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16. Oktober 2011, 19:12 Uhr

Raubzug in die Katastrophe

Ein IT-Manager flüchtet aus seinem Leben und wird zum Serienräuber. Am Ende sprengt er sich in die Luft, überlebt schwer verletzt und entstellt. Von heute an steht er vor Gericht. Von Malte Arnsperger

Raubserie, Manager, Serienräuber, Wolfgang M.

Wolfgang M.: Ein schlechter Verlierer wird zum Serienräuber© Picture-Alliance

Wolfgang M. hat alle enttäuscht und viele zu Opfern gemacht. Seine Ex-Frau, seine Ex-Freundin, seine Kumpels hat er in einem Chaos voller Schulden zurückgelassen. Angestellte von Banken und Geschäften hat er bei seinen Überfällen zu Tode erschreckt, Polizisten verletzt. Und am Ende hat Wolfgang M. verzweifelt einen Ausweg gesucht: Ein Selbstmordversuch ging schief, der 50-Jährige ist für den Rest seines Lebens durch Brandnarben entstellt. Von diesem Montag an muss er sich vor dem Münchner Landgericht verantworten, angeklagt des versuchten Mordes und der räuberischer Erpressung.

Wolfgang M. hat das Leben so vieler Leute aus dem Gleichgewicht gebracht, da ist es gut, sich die Geschichte dieses Mannes aus dem Munde eines ruhigen, rationalen Menschen anzuhören. Dieser Mensch heißt Peter Neun (Name von der Redaktion geändert), ist Kundenbetreuer in der IT-Branche und neigt nicht zu großen Gefühlsausbrüchen. An seinem Esstisch erzählt er über seine wechselvollen Jahre als Kumpel von Wolfgang M.

Die Männer lernen sich Anfang der neunziger Jahre kennen. Wolfgang M. arbeitete damals in der IT-Abteilung eines Handelsunternehmens in München, Peter Neun bei einem Zulieferer. Aus Geschäftspartnern werden Freunde. Neun führt den "sehr kommunikativen und offenen" Wolfgang M. und dessen damalige Partnerin Ulrike Haas (Name geändert) in seine Clique ein. Die Männer spielen zusammen Squash, fahren in den Club-Urlaub nach Tunesien oder die Türkei.

Frust durch Niederlagen

Doch schon damals bemerkt Peter Neun einige negative Eigenschaften an seinem neuen Freund: So habe Wolfgang M. stets seinen Frust an seiner Freundin und späteren Ehefrau Ulrike ausgelassen. "Er konnte überhaupt nicht verlieren. Er war ein sehr guter Squash-Spieler, aber wenn es mal bei ihm nicht gut gelaufen ist, war sie immer schuld an seinen Niederlagen." Und Neun fiel noch etwas an Wolfgang M. auf: dessen Hang zum schönen Leben, zu edlen Weinen, zu teuren Elektrogeräten. "Für all diese Dinge hat er aber nicht genug verdient. Trotzdem hat er auf kaum etwas verzichtet. Er lebte über seine Verhältnisse. Ich glaube auch, um der Gruppe zu imponieren."

Offenbar zeigt sich schon damals die kriminelle Energie von M. Denn seine spätere Freundin Petra Weimer (Name ebenfalls geändert) behauptet im Gespräch mit stern.de, er habe seinen Arbeitgeber um einige zehntausend Mark betrogen und sei deshalb fristlos entlassen worden. Das Unternehmen will sich dazu nicht äußern, Wolfgang M. schreibt in einem Brief an stern.de, er möchte dazu "keine Angaben machen".

Wolfgang M.'s Umfeld zumindest bekommt von all dem nichts mit. Freund Peter Neun erfährt nur von M.'s Jobwechsel zu einer Telekommunikationsfirma. Am Verhalten seines Kumpels, insbesondere der Spendierlaune und Jähzornigkeit, habe sich in den Folgejahren nichts geändert, sagt Neun.

2002 dann die Trennung von Frau Ulrike. Wolfgang M. schreibt, sie sei immer verschlossener geworden und habe ihn dann wegen eines Arbeitskollegen verlassen. "Ich fand mich damit ab." Sein Kumpel Neun erinnert sich anders daran. "Wolfgang hat mit uns nie über dieses Thema gesprochen. Ich glaube aber schon, dass ihn das sehr belastet hat." Es bleibt nicht der einzige persönliche Tiefschlag für Wolfgang M. Im Winter 2005 habe er einen Schlaganfall erlitten, ein Jahr später eine Beinvenenthrombose, im Winter 2007 eine Lungenembolie.

Flucht nach Italien

Mittlerweile ist Wolfgang M. mit Petra Weimer liiert, nach einem halben Jahr sind die beiden im Mai 2006 zusammengezogen. "Es ging sehr schnell. Aber er war ein netter Kerl und ich dachte, er ist der Richtige", sagt Petra Weimer. Von den gesundheitlichen Problemen ihres neuen Partners bekommt sie nicht viel mit. "Er hat mir nur gesagt, dass er starke Kopfschmerzen habe und eine verstopfte Ader im Kopf. Es schien aber nicht so schlimm zu sein." Über Schwierigkeiten im Job oder gar Schulden erzählt Wolfgang M. nichts.

Erst im Nachhinein erfährt Petra Weimer, dass ihr einstiger Partner 2006 von dem Telefonunternehmen wegen unentschuldigter Fehltage abgemahnt und sein Gehalt reduziert wurde. "Ich habe damals nur gemerkt, dass er immer garstiger wurde und ständig auf mir rumgehackt hat. Heute ist mir klar, dass sein Geld nicht gereicht hat. Aber er konnte ja nicht verlieren, deshalb hat er es mir wahrscheinlich nicht erzählt." Wolfgang M. selber klagt über den damaligen Arbeitgeber: "Auf den Gesundheitszustand wurde keine Rücksicht genommen. Statt mich behutsam in den Job zurückzuführen, ging man mit mir repressiv und mit viel Druck um."

Im zweiten Halbjahr 2007 überstürzen sich dann die Ereignisse. Erst verschwindet Wolfgang M. vier Wochen nach Italien, ohne seine Freundin vorher zu fragen. "Er sagte mir nur: Ich muss mal weg." Petra W. hat genug, zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus und vereinbart mit Wolfgang M., dass er die Miete künftig alleine zahlt. Petra W. versäumt es, offiziell zu kündigen. Ein teures Versäumnis, wie sie aber erst später feststellen wird.

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