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11. Januar 2009, 14:05 Uhr

"Du bist leider nicht gleich verreckt"

Einen Monat nach dem Mordversuch an Alois Mannichl tauchen immer mehr Ungereimtheiten auf. War es doch eine Beziehungstat? Der Passauer Polizeichef bestreitet das vehement. Nach Medienberichten sind neue Todesdrohungen per Brief aufgetaucht.

Der Passauer Polizeidirektor Alois Mannichl in der vergangenen Woche bei einer Pressekonferenz© Timm Schamberger/DDP

Wer steckt hinter dem Mordanschlag auf Passaus Polizeichef Alois Mannichl? Als der 52-Jährige vor einem Monat vor seinem Reihenhaus in Fürstenzell niedergestochen wurde, schien die Frage schnell beantwortet. Es wurde ein Neonazi hinter der Bluttat vermutet. Inzwischen mehren sich die Zweifel. Mehr oder weniger offen wird spekuliert, ob der Polizeidirektor Opfer eines Familiendramas geworden sein und seine Kollegen auf die falsche Fährte geführt haben könnte.

Denn obwohl eine 50-köpfige Sonderkommission nach dem flüchtigen Täter und Komplizen fahndet, eine konkrete Spur gibt es auch nach vier Wochen nicht - insbesondere keinen Beweis für einen Racheakt aus der rechten Szene. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz räumt jetzt ein, dass keine Erkenntnisse über eine rechtsextreme Tat vorliegen. "Hätten wir Hinweise, würden wir diese sofort weiterleiten", versicherte Verfassungsschutzpräsident Heinz Fromm. Dies sei aber nicht der Fall.

Neue Drohungen gegen Mannichl aufgetaucht

Mannichl selbst geht angesichts der Gerüchte zur Gegenwehr über. Obwohl sich der Polizeibeamte als Ermittlungsprofi, Hauptbetroffener und wichtigster Zeuge des Kriminalfalls bei laufenden Untersuchungen eigentlich heraushalten sollte, gibt er reihenweise Interviews: "Ich bin wütend", sagte er seiner Heimatzeitung "Passauer Neue Presse" und bezeichnete Darstellungen über einen familiären Hintergrund als "Quatsch".

Letztlich kann auch Mannichl die mysteriösen Begleitumstände nicht wegdiskutieren. Dazu zählt besonders, dass der Polizeichef mit einem Küchenmesser aus seinem Haushalt niedergestochen wurde. Das Messer soll bei einer adventlichen Nachbarschaftsaktion zum Schneiden von Lebkuchen benutzt und dann auf einem Fenstersims vergessen worden sein. Diese Version findet selbst der Leitende Passauer Oberstaatsanwalt Helmut Walch "merkwürdig". Niemand kann erklären, warum der Attentäter sich keine eigene Waffe mitgebracht und diese dann gebraucht hat.

Unterdessen berichtete die Passauer Zeitung "Am Sonntag" von neuen anonymen Drohungen gegen Mannichl. "Du Drecksau bist leider nicht gleich verreckt, aber du wirst jetzt langsam sterben", heißt es demnach in anonymen Schreiben an den Polizeidirektor. Die Drohungen würden von der Polizei sehr ernst genommen. Den ersten Brief habe Mannichl zwei Tage nach dem Messeranschlag erhalten.

Ermittlungen verliefen größtenteils chaotisch

Auch die Soko ist zu einem guten Teil mitverantwortlich dafür, dass es viele Fragen, aber kaum Antworten gibt. Denn in den ersten beiden Wochen liefen die Ermittlungen unter teils chaotischen Umständen ab. Immer wieder gelangten interne Informationen durch undichte Stellen an die Medien. Spätestens nach der Entlassung eines vorübergehend verdächtigen, rechtsextrem gesinnten Ehepaars schossen die Spekulationen ins Kraut. Immer mehr Beobachter wiesen auf Ungereimtheiten hin.

Auch bei der Fahndung war keine klare Linie zu erkennen. Zuerst wurden die Gesuchten als Skinheads beschrieben - groß, glatzköpfig, Bomberjacke, dazu gab es Bilder von auffälligen Tätowierungen. Dann wurden Phantomzeichnungen von einer Frau mit langen Haaren und einem Mann mit Hahnenkammfrisur veröffentlicht. So eine Frisur haben tausende junge Leute, und der Hahnenkamm ist traditionell bei den eher links eingeordneten Punkern in Mode.

Fahnder stehen unter Aufklärungs-Druck

Seit das Bayerische Landeskriminalamt (LKA) zum Jahreswechsel die Ermittlungen übernommen hat, werden nicht mehr ständig neue Details mitgeteilt. "Wir wollen die Soko in Ruhe arbeiten lassen", erklärt Sprecher Karl-Heinz Segerer. Allerdings blamierten die LKA-Fahnder ihre Kollegen der zuvor zuständigen Passauer Kripo erst einmal, als sie alle Zigarettenkippen in der Nähe von Mannichls Haus einsammeln ließen - drei Wochen nach der Tat.

Auf jeden Fall stehen die Fahnder unter großem politischen Druck, schließlich dient der Mordanschlag auch als Aufhänger für die erneute Diskussion um ein NPD-Verbot. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) erkannte schon weniger als 24 Stunden nach dem Messerstich eine neue Qualität von rechten Verbrechen ("Das ist eine Eskalation der Gewalt"), auch der Münchner Generalstaatsanwalt Christoph Strötz sah "ein Fanal mit überörtlicher Bedeutung".

Dagegen hegte ein Passauer Polizist früh Zweifel. "Und was, wenn es doch kein Rechter war?", fragte er nach wenigen Tagen. Schließlich sind bei einem Beamten wie Mannichl, der seit 35 Jahren im Polizeidienst ist, viele Motive denkbar. So könnte es sich auch um eine Vergeltungsaktion eines Kriminellen handeln. Der Täter könnte dabei ausgenutzt haben, dass Mannichl schon lange ein Feindbild der Neonazis war - und so eine falsche Spur gelegt haben.

DPA/AFP
 
 
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