Um sich zu befreien, amputierte Aron Ralston nach einem Kletterunfall eigenhändig seinen eingeklemmten rechten Unterarm. Der 27-Jährige ist der neue Held der Outdoor-Szene.

Den frisch operierten Arm in der Schlinge, einen Reißzahn als Amulett um den Hals, erschien Aron Ralston lächelnd zur Pressekonferenz. Hinter ihm sein Vater Larry, vorne seine Mutter Donna© AP
"Arons optimale Erlebnisse" hat der Maschinenbauingenieur Aron Ralston als Überschrift für seine Homepage gewählt. Im Untertitel ermutigt er den Leser: "Schaff dir deine eigene Realität." Nachfolgend listet der 27-Jährige Hobbybergsteiger seine Abenteuer und sämtliche von ihm bezwungenen Gipfel auf. Den Mount McKinley in Alaska, die Kordilleren in Peru und 45 der 59 Viertausender in Colorado, die er als erster Mensch im Alleingang im Winter bezwungen hat. Darunter fasst er seine Philosophie zusammen: "Das Leben ist leer und bedeutungslos. In der Leere schaffen wir Möglichkeiten für außergewöhnliche Ergebnisse."
Vermutlich hätte das nie jemanden sonderlich interessiert. Doch seit dem 1. Mai ist Aron Ralstons Webseite eine der meistangeklickten in ganz Amerika - zumindest in Bergsteigerkreisen. Denn Aron ist ihr neuer Held. Er ist der Mann, dem beim Klettern im Blue John Canyon im Süden von Utah ein Felsen gegen die Hand rollte. Fünf Tage war er eingeklemmt, ehe er sich befreiten konnte: Mit Hilfe eines Taschenmessers amputierte er sich den rechten Arm.
"Ich weiß selbst nicht genau, wie ich das geschafft habe. Ich fühlte den Schmerz. Aber ich habe ihn überwunden und einfach weitergemacht", sagt der junge Mann mit den rotblonden Haaren, dessen verstümmelter rechter Unterarm inzwischen in einer blauen Schlinge hängt. Am Lederband um seinen Hals baumelt ein elfenbeinfarbener Reißzahn, sein Glücksbringer. Ralston lächelt, als sei der Verlust der Hand kaum der Rede wert: "Ich mach mir jetzt große Vorwürfe, vor der Klettertour niemandem Bescheid gesagt zu haben, wohin ich gehe und wann ich wieder zurück sein wollte. Sonst mache ich das immer. Das gehört zum Klettern wie der Sicherheitsgurt beim Autofahren."
Ralston hatte erst im vergangenen Frühjahr seinen Job als Maschinenbauingenieur bei Intel in Denver aufgegeben und war nach Aspen gezogen, um den Bergen näher zu sein. Mit Gelegenheitsjobs in einem Bergsteiger-Laden verdiente er sich gerade so viel Geld, wie er für seine Unternehmungen brauchte. Oft war er mit einer Gruppe unterwegs, im Bekanntenkreis "Die streunenden Hunde" genannt. "Er galt als der deutsche Schäferhund unserer Mannschaft: klug, stark und gut trainiert", sagen die Freunde. "Er hatte einen Schritt wie eine Giraffe. Selbst mit Schneeschuhen war er schneller als die meisten Leute beim Joggen."
Sie waren besorgt, als er nicht wie verabredet zur Arbeit erschien. Ralstons Mutter knackte gemeinsam mit seinen Freunden Arons Computer. Anhand seiner E-Mails suchten sie herauszufinden, wohin er aufgebrochen sein könnte. Aber keiner wusste, dass ihn sein geplanter Drei-Tages-Trip nach Utah geführt hatte. Am ersten Tag war er auf den Mount Sopris gestiegen und auf Skiern abgefahren. Am zweiten Tag machte er mit dem Mountainbike den Slick Rock Trial in Moab. Am dritten Tag kletterte er zwei Meilen außerhalb des Canyonlands National Park eine fast senkrecht abfallende, teilweise nur einen Meter breite Schlucht hinauf. Ralston musste drei große Felsbrocken überwinden. Einer bewegte sich plötzlich. Der 400-Kilo-Koloss quetschte Ralstons rechte Hand gegen die Felswand.