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31. Juli 2007, 10:31 Uhr

"Kinder sind im Internet Freiwild"

Das Internet - für Kinder kein Segen, sondern ein Fluch. Das meint Beate Krafft-Schöning, Expertin für Jugendschutz im Netz. Im stern.de-Interview verrät sie, welche Chats besonders zu meiden sind und was Eltern für ein halbwegs sicheres Surfverhalten ihrer Kinder tun können.

Kinder im Netz: Eine gefährliche Sache, meint Expertin Krafft-Schöning© colourbox

Frau Krafft-Schöning, stern.de hat im Internet-Portal SchülerVZ rechtsradikales Gedankengut und Sex-Bilder gefunden. Die Betreiber geloben Besserung. Ist das nur ein Einzellfall?

Nein, überhaupt nicht. SchülerVZ ist nur ein Teil dieses riesigen Eisberges. Es geht noch viel schlimmer. Es gibt unzählige Angebote im Internet, bei denen Kinder und Jugendlichen an Pornografie, Selbstmordtipps oder Anleitungen zum Anbau von Drogen kommen.

Welches sind denn die schlimmsten Seiten?

Generell ist jedes auf Dating ausgerichtete kommerzielle Chat-Angebot für Kinder gefährlich. Es gibt nur wenige Ausnahmen. Eines davon ist tivi.de vom ZDF. Dieser Chat wird zwar ständig überwacht, ist aber nur einige Stunden am Tag geöffnet. Einige der schlimmsten Chats wurden zwar schon dichtgemacht. Aber es gibt noch viele. Im Moment sind sicher Knuddels.de, chatcity.de oder cyberzwerge.de zu nennen. Letzgenanntes ist besonders problematisch. Auf den ersten Blick mag dieser von Werbung freie Kinderchat völlig harmlos wirken und wird leider auch bis heute von der staatlichen Jugendschutz-Kontroll-Institution Jugendschutz.net als "völlig kindersicher und empfehlenswert" beworben.

Aber was ist so problematisch an dem Chat?

Die Betreiber treten als Privatinitiative auf, als ein Sammelsurium von "Gutmenschen". Aber sobald man ein bisschen genauer recherchiert, merkt man, dass da etwas nicht stimmen kann. Es gibt auf der Seite über 4000 Kinder-Bilder von irgendwelchen Jugendfreizeiten, die dieser Chat anbietet. Das Bildmaterial ist heute - eigentlich gegen die Auffassung des Chef-Zwergs - nur noch "bereinigt" zu sehen. Bis vor gar nicht langer Zeit fanden sich hier kleine Bikini-Mädchen, die sich jeder ansehen konnte. Zudem bietet man eine dubiose "Lebensberatung für Kinder" an. So etwas macht kein normaler Kinder-Chat. Die interne Organisation gleicht dem Nazi-Reich in klein. So gibt es unterschiedliche Hierarchien. Also "normaler User" kann man allenfalls "Teamie", also einfacher Bewacher werden - ob Kind oder Erwachsener. Ins sogenannte Leitungsteam vorzudringen ist fast unmöglich, denn die Macher lassen sich anscheinend nicht gern in die Karten schauen. Der Chef dieses Chats brüstet sich überall damit, Pädophile konsequent auszuschließen und anzuzeigen. Aber nicht ohne Grund wird heute gegen den Betreiber der Cyberzwerge wegen Kindesmissbrauchs ermittelt.

Sind diese Chats generell für Pädophile attraktiv?

Ja und nein. Wir müssen festhalten, dass nicht alle, die im Internet nach Kindern suchen, auch pädophil sind. Es gibt ausreichend viele Menschen - Männer wie Frauen - die just "for fun" auf "Kinderjagd" gehen. Genauso muss man mit dem "Gerücht" aufräumen, dass alle Pädophilen auch gleichzeitig Sammler von Kinderpornographie sind. Das Bild aus dem normalen Alltagsleben eines Kindes ist für manchen viel interessanter. Teilweise legen diese Leute ganze Bildersammlungen zu bestimmten Kindertypen an. Da sind so Seiten wie cyberzwerge.de, lizzy.net oder auch SchülerVZ mit ihren genauen Informationen über die Kinder und den vielen Fotos ideal.

Sie greifen die Chat-Betreiber mit scharfen Worten an.

Ja, denn die Betreiber haben gar kein Interesse am Jugendschutz. Fast alle verdienen an den Klicks auf ihrer Seite. Mehr Kontrolle heißt weniger Klicks. Und mehr Kontrolle und Sicherheit kostet auch viel Geld. Die Inhaber der Seiten stellen zwar Jugendschutzbeauftragte ein, aber oft ist das lediglich eine Sekretärin - also reine Kosmetik, um Eltern und Gesellschaft zu beruhigen. Dasselbe gilt übrigens für sämtliche "Freiwilligen-Selbstkontrollinstitutionen" der Industrie.

Tut denn der Staat genug?

Nein. Ich bin heftig enttäuscht und entsetzt, wie die Kontrollen ablaufen. Jugendschutz.net etwa, die Internet-Jugendschutzeinrichtung der Länder, tut viel zu wenig. Dabei wäre es so wichtig, dass staatliche Stellen kontrollieren, wie die Chat-Betreiber ihr Geld verdienen oder welche Motive sie verfolgen, wenn sie ein Chatangebot für Kinder ins Netz stellen. Das Problem ist oft nicht mal Personalmangel, sondern eher Inkompetenz. Anfangs setzte man hier Praktikanten ein, die die Recherche zu Kinderchats durchführten. Zudem muss man sicher einmal über die Prüfkriterien nachdenken, die hier erarbeitet wurden. Außerdem sollte auch über das Strafrecht und den aktuellen Jugendschutz nachgedacht werden, ob diese den heutigen Gegebenheiten noch entsprechen. Und was machen Bildungs- und Familienpolitiker? Nach meiner Auffassung haben hier sämtliche Institutionen ziemlich versagt.

Wie können die Chats sicher gemacht werden?

Ein Weg wäre es, die Eltern um ihr Einverständnis zu bitten. Doch es ist sehr schwierig, an die Eltern ranzukommen. Denn die Kinder und Jugendlichen wollen nicht in einer von den Eltern kontrollierten geschlossenen Gruppe chatten. Sie wollen sich frei bewegen und neue Leute kennenlernen. So wie man es damals über Brieffreundschaften getan hat. Sie wollen ihre Marktwert testen, aus ihrem Dorf ausbrechen. Einen komplett sicheren Chat werden deshalb nur die wenigsten Kinder nutzen.

Wie kann dieses Dilemma gelöst werden?

Ich glaube, wir müssen uns davon verabschieden zu sagen: Wer an der Bildung teilhaben will, muss ins Internet. Vielmehr hilft das Internet bei der Unbildung. Wer heute ins Internet geht, muss schon vorher eine sehr gute Bildung und eine gefestigte Persönlichkeit haben. Kinder haben noch keinen kritischen Blick auf die Welt und damit sind sie im Internet verloren. Sie sind Freiwild - für die Werbung und das Geschäft. Das Internet überfordert unter 16-Jährige. Ich vergleiche das Netz immer mit einem Park: Ich schicke doch mein minderjähriges Kind auch nicht im Dunklen allein dorthin, wo Pädophile, Kriminelle und Drogensüchtige rumhängen.

Sie sind also für ein Internet-Verbot für unter 16-Jährige. Aber was können Eltern tun, die ihren Kindern das Surfen nicht ganz verbieten wollen?

Sie müssen dabei sein, eigentlich immer. Sie müssen die Kontakte ihre Kinder überprüfen. Im richtigen Leben möchten sie doch auch wissen, mit welchen Leuten sich ihr Kind abgibt. Eltern sollten auch Sicherheitsprogramme und Filtersysteme installieren, die man sich im Internet runterladen kann. Ganz wichtig ist es aber, kompetenter als sein Kind zu sein. Die Eltern müssen sich selber eine große Medien- und Internetkompetenz aneignen, bevor sie ihr Kind ins Netz lassen. Aber noch kennen sich in vielen Familien die Kinder wesentlich besser aus.

Beim Blick auf die Chats fällt besonders die Sexualisierung auf. Sind die Kinder von heute sexuell reifer aber auch abgestumpfter?

Das muss man differenzieren. Durch die Flut an Sexualität in der Gesellschaft werden sie schneller auf Sex getrimmt. Sexy sein ist ein Wert geworden. Ein 16-Jähriger weiß heute genau, was Analsex ist und ist bestens informiert. Aber sie sind deshalb nicht reifer, im Gegenteil. Sie sind nicht aufgeklärt. Deshalb rate ich den Eltern dringend, mit ihren Kindern über Sex zu sprechen. Das würde ihnen auch beim Umgang mit dem Internet helfen.

Beate Krafft-Schöning

Beate Krafft-Schöning Beate Krafft-Schöning ist Journalistin und Gründerin der Initiative NetKids. Kürzlich erschien ihr Buch "Nur ein Mausklick bis zum Grauen - Jugend und Medien"im Vistas Verlag. Zusammen mit dem Kriminalhauptkommissar der Internet-Fahndung München, Rainer Richard beschreibt Krafft-Schöning die ganze Bandbreite der Probleme, die im Zusammenhang mit der Nutzung der Neuen Medien durch Kinder und Jugendliche entstehen können.

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Links zu Filtersoftware Ein möglicher Filter ist "TIME for Kids". Ihn gibt es 30 Tage kostenlos, danach ist er kostenpflichtig: www.internetfilterplus.de Infos gibt es unter www.time-for-kids.de. Der Anbieter dieser Software unterhält auch eine Hotline für Eltern.

Interview: Malte Arnsperger
 
 
KOMMENTARE (10 von 17)
 
vater101 (31.07.2007, 20:04 Uhr)
Zusammenarbeit?
wie wäre es damit? Eltern UND Staat ziehen an einem Strang... eigentlich könnte das ganz einfach sein. Wir haben ja jugendschutz... zumindest auf dem Papier! Und wenn ich als Vater das Siegel der www.fsm.de oder von jugendschutz.net sehe, dann muss ich mich doch auf unsere staatlichen jugendschützer verlassen können? Ich finde, die Betreiber sind in der Pflicht, denn diese ermöglichen durch mangelnde Kontrollen diese Inhalte.
Wie ist es denn möglich, dass sich Kinder unter 14 jahren dort OHNE mein Einverständnis anmelden dürfen?
hanvas (31.07.2007, 15:50 Uhr)
@provocateur
Technisch bedeutet dies sie wollen Verbindungen nur noch zu bestimmten Zielen erlauben.
Wollen Sie dies auf Basis des DNS erlauben, dann wäre die "direkte" Anwahl über die Eingabe IP Adresse möglich, oder wollen Sie IP-Adressen blockieren, dann würden Sie bei Seiten mit mehren / wechselnden IP-Adressen scheitern.
Was aber am wichtigsten ist, Ihren 6 jährigen Sprößling mögen Sie auf diese Art noch Grenzen setzen, spätestens mit 13,14 dürften Ihre Kids oder Freunde/Bekannte Ihrer Kids Ihnen (falls Sie nicht gerade einen entsprechenden Beruf haben) technisch überlegen sein.
Blumenkind123456 (31.07.2007, 14:33 Uhr)
Betr. Provocateur
Das ist sicher richtig. N u r, gebe ich zu bedenken, dass Eltern meist nicht genug wissen, um bewerten zu können. Man sieht einer Kinderseite doch scheinbar nicht unbedingt an, ob sie ok ist oder nicht -> siehe Interview. Ich habe das Gefühl, dass das auch so gewollt ist, sonst gäbe es doch viel mehr Infos, z.B. über die Schulen an die Eltern. Habe ich noch nie bekommen, sowas. Im Gegenteil: Plötzlich erfährt man, dass die Kinder in der Schule ins Internet gehen - und dort in Freistunden auch chatten!!!!!
Dazu kommt, dass viele Eltern sich - glaube ich echt überfordert fühlen, wenns ums Internet geht. Ich habe dafür zwar kein Verständnis, aber kann es auch irgendwie verstehen. Meine Kinder gehen nicht Chatten. Sie haben andere Hobbys, die auch nicht viel kosten, aber gesund sind!
provocateur (31.07.2007, 14:10 Uhr)
Papa ist der Admin...
Das Kind möchte eine bestimmte Internetseite nutzen. Papa sagt, ok, er schaut sich die Seite an und schaltet diese dann frei, wenn er meint diese sei altersgerecht. Anders geht´s nicht...
tagora-sagittara (31.07.2007, 13:02 Uhr)
Korrektur
sorry, die ursprüngliche Webseite für die Software hat sich geändert.
http://www.salfeld.de
Software: Kindersicherung 2007
tagora-sagittara (31.07.2007, 12:53 Uhr)
Eigenkontrolle ist notwendig,...
nicht immer auf dritte schimpfen oder sich auf die üblichen Zusagen verlassen.
Schutzsoftware mit Zeitzugangskontrolle auf den Kinder-PC. Freigabe auf Webseiten nur über "Weiße Liste" vorher gecheckter Webseiten, alles andere sperren.
Und wenn für die Schule rechechiert werden muss,.. daneben setzen, fertig.
Mittlerweile hat meine Tochter ein Einsehen.
Ein Schutz vor Schmierfinken und Pädo`s ist doch von vielen Betreibern gar nicht gewünscht, denn daß sind schließlich ihre treusten Kunden.
Ein wenig Eigenverantwortung schadet keinem, denn in den meisten Fällen reicht es beim staatlichenn Kenntissstand nicht einmal über Plaintext-E-Mail`s hinaus.
PS: für die es interessiert: http://www.kisi.de
Raknarak (31.07.2007, 12:52 Uhr)
Eltern oder Staat..... dumme Frage!!!!
Unter 18 Jahren darf man selbstständig keinen Vertrag unterzeichnen (nichtig). Also kommen Kinder ohne Ihre Eltern wohl kaum ins Internet.
Da die meisten Eltern weniger Ahnung vom Web haben, als Ihre Kinder, kann das keine Etschuldigung sein, dass sie ihre Kinder unbeaufsichtigt lassen. logisch, gell!!!
da man also erst einen Vertrag unterzeichnen muss um einen Internetanschluß zu bekommen.......muss man auch dafür sorge tragen, dass dieser geschützt ist.
Natürlich liegt dies bei der Aufsichtspflicht der Eltern und nicht beim Staat! Denn ohne Eltern, kommen Kinder doch gar nicht ins Internet.
Da wo sie doch Zugang finden (Schulen I-Cafes und der gleichen) sind immer alle PC´s geschütz und mit Regeln belegt.
Und nu überlegt Ihr lieben Eltern mal, ob Ihr euer Kind schützt. Denn dass kann euch der Staat Zuhause nicht ab nehmen.
@Chatbetreiber: Sch
andreas.richberg (31.07.2007, 12:22 Uhr)
Eltern sollen Kinder erziehen...
...und nicht der Staat (wohin das führt kann man nämlich in Geschichtsbüchern nachlesen, oder in anderen Teilen der Welt beobachten!), aus genau der gleichen Einstellung heraus haben wir schon das Problem, dass Eltern heute denken, dass die Schulen für die Erziehung ihrer Kinder zuständig sei (was sie deutlich nicht sind, sondern hauptsächlich für die Bildung - und ich kenne die Probleme Menschen zu "bilden" die nicht erzogen worden sind...).
Eltern haben ihre Kinder darauf vorzubereiten, was sie erwarten kann, egal ob das auf dem Spielplatz um die Ecke oder am PC und im Internet ist, und sie haben die Verantwortung zu prüfen, was ihr Nachwuchs da tut. Das ist nun mal mit den Pflichten verbunden, die man auf sich nimmt, wenn man Kinder in die Welt setzt, leider wird das nur allzu oft vergessen, wenn man genug über Staat und Schulen schimpfen kann...
schlotti (31.07.2007, 12:15 Uhr)
Das eigentliche Problem..
..ist doch nicht das Internet als solches, sondern die Anonymität des Einzelnen im Internet. Es ist doch ein Leichtes, sich unter Angabe falscher Daten eine Email-Adresse zu besorgen, um sich dann damit völlig ungestört in irgendwelchen Foren oder Chatrooms zu bewegen.
Auch wachsame Eltern können dies nicht verhindern. Allein die Betreiber können das - über ein entsprechendes Verifikationssystem - machen. Entweder freiwillig oder gezwungenermaßen über entsprechende Vorschriften. Insofern ist hier sehr wohl der Staat gefragt. Denn freiwillig passiert ja offensichtlich zu wenig.
MfG,
Schlotti
Sommertraum (31.07.2007, 12:13 Uhr)
Staat muss aufklären!!!!!
Der Staat, der über die Schulen die Kinder ins Internet schickt, und das ab Klasse 3 (!) muss auch entsprechend Verantwortung übernehmen. Ich sehe keine Aufklärungskampagne o.ä. Die meisten Eltern fühlen sich genötigt ihren Kindern das Internet zur Verfügung zu stellen, weil es in der Schule heisst, dass die Kinder dort rechercheiren sollen. Von Einseitigkeit in diesem Interview kann ich nicht viel bemerken. Wer sich mal richtig mit der sache beschäftigt hat, wird auch differenzierter urteilen! So kann es nicht reichen so eine Organsiation wie Jugendschutz.net einzusetzen, die dann auch noch mit ihren Tipps die Eltern in falscher Sicherheit wiegt. Wenn man Empfehlungen stattlicherseits herausgibt, müssen diese schon richtig sein. Und scheinbar hat man bei Jugendschutz.net doch wohl was übersehen.
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