dass die Kinder zu Hause nicht feiern, macht die Arche einmal im Monat eine Geburtstagsparty für die Monatskinder. Jedes bekommt ein Geschenk. Jedes bekommt ein Stück Kuchen. Auch wenn es für manche drei Wochen zu spät ist.

Am Abend wird es ruhiger in der Arche, aber Schluss ist noch lange nicht. Siggelkow wohnt mit seiner Familie in umgebauten Klassenzimmern. Das spart den Nachtwächter, und mit der Miete, die die Siggelkows an die Arche bezahlen, kann man ein Teil der Betriebskosten finanzieren. Dass wissen aber alle, und so klingelt auch spät das Telefon, weil eine Schulmappe vergessen oder ein Schlüssel verloren wurde oder weil bei Aldi die Gefriertruhen ausgefallen sind und man sich umsonst Lebensmittel abholen kann, aber nur jetzt sofort.

Manchmal stehen nachts auch Kinder vor der Tür, hämmern so lange gegen die Scheiben, bis sie einer hört und hereinlässt. Wie das Mädchen, das von zu Hause abgehauen ist, weil der Stiefvater es vergewaltigen wollte. Wie der 15-Jährige, den die Mutter mitten in der Nacht vor die Tür gesetzt hat, weil der neue Freund sagte: Er oder ich. Er hatte ein kleines Bündel dabei und fragte: Bernd, was soll ich jetzt machen? Siggelkow darf keine Minderjährigen in der Arche übernachten lassen, also rief er den Jugendnotdienst an. Die sagten: Setz ihn in ein Taxi und schick ihn nach Charlottenburg, und wenn da kein Bett frei ist, schicken wir ihn weiter. Zwei Jahre ist das her, der Junge kam nie an in Charlottenburg, und niemand hat mehr von ihm gehört. Warum sollte die Polizei nach jemandem suchen, den keiner vermisst?

Die Arche ist nicht heimelig. Ein bisschen heruntergekommen wirkt die alte Schule, obwohl schon viele Spenden in Renovierungsarbeiten gesteckt wurden. Laut ist es und groß, und es hallt. Es gibt wenig ruhige Ecken und nicht allzu viel Gemütlichkeit, eine alte Plattenbau-Schule bleibt immer, was sie ist. "Was die Arche für viele Kinder bedeutet, kann man nicht auf den ersten Blick sehen", sagt Mirjam, die Sozialpädagogin. "Das kann nur ermessen, wer ahnt, wo die Kinder herkommen."

Im Bezirksamt des PDS-regierten Hellersdorf hat sich inzwischen ein gewisser Missmut verbreitet angesichts der Aktivitäten von Siggelkow und seinen Mitstreitern. Obwohl man die Arche mit einer Planstelle unterstützt und das Engagement nicht schlecht findet, wie Sozialstadträtin Manuela Schmidt beteuert. Aber es gibt doch auch anderswo in Deutschland schwierige Verhältnisse, und sie finden, dass das etwas untergeht. Und hungern müsste hierzulande doch niemand, "auch wenn man über die Frage der Teilhabe am Leben sicher streiten kann". Die Eltern könnten doch kommen und Hilfe zur Erziehung beantragen.

Was aber, wenn die das nicht tun? "Wir können ja nicht auf die Straßen gehen und die Kinder einfangen", sagt Manuela Schmidt. Und überhaupt, "wir sind doch nicht die Feuerwehr der Gesellschaft". Demnächst wollen sie im Bezirksamt Teams bilden, aus unterschiedlichen Bereichen, die nicht mehr in der Amtsstube sitzen, sondern "hineingehen, in den Sozialraum". Klar merken sie, dass weniger Leute ihre Kinder im Kindergarten anmelden. Dass ein Großteil der Kinder Eltern hat, die von staatlicher Hilfe leben. Natürlich müssen sie Einrichtungen schließen. Aber sie tun doch auch etwas, aufklären zum Beispiel, über gesunde Ernährung. "Und dann", sagt Manuela Schmidt, und man weiß nicht so recht, ob sie selbst glaubt, was sie da behauptet, "sagen die Kinder durchaus: Mutti, lass heute doch die Zigaretten sein, wir kaufen mal ein Päckchen Quark."

Mit einem aber hat die Sozialstadträtin Recht: Die Arche könnte auch in Berlin-Neukölln stehen, in Hamburg-Steilshoop, München-Hasenbergl, Münster-Kinderhaus, Hannover-Bothfeld. Hellersdorf ist überall. Und wenn morgen die Arche zumachte, dann würde man nicht übermorgen 250 verhungerte Kinder auf den Bordsteinen des Bezirks finden. Sie würden sich schon irgendwie durchschlagen, diese kleinen Überlebenskünstler. Sie würden unsichtbar sein in den Ritzen der Stadt, in den Hauseingängen, den Kellertreppenvorsprüngen. Jedes hat seine Strategie, dem Leben doch noch ein bisschen abzutrotzen - einer weint bei jeder Gelegenheit, eine schlägt um sich, die Nächste baut sich eine Lügenwelt.

Haben ist besser als kriegen, lautet eine dieser Überlebensregeln, wer weiß, was morgen droht. Die Angst, zu kurz zu kommen, wenn man nicht laut genug schreit. Hin und wieder würde vielleicht eines der Kinder gefunden, von der Polizei vielleicht, vom Jugendamt oder auch erst dann, wenn es viel zu spät ist wie kürzlich in Hamburg das Mädchen Jessica. Dann würden für ein paar Tage die Scheinwerfer von Fernsehkameras die Straßen beleuchten, und danach wäre alles, wie es gestern war. Wie es heute ist. Wie es morgen sein wird.

Die Geschichten ähneln sich, die Geschichten wiederholen sich. Geschichten von Mädchen, die als Kinder schon Mütter werden, deren Töchter mit zwölf die Pille nehmen, die Geschichten von geschlagenen Frauen, von zu viel Alkohol, zu vielen Männern, von Missbrauch und Kindern, die zu früh erwachsen werden.

Also geht die Arche ins zehnte Jahr. Wächst und wächst. Und wie die Kinder weiß sie nie, was morgen ist. 95 Prozent des Etats stammen aus Spenden. Die meisten davon kommen unregelmäßig. Wenn morgen ein Großspender ausfällt, haben sie übermorgen ein Problem. Wenn noch ein paar Briefe kommen wie der gestern vom Bauamt, dann haben sie heute schon ein Problem. Der Behinderteneingang in der Arche entspreche nicht den gültigen Vorschriften, findet die Behörde, er habe überdacht zu sein und müsse sich mit einem Summer öffnen lassen, und eine Klingel im Büro habe anzuzeigen, dass ein Behinderter kommt. Bernd Siggelkow rauft sich die Haare. Ob sich ein Spender auch dafür findet? Oder für die Stellen im nächsten Jahr? Ob es die Arche dann noch gibt? Wie hält man das aus? "Gottvertrauen", sagt Siggelkow. "Hoffnung", sagt Mirjam.

Wegen der Hoffnung haben sie gerade ein neues Projekt aufgemacht, im Stadtteil Friedrichshain, wieder eine Arche. Arche, wie das Schiff, das ein paar Lebewesen aufnahm, weil man alles drum herum verloren gegeben hatte.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 16/2005

Frauke Hunfeld
1 2
weiter  
 
 
 
stern testen, Serie sichern

Jetzt den stern inklusive der aktuellen Gesundheits-Serie testen! Jetzt sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (7/2012)
Unser täglich Fleisch