Münchens Angst vor den Neonazis

27. Januar 2013, 08:50 Uhr

Am Holocaust-Gedenktag wird an Millionen von Nazi-Opfern erinnert. Für sie gibt es viele Denkmäler. Um die kleinsten ist in München einen großer Streit entbrannt. Von Malte Arnsperger

Stoplersteine, München, Gunter Demnig, Heinrich Oestreicher

Münchens erster "Stolperstein" erinnert in Schwabing an Heinrich Oestreicher©

In der Einfahrt der Viktor-Scheffel-Straße 19 in München, wenige Zentimeter, oder einen Stein weit vom Trottoir entfernt, ist eine Messingtafel in den Boden eingelassen. Sie erinnert an den Kaufmann Heinrich Oestreicher, der hier bis 1939 wohnte und vier Jahre später im KZ Theresienstadt getötet wurde. In ganz Deutschland, in Italien, Polen, Ungarn liegen mehr als 38.000 dieser Gedenktafeln, meist gut sichtbar mitten auf dem Gehweg.

Stolpersteine hat sie deshalb der Kölner Künstler Gunter Demnig genannt, weil sie zum Innehalten und Nachdenken anregen sollen. Mittlerweile ist das Projekt international anerkannt, preisgekrönt und gilt als das größte dezentrale Denkmal der Welt. München allerdings verbietet die Denkmäler auf öffentlichem Grund. Der Grund: Pietät. Die Stadt fürchtet, dass Rassisten die Stolpersteine schänden könnten.

Zehn mal zehn Zentimeter große Messingtafeln

An die Gefahr der Schändung seiner Plaketten dachte Gunter Demnig wohl nicht, als er 1996 die ersten Stolpersteine in Berlin verlegte. Auf einer zehn mal zehn Zentimeter großen Messingtafel graviert der Künstler Name, Geburtstag und Todestag von Opfern des Nazi-Regimes ein, meist vor deren letzter freiwillig gewählten Wohnung befestigt er sie. Auf diese Weise bekamen namenlose Opfer ein persönliches Denkmal. Es erinnert Passanten daran, wie vor siebzig Jahren Menschen mitten aus ihrer Nachbarschaft gerissen wurden. 120 Euro kostet ein Stolperstein - inklusive Einbau durch den Künstler. Meist bezahlen Angehörige des Opfers oder Paten aus der Bürgerschaft. Anfangs gab es Widerstand in einigen Städten, etwa in Krefeld oder Leipzig. Augsburg und Pirmasens sperren sich immer noch.

Und München. Ausgerechnet die sogenannte "Hauptstadt der Bewegung" will nicht mitmachen. Hier hielt Adolf Hitler 1919 seine Rede im Hofbräuhaus, im "Braunen Haus" residierte die NSDAP, in München entstand und endete auf tragische Weise die Widerstandsbewegung "Weiße Rose". Es ist keineswegs so, dass die Stadt ihre NS-Vergangenheit verheimlicht. Es gibt den Platz der Opfer des Nationalsozialismus, das Stadtmuseum zeigt eine Dauerausstellung zu dem Thema, gerade entsteht das NS-Dokumentationszentrum.

Nicht Gedenksteine mit Füßen treten

Die Stolpersteine dürfen aber nicht dazu gehören. Münchens Stadtrat entschied 2004 mit großer Mehrheit, dass sie nicht auf öffentlichem Grund angebracht werden dürfen. Oberbürgermeister Christian Ude, SPD, gehört zu den entschiedensten Gegnern. Eines seiner Argumente: "Über die Stolpersteine geht der Alltagsverkehr im Wortsinn tagtäglich hinweg. Der Stadtrat will keine Form des Gedenkens, die im Alltag mit Füßen getreten wird." Ude und andere Gegner stützen sich vor allem auf die Ablehnung der israelitischen Gemeinde in München, namentlich auf deren Vorsitzende Charlotte Knobloch.

Die ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden ist immer noch eine einflussreiche Persönlichkeit in ihrer Heimatstadt, in der sie Ehrenbürgerin ist. In München hat sie als Sechsjährige die "Reichspogromnacht" erlebt. Über das Thema Stolpersteine will sie eigentlich nicht mehr reden. Doch dann redet sie doch: "Ich habe als Kind erlebt, wie Menschen mit Füßen getreten wurden. Ich möchte nicht, dass ihr Gedenken im Straßenschmutz liegt."

Nazis werde es durch die Stolpersteine leicht gemacht, die Holocaust-Opfer zu verhöhnen, sagt Knobloch. Ihre Angst vor Schändungen ist nicht aus der Luft gegriffen. In Leipzig etwa wurden die Steine mit Farbe beschmiert, und die Opfer werden auf rechtsradikalen Internetseiten verhöhnt: "Es muss doch für jeden, der kein ausgemachter Freund der Juden ist, ein göttliches Geschenk sein, ungestraft mit Schuhen auf den Steinchen stehen zu können."

Zum Thema
Panorama
Spende sucht soziale Helden
Deutschlands Herzschlag: Diese Vereine haben wir gefördert Aktion Deutschlands Herzschlag Ohne diese Menschen wäre Deutschland sozial kälter
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von Gast 108785: Alt-Autoentsorgung

 

  von Gast 108781: Günstiges Haus, schätzt das FA eine Schenkung ?

 

  von Gast 108767: kann ich während der Mobilitätsgarantie eine andere Werkstatt für eine Inspektion nutzen als...

 

  von Gast 108765: Wer kennt das? Habe schon immer Querrillen am Bauch mittlerweile aber auch im Kniebereich und am...

 

  von Gast 108763: Welche Drucker besitzen LINUX-Unterstützung?

 

  von Amos: Warum können sich hochrangige Manager vor Gericht auf Erinnerungslücken berufen? Wer...

 

  von Gast 108721: Holzfarbe

 

  von Gast 108717: Was hilft gegen Zahnfleischschwund bei Implantaten?

 

  von Gast 108715: bekomme ich trotz mietrückstände meine kaution zurück

 

  von Gast 108711: Wird der Zuschuss zum Krankengeld mit dem Krankengeld verrechnet?

 

  von Gast 108703: Gebrauchte Bücher auch mit Signatur verkaufen?

 

  von bh_roth: Epson Multifunktionsdrucker verweigert zu scannen

 

  von Gast 108699: Gehalt in USD - Waehrungsgewinn

 

  von bh_roth: Gibt es noch normale CD-Player?

 

  von Gast 108682: Kann mein Mann die Schenkung zurücknehmen?

 

  von Gast 108676: wie sind die regelungen bei Nachtarbeit in Spielhallen, speziell für Frauen

 

  von Gast 108650: Forderung verkaufen

 

  von Gast 108646: als Gewerbetreibender kann ich noch Nebengewerbe anmelden ?

 

  von bh_roth: Eine App ist mit einem Tablet nicht kombatibel

 

  von Gast 108627: Ich werde ein Grundstück kaufen es ist aber noch für über 40 Jahre verpachtet wie muss ich mich...