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'Ndrangheta-Bosse ringen um Deutschland

Nach dem Schlag der italienischen Polizei geben die Ermittlungsunterlagen auch Aufschluss über die 'Ndrangheta-Aktivitäten in Deutschland. Im Zentrum: ein Clan-Boss in der süddeutschen Provinz.

Von Sandro Mattioli, Andrea Palladino und Rainer Nübel

Bruno N. ist außer sich. Sieben Jahre lang hat er den Ableger der 'Ndrangheta aufgebaut, seit sieben Jahren steht er der Crimine, der Leitung in Kalabrien, Rede und Antwort. Und jetzt kommt einfach 'Ntoni, der Schweizer, daher und will sich Brunos Gebiet am Bodensee unter den Nagel reißen. Bruno N. hat den Telefonhörer in der Hand. Zornig pocht er auf seine Leistungen. "Ich werde ihnen Krieg und Feuer bringen, sobald ich dorthin fahre", giftet er im Gespräch mit einem anderen Italiener. Dann legt er auf. "Nein, ihr bleibt sauber an eurem Platz", weist ihn noch am selben Abend, in einem anderen Gespräch, Domenico Oppedisano an. Was der alte Herr sagt, ist Gesetz. Denn Oppedisano, 80 Jahre alt und wohnhaft im süditalienischen Rosarno, ist die Nummer eins der 'Ndrangheta, der kalabrischen Mafia.

Wären diese Gespräche innerhalb der Stadtgrenzen von Rosarno geführt worden, niemand würde sich sonderlich darum kümmern. Doch diese Telefonate erfolgten zwischen der kalabrischen Stadt Rosarno und dem baden-württembergischen Singen unweit des Bodensees, wo der 59-jährige Bruno N. in einem Mehrfamilienhaus nahe eines Industriegebietes wohnt. Und die beiden Männer telefonierten auch nicht alleine, sondern die deutsche Polizei hörte mit.

Ein drohender Mafiakrieg

Es sind zwei von Dutzenden weiteren Gesprächen zwischen Deutschland und Italien. Sie finden sich in den Akten zu einer der größten Polizeiaktionen im Kampf gegen die Mafia, die Italien in den vergangenen Jahren erlebt hat: 3000 Beamte haben am Dienstagmorgen im ganzen Land Gebäude durchsucht und über 300 Mafiosi festgenommen. Doch auch die deutschen Behörden sind elektrisiert. Denn in italienischen Ermittlungsunterlagen, die stern.de vorliegen, fällt immer wieder der Name Bruno N., der Name des Chefs der Singener 'Ndrangheta-Gruppe. Seine abgehörten Telefonate zeigen, dass Deutschland Schauplatz gewalttätiger Auseinandersetzungen innerhalb der Mafia zu werden droht. Sie zeigen aber auch, dass die 'Ndrangheta in Deutschland extrem viele Mitglieder hat.

Das war zwar auch zuvor schon häufiger deutlich geworden, egal, ob nun ranghohe Mafiosi hierzulande festgenommen, Immobiliengeschäfte mit Mafia-Hintergrund aufgedeckt wurden oder ein Wahlbetrug für einen italienischen Politiker in Stuttgart aufgeflogen ist. Auch nach dem Mord an sechs 'Ndrangheta-Mitgliedern durch andere Angehörige der Mafia in Duisburg im Jahr 2007 war das Thema präsent. Doch immer wieder relativieren Landeskriminalämter diese Gefahr, obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten.

Fünf Stützpunkte allein in der Nähe Singens

Delikte mit einem eindeutig mafiösen Hintergrund werden in Deutschland häufig anderen Kategorien zugeordnet - wie etwa Drogenhandel und Prostitution. Und noch in den vergangenen Wochen bekamen Journalisten vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg die Auskunft, dass nicht die italienische, sondern die osteuropäische Mafia in Baden-Württemberg weiterhin dominiere. Dabei offenbarte die Abhöraktion der eigenen Leute den Experten des LKA einen wertvollen Einblick in das Innenleben der 'Ndrangheta: Dank den belauschten Gesprächen ist jetzt klar, dass die kalabrische Mafia allein in der eng begrenzten Gegend um Singen mehrere Stützpunkte unterhält. Die italienischen Ermittlungsakten nennen neben Singen vier weitere Standorte, selbst in einem Ort mit gerade mal zehntausend Einwohnern ist die Organisation vertreten.

Und was fast noch schwerer wiegt: der Bodensee-Clan ist nicht irgendein Ableger. Bruno N., der Kopf der Gruppe in Singen, musste nur beim obersten Boss der 'Ndrangheta in Italien anrufen - und bekam einen Termin. Mehrmals haben ihn die italienischen Observierer auf dem Grundstück des 'Ndrangheta-Chefs Oppedisano in Rosarno gesichtet. Bei den Razzien am Dienstagmorgen wurden nach italienischen Medienberichten nun beide festgenommen, N. wie Oppedisano. Die anderen Mitglieder der Singener Gruppe sind freilich weiterhin in Freiheit.

Eine hierarchische Struktur bei der 'Ndrangheta

Möglicherweise hat der rüstige Boss mit seinem Machtwort am Telefon gegenüber Bruno N. ein ähnliches Massaker zwischen Angehörigen der 'Ndrangheta verhindert, ein Massaker wie es im Jahr 2007 eines in Duisburg gab. Wie der damalige Sechsfachmord zu deuten ist, weiß immer noch niemand sicher. Manche sehen darin einen Streit um die Macht. Eine andere Auslegung lautet, dass es sich um eine Art Disziplinierungsmaßnahme handelte. Nach den jetzt gewonnenen Erkenntnissen ist dies wahrscheinlicher geworden.

Von den abgehörten Gesprächen weiß man, dass sich die 'Ndrangheta in den vergangenen Jahren stark verändert hat: Beispielsweise hat sich eine streng hierarchische Struktur herausgebildet. In der Vergangenheit dachte man, dass die Organisation in viele beinahe unabhängig voneinander agierende Clans unterteilt sei. Jetzt weiß man, dass es eine zentrale Steuerung in Kalabrien gibt, die die wichtigsten Entscheidungen trifft und den Besitz der Organisation verwaltet. So ging es auch in den deutsch-italienischen Telefongesprächen häufig darum, welche Gruppe welchem Chef gegenüber verantwortlich ist.

Zudem zeigten die Ermittlungen, dass die neue 'Ndrangheta weniger das schmutzige Geschäft wie Erpressungen betreibt, sondern ihr massives Kapital in die legale Wirtschaft einspeist und sich die Gunst von Politikern kauft. Ihren Anfang fanden die Ermittlungen aber mit dem, was als eine klassische Mafia-Tat gilt: dem Mord an einem missliebigen Clan-Mitglied. Im Juli 2008 wurde Carmelo Novella in einer Bar erschossen. Wie man jetzt weiß, weil er versucht hatte, den Einfluss der kalabrischen Herren auf die 'Ndrangheta in und um Mailand stark zurückzudrängen.

Ein verhängnisvolles Gespräch über Waffen

Auch dem in Singen wohnenden N. war bewusst, dass er gefährlich lebt. In seinem Auto unterhielt er sich mit einem Kollegen über Waffen. Der Mann sagte, er wolle sich eine Pistole mit dem Kaliber neun Millimeter kaufen, die sei besser als die, die er derzeit hätte. Wenn man jemandem in die Brust schießen würde, wäre derjenige mit Sicherheit tot. N. stimmte ihm zu. Er selbst, soviel ergab sich aus dem Gespräch, hatte ebenfalls eine Pistole, die er zu Hause aufbewahrte. Er wolle sie aber baldmöglichst in einem Lager seines Schwagers verstecken. Er habe nämlich einen Jagdschein und deshalb die Sorge, er könne kontrolliert und die Waffe gefunden werden.

In den Ermittlungsakten, die nun zu seiner Festnahme führten, wird ihm nicht nur die Mitgliedschaft in der 'Ndrangheta vorgeworfen, sondern auch die unerlaubte Einfuhr von Waffen nach Italien. Aufgeflogen ist die Sache allerdings nicht wegen einer Kontrolle aufgrund seines Jagdscheines. Aufgeflogen ist die Sache wegen dieses Gesprächs: es wurde mitgehört.

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Sandro Mattioli und Rainer Nübel