Costa del Mafia

16. März 2005, 16:33 Uhr

Mafiosi aus aller Welt treiben im spanischen Marbella ihr Unwesen. Der Strom des Massentourismus und die ausländischen Residenten - an der Costa del Sol leben 30.000 Deutsche - garantieren den Banden Anonymität.

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"Hauptstadt des Verbrechens": 41 Verdächtige wurden in Marbella festgenommen©

Marbella ist seit Jahren ein Treffpunkt der Reichen und Schönen. Nicht nur Ölscheichs, sondern auch Hollywood- und Showstars wie Julio Iglesias oder Antonio Banderas legten sich in der Stadt an der Costa del Sol Ferienresidenzen zu. Um die Idylle an der "Sonnenküste" in Südspanien ist es jedoch geschehen. Der Nobelbadeort ist zu einem Eldorado der organisierten Kriminalität verkommen.

Mafiaorganisationen aus aller Welt treiben in Marbella ihr Unwesen. Nach Einschätzung des spanischen Innenministers José Antonio Alonso ist die Bedrohung, die von den Gangsterbanden an der Costa del Sol und anderen Teilen der Mittelmeerküste ausgeht, mit der Gefahr des islamistischen Terrorismus vergleichbar.

Drogen- und Waffenschmuggel, Prostitution und Auftragsmorde

Welche Ausmaße die Bandenkriminalität angenommen hat, zeigte sich jetzt bei der Zerschlagung des vielleicht größten Geldwäscherrings in Europa. 41 Verdächtige wurden festgenommen. Sie sollen von Marbella aus 250 bis 600 Millionen Euro Schwarzgeld aus dem Drogen- und Waffenschmuggel, aus Prostitution, Erpressung und Auftragsmorden über Scheinfirmen in die verschiedenen Finanz- und Steuerparadiese geschleust haben.

Dabei hatte die Costa del Sol schon vor Jahrzehnten Kriminelle angelockt. Britische Gangster verprassten in Marbella ihre Beute, weil es zwischen Madrid und London kein Auslieferungsabkommen gab. Sie brachten der Küste damals den Beinamen "Crime Coast" ein. Mafiachefs aus Sizilien setzten sich hier zur Ruhe. Sie fielen jedoch nicht weiter auf, weil sie in Spanien gegen keine Gesetze verstießen. Marbella galt damals als eine der sichersten Städte in Spanien.

Das änderte sich in den 90er Jahren, als sich ganze Gangsterbanden, vor allem aus Osteuropa, in der Gegend niederließen. Der Badeort verwandelte sich binnen kurzer Zeit in eine "Hauptstadt des Verbrechens". Die Ursachen liegen auf der Hand. Mit dem - vor einem Jahr gestorbenen - Baulöwen Jesús Gil regierte in Marbella ein Bürgermeister, der selbst bis zum Hals in dunkle Geschäfte verwickelt war. Zudem liegen Marokko, das größte Exportland von Marihuana und Haschisch, und die britische Kolonie Gibraltar, in den Augen der Spanier ein Geldwäscher-Paradies, in unmittelbarer Nähe.

Der Strom des Massentourismus und die ausländischen Residenten - an der Costa del Sol leben etwa 30.000 Deutsche - garantieren den Bandenchefs Anonymität. Niemand fragt, woher das Geld kommt, wenn sich jemand einen Ferrari kauft und in bar zahlt. "Entlang der Küste gibt es ganze Siedlungen, in denen nur Ausländer leben. Wer sind diese Leute? Wir haben nicht die geringste Ahnung", klagt ein Polizeibeamter. "Manche Luxusvillen haben Hubschrauberlandeplatz und Atombunker, aber die Eigentümer kennen wir nicht."

Einst größte Baustelle Spaniens

Der Baulöwe Gil machte Marbella zur größten Baustelle Spaniens. Nirgends wurde - pro Einwohner - so viel Beton verbraucht wie in dem Badeort. Pro Jahr entstanden 10 000 neue Wohnungen, viele davon illegal und finanziert mit Geldern aus dem organisierten Verbrechen. "An der Costa del Sol bedeckt der Beton so manche Leiche", meint der Kolumnist Raúl del Pozo. Kaum einer in Marbella zweifelt daran, dass der Bürgermeister und seine Getreuen bei dem Boom kräftig absahnten.

"Wo nur dreistöckige Häuser erlaubt waren, ließ man gegen Schmiergeld den Bau von sieben Etagen zu", erläuterte die Städtebau- Expertin Josefina Cruz. "Sogar Sportanlagen, Gärten und Parks wurden zu Bauland erklärt." Der Sonderstaatsanwalt für die Korruptionsbekämpfung, Carlos Castresana, meint: "Marbella ist eine Insel der Gesetzlosigkeit, eine Art von Wilder Westen, wo der Staat nicht hinkommt." Von den fünf Städten Spaniens mit den höchsten Kriminalitätsraten liegen drei an der Costa del Sol: Marbella, Fuengirola und Torremolinos.

Hubert Kahl/DPA
 
 
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