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26. November 2008, 16:48 Uhr

Marco W. wehrt sich

Der Missbrauchsprozess in der Türkei gegen Marco W. ist erneut vertagt worden. Nun wehrt sich der Berufsschüler erstmals öffentlich gegen die Vorwürfe. Er sei unschuldig, beteuert der 18-Jährige. In einem Buch will er seine Version der verhängnisvollen Nacht und der Haftzeit darstellen. Von Malte Arnsperger

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Marco W. redet jetzt Klartext.© Sascha Weiss

"Nun reicht es mir. Lange genug habe ich geschwiegen. Es ist an der Zeit, die Dinge auszusprechen, die mich belasten. Ich musste etwas tun, damit ich mich hoffentlich endgültig von meinen Albträumen befreien kann." Mit diesen Worten beginnt eine Pressemitteilung von Marco W., dem Schüler aus Uelzen, dem vorgeworfen wird, in April 2007 in der Türkei ein damals 14-Jähriges britisches Mädchen sexuell missbraucht zu haben. Nachdem der seit eineinhalb Jahren laufende Prozess gegen den heute 18-Jährigen am Mittwoch erneut vertagt worden war, wehrt sich Marco erstmals persönlich mit deutlichen Worten gegen die Anschuldigungen. "Ich bin unschuldig. Ich habe ein reines Herz", schreibt Marco. "Mir bleibt nur der Weg, mit meiner Geschichte um mein Ansehen zu kämpfen. Ich bin nicht länger bereit, aus taktischen Gründen den Mund zu halten, damit in einigen Jahren völlig unbeobachtet ein Urteil gesprochen wird und an mir der Makel hängen bleibt. 'Das war doch der, der angeblich die junge Engländerin...'“

Buch über Haft in Türkei

Marco W. kündigt an, ein Buch über seine Zeit in türkischer Haft veröffentlichen zu wollen. Am 14 Dezember, genau ein Jahr nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft, werde "Marco W - Meine 247 Tage im türkischen Knast" erscheinen. Marco hatte nach seiner Rückkehr nach Deutschland in einem Exklusivinterview mit dem TV-Sender RTL schon über die Haft gesprochen.

Mit der Idee, seine Version der Geschichte zu erzählen, spiele er schon seit längerer Zeit, sagt der 18-Jährige. Doch wegen des laufenden Prozess und der Angst, dass seine Erzählungen sich negativ auf das Urteil auswirken könnten, hätte er gezögert. Doch: "Ein totales Schweigen über Haftverhältnisse und über die verhängnisvolle Nacht wäre vielleicht nach politischen und juristischen Maßstäben besser gewesen. Aber nicht für meine Seele."

Die Richter im türkischen Antalya hatten entschieden, den Missbrauchsprozess am 10. April 2009 weiterzuführen. Bis dahin muss die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob sie eine weitere Beweisaufnahme verlangt oder Plädoyers halten will, sagte Marcos türkischer Anwalt Ahmet Ersoy stern.de. Das Gericht werde dann seinerseits entscheiden, ob es ein Urteil sprechen kann. Ersoy widersprach den Darstellungen von Marcos deutschen Anwälten, dass dem Gericht nun ein Abschlussgutachten eines Rechtsmedizinischen Instituts in Istanbul zum Zustand des mutmaßlichen Missbrauchsopfers Charlotte vorliege. Die Rechtsmediziner hätten lediglich mitgeteilt, dass sie kein Gutachten schreiben könnten, ohne dass sie Charlotte selber untersuchten, sagte Ersoy. Der Anwalt von Charlotte, Ömer Aycam, hatte ein Erscheinen des Mädchens in der Türkei im Gespräch mit stern.de ausgeschlossen. Aycan geht zudem weiter von einer Vergewaltigung durch Marco aus. Der Schüler aus Uelzen spricht von einvernehmlichen Zärtlichkeiten.

Marco bittet um Hilfe

Marco scheint immer noch unter den Erlebnissen zu leiden. Zwar denke er nicht mehr täglich an die Ereignisse in der Türkei. Doch bis vor kurzem hätten sie seine Träume in Albträume verwandelt. Er habe nichts gegen die Türkei. So etwas könne auf der ganzen Welt passieren. Doch, so Marco: "Jeder Einzelne mag sich ein persönliches Urteil darüber bilden, ob ich nach unseren Maßstäben angemessen und gerecht behandelt wurde."

Marco, der momentan eine Berufsschule in seiner Heimatstadt besucht, sagt, ein wichtiger Grund für das Buch sei auch die schlechte gesundheitliche Situation seines Vaters, der an Leukämie leidet und einen Spender suche, um überleben zu können. Deshalb bittet der Uelzener die Bevölkerung darum, sich bei der Knochenmarkspenderdateitypisieren zu lassen.

Von Malte Arnsperger
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
sachsenwini (27.11.2008, 13:45 Uhr)
@ SethusCalvisius Wenn sich der Fall in Deutschland zugetragen hätte
.
… und ein Arzt würde die Unversehrtheit des Mädchens feststellen,
sie selbst würde bestätigen, dass ihr minderjähriger Freund nichts gegen ihren Willen getan hat,
wenn sie darauf verzichtet, ihn vor Gericht der Anzuklagen,
und wenn Zeugen es bestätigen, dass alles im Gegenseitigen Einvernehmen geschah und dass sich das Mädchen für älter ausgab,
.
dann würde der Junge nicht in Untersuchungshaft kommen und der Fall nach spätestens einer Woche vergessen sein
DerExperte (27.11.2008, 04:41 Uhr)
Klasse
Jetzt begreife ich endlich die Marktwirtschaft - man bringt einen um - man wird terrorist - man vergewaltigt - oder laesst vergewaltigen - man lebt als hure - und nach all dem leben - schreibt man ein buch - und mit den maeusen zahlt man seinen prozess oder lebt in der sonne.

SethusCalvisius (27.11.2008, 00:57 Uhr)
Was wäre eigentlich, wenn
sich der Fall in Deutschland zugetragen hätte, der (mutmaßliche)Täter ein junger Türke und das Mädchen deutscher Abstammung wäre? Ich kann mir die Kommentare hier schon vorstellen.
picus (27.11.2008, 00:29 Uhr)
ein Wort ...
unserer britischen "Ankläger" hätte gereicht, und alles wäre eingestellt worden. Aber nein, da entflieht eine britische Familie ihrem Provinzmief, lässt incl minderjähriger Tochter the sow raus und muss nach der Rückkehr Fasson bewahren, i.e. "very british". Und die Verfolger sind nicht besser. Disgust. Ich hatte mich früher immer gewundert, warum de Gaulle gegen einen Beitritt Großbritanniens zur EWG war. Und jetzt oder irgendwann später: Türkei in die EU? - Welten liegen dazwischen.
a2d2 (27.11.2008, 00:07 Uhr)
wir kaufen es auch...
...damit der Junge den Scheißprozess bezahlen kann...
unterstützen ihn schon lange mit den Buttons auf unseren Blogs und Websites..
manesse (26.11.2008, 23:35 Uhr)
@necros
Und wir wollen nicht vergessen, dass sich weder die deutsche Politik noch die deutsche Justiz um den Marco angemessen bemüht hätte, wenn die Zivilgesellschaft nicht öffentlich Druck gemacht hätte, um den Jungen aus türkischer U-Haft herauszubekommen. Die Leisetreterei des dt. Richterbundes und etlicher deutscher Politiker in diesem Falle war skandalös. Einigen Politikern war der Fall Marco geradezu lästig, weil er das Einvernehmen mit der türkischen Regierung störte. Damals war es ja noch Mode, einen EU-Beitritt der Türkei toll und schick zu finden. Inszwischen ist man - nicht zuletzt wegen des Falles Marco - diesbezüglich zurückhaltender.
Clibanarius (26.11.2008, 23:33 Uhr)
Strom.Berndberg
"heutzutage schreibt ja wohl JEDERMANN ein buch."
.
Warum nicht? Das ist doch die logische Schlussfolgerung für die äähh...eifrige "Unterstützung" des folg>samen< Völkchens hier und woanders. Der Hr. Weiss wäre ja ansonst ziemlich blöd und sträflich leichtsinnig diese Chance zu versemmeln...:o)
.
Also schreibt man ein Buch (ich hätte auch nichts anders gehandelt, um die Dummheit anderer auszunutzen), solange die Erinnerung des Völkchens noch frisch sind. Nur ein Handvoll Kommentare sind auch Indikator für Interessenschwund, wo vormals innerhalb 2-3 Std. noch dutzende waren.
Strom.Berndberg (26.11.2008, 22:54 Uhr)
buch
heutzutage schreibt ja wohl JEDERMANN ein buch. ist wirklich schrecklich.
um den internet jargon zu benutzen:
!rofl
vubler (26.11.2008, 22:49 Uhr)
alles wie immer
Stern schlachtet wie zuvor den Fall MARCO aus, wenn auch nirgendwo anders was darüber zu lesen ist. Alles wie gehabt. Schleichwerbung für das Buch?
Marco ist in Freiheit, sollen die in der Türkei doch von mir aus noch Jahre lang den Fall durchwälzen...
Necros (26.11.2008, 22:42 Uhr)
Bitte nicht vergessen...
...es war nicht der Junge, der sich zwanghaft ins Rampenlicht gedrängelt hat, es waren die Medien, die sich im verzweifelten Kampf gegen das Sommerloch und beim täglichen Abschöpfen des News-Bodensatzes auf den Fall gestürzt hatten. Er trat erst im Fernsehen auf, nachdem sein Elternhaus über Wochen von Schmeißfliegen der Journaille belagert wurde. Und wenn sich halb Deutschland auf diesen Fall stürzt, ist es ja wohl sein gutes Recht, sich persönlich dazu zu äußern.
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