Als Hubschrauberpilot fliegt Hervé Rougier Touristen über die Côte d'Azur. Am 14. Juli nimmt sein Rundflug aber einen unerwarteten Verlauf: Rougier wird gezwungen, auf dem Dach des Gefängnisses von Grasse zu landen. Als er wieder startet, hat er den Ausbruchkönig Pascal Payet mit an Bord. Von Stephanie Souron

Der Pilot des Helikopters dachte, es handelte sich eine normalen Rundflug© Michel Gangne/AFP
Der 14. Juli ist ein anstrengender Tag für Hervé Rougier. Immer wieder hat der Pilot von "Azur Hélicoptère" Schleifen über der Côte d'Azur gedreht. Als er seine Maschine gegen 17.30 Uhr auf dem Vorfeld von Cannes-Mandelieu absetzt, ist der Feierabend nicht mehr fern. Hervé Rougier, 40, zieht sich in die klimatisierten Büroräume zurück und wartet auf seine letzten Kunden.
Der Anruf ging am Vormittag ein und versprach ein gutes Geschäft für die kleine Hubschrauber-Firma. "Wir möchten gern den einstündigen Panorama-Rundflug über die 'Gorges du Verdon' buchen", sagte die Männerstimme am Telefon. "Heute Abend um 18 Uhr. Für fünf Personen." Dieser Ausflug zählt zu den Edelrouten von "Azur Hélicoptère": 1200 Euro wird der Anrufer dafür zahlen müssen. Die Sekretärin reserviert einen Hubschrauber vom Typ "Ecureuil" - Eichhörnchen: helle Ledersitze, dunkelgrüner Rumpf, gelb-weiße Rotoren.
Rougiers Kunden kommen ein bisschen zu spät - und sie sind vermummt. Um 18.10 Uhr stürmen vier Männer mit Kalaschnikow-Gewehren die Geschäftsstelle, überwältigen die Sekretärin sowie zwei Mechaniker und fesseln die drei Angestellten mit braunem Paketband an Händen und Füßen. Dem Piloten Hervé Rougier drücken sie eine Kalaschnikow in die Rippen. "Wenn du tust, was wir dir sagen, bist du in einer halben Stunde wieder zu Hause." Um 18.20 Uhr hebt der Hubschrauber mit Rougier und den vier Vermummten an Bord vom Flugplatz Cannes-Mandelieu ab.

Das Gefängnis von Grasse© Valery Hache/AFP
Der Tower notiert nichts Ungewöhnliches, und so ist vielleicht Bernard Morel der Erste, der die Gefahr erkennt. Morel, 57, betreibt einen kleinen Imbiss an der Straße, die hinauf führt zum Gefängnis von Grasse. Von seiner Theke aus hat er einen Blick über die halbe Côte d'Azur. "Irgendwas stimmte nicht mit diesem Hubschrauber", sagt Morel. "Er kam direkt auf meinen Imbisswagen zu. Und er flog viel zu tief." Da ist es 18.25 Uhr.
Keine Minute später setzt Rougier den Hubschrauber auf dem Dach des Gefängnisses von Grasse ab. Die Vermummten müssen sich dort auskennen, denn sie wählen für die Landung den Heizraum. Nur von dort können sie ihr Ziel, den benachbarten Isolationstrakt, über das Dach erreichen. Drei der Männer verlassen den Helikopter, springen auf das drei Meter tiefer gelegene Nebengebäude und schlüpfen unter den Sicherheitsnetzen hindurch. Jetzt können die Posten an den Wachtürmen sie nicht mehr erfassen.
Die Tür am hinteren Ende des Daches leistet der Kreissäge kaum Widerstand, auch im Gebäude selbst ist niemand, der sie aufhalten könnte. Wegen des Schichtwechsels sind die Gänge in diesen Minuten unbewacht. Nun sind die Männer nur noch wenige Meter von ihrem Ziel entfernt: der Zelle von Pascal Payet, dem Ausbrecherkönig.
Payet, 44, dunkle Haare, sportliche Figur, sitzt seit Mai im Hochsicherheitstrakt von Grasse. 1999 wurde er wegen Mordes an dem Fahrer eines Geldtransporters festgenommen und zu 30 Jahren Haft verurteilt. Vor 20 Jahren taucht Payet zum ersten Mal im Polizeiregister auf - wegen versuchten Raubüberfalls auf einen Schmuckladen in Lyon.
Es folgen diverse Einbrüche und Banküberfälle in Südfrankreich. Weil Payet bei seinen Raubzügen erfolgreich ist, schließen sich ihm nach und nach die Größen der französischen Unterwelt an. Der gleichaltrige Eric Alboreo wird sein treuester Geselle, mit ihm gemeinsam überfällt er den Geldtransporter.