Bei der Trauerfeier in Winnenden hat eine Mutter ein Klavierstück vorgetragen, das sie für ihre ermordete Tochter Viktorija komponiert hat. Viktorijas Vater Jurij beschrieb dem stern vor wenigen Wochen, was das Leben ohne die einzige Tochter bedeutet - und welche Gedanken er sich über den Mörder seiner Tochter macht.
Jurij Minasenko, seine Frau Lena und ihre gemeinsame Tochter Viktorija siedelten Ende 1994 aus der Ukraine nach Deutschland über. Sie wollten der Tochter, damals nicht mal zwei Jahre alt, ein besseres Leben ermöglichen. Minasenko hatte als Psychiater, seine Frau als Krankenschwester im Krankenhaus in Lugansk gearbeitet. Sie stiegen ins Flugzeug und kamen mit zwei Koffern, vielen Wünschen und Träumen in Deutschland an.
"Unsere Tochter war klein, wir waren jung, und wir hatten das Gefühl: Wir können nichts verlieren. Wir wussten wenig von der anderen Kultur und der Mentalität. Wir haben das gemacht, um unserer Tochter eine Perspektive zu eröffnen." Vater und Mutter lernten mühsam Deutsch.
Die Tochter dagegen passte sich schnell an, beherrschte bald die deutsche Sprache, fand Freunde. Jurij arbeitete wieder in seinem alten Beruf als Arzt, seine Frau als Pharmareferentin, und Viktorija, geliebtes, einziges Kind, wuchs zu einer selbstbewussten jungen Frau heran. Sie wollte nach der Schule vielleicht in den diplomatischen Dienst, sie sprach vier Sprachen und brachte sich selbst die kyrillische Schrift bei, sie war musikalisch begabt.
An jenem Morgen des 11. März 2009 verabschiedete sie sich wie üblich von den Eltern und machte sich auf zur Albertville-Realschule in Winnenden, Klasse 10 d, "ein schnelles Tschüss, bis später, wie so oft"; nachmittags sollte Viktorija im Musikunterricht auf dem Klavier die "Mondscheinsonate" vorspielen.
Als seine Tochter aus dem Haus war, schaltete Jurij Minasenko den Computer an. Seine Frau Lena saß im Bus auf dem Weg zum Bahnhof von Winnenden. Sie musste zu einem Termin nach Stuttgart. Es war kurz vor zehn. Lena Minasenko wunderte sich über die vielen Polizeifahrzeuge und Krankenwagen. Zu diesem Zeitpunkt war Viktorija bereits tot, erschossen von Tim K. Am 3. Dezember wäre Viktorija 17 Jahre alt geworden. Auf ihrer Beerdigung wurde die "Mondscheinsonate" gespielt.
Monate nach dem Amoklauf sitzt Jurij Minasenko im Büro seines Anwalts Jens Rabe in Waiblingen. Vor ihm auf dem Tisch liegen Fotos in einer Klarsichthülle. Sie zeigen Viktorija - hübsches Gesicht, schulterlanges braunes Haar, mal ernst, mal lachend oder feixend - an der Seite seiner Frau Lena. Minasenko hat lange geschwiegen, er war krank vor Trauer und Schmerz. Aber irgendwann fing er doch an, Fragen zu stellen. Er wollte wissen, "wie unsere Tochter gestorben ist". Er wollte wissen, wie und warum aus dem Schüler Tim K. ein Mörder geworden ist. Er wollte wissen, warum Tims Eltern trotz der Hinweise der Ärzte nichts unternahmen.
Minasenko studierte die Ermittlungsakten und die psychiatrischen Gutachten über Tim K. - so wie er früher die Akten seiner Patienten studierte. Jurij Minasenko ist ein Mann, der qua Beruf gewohnt ist, der Ratio zu vertrauen.
Und er ist ein trauernder Vater, ein Mann, dessen Gefühle zuweilen stärker sind als die Ratio.
Die Zeit heilt nicht. Das ist ein Irrtum, ein falscher Sinnspruch. Früher sah mein Alltag wie Ihrer aus - mit Terminen und Aufgaben. Jetzt ist diese Struktur weg. Ich bin seit dem Amoklauf krankgeschrieben. Geblieben ist ein Leben, aus dem das Leben verschwunden ist. Viktorijas Tod war ein Totalverlust für meine Frau und mich. Der erste Reflex war: selber nicht sterben, das Grab in Ordnung halten, frische Blumen hinbringen. So haben wir uns durch diese Monate gehangelt.
Nein, sie möchte auch keines der Fotos veröffentlichen, auf dem sie zusammen mit unserer Tochter zu sehen ist. Diese Bilder von damals sind für sie schöne und sehr private Erinnerungen aus der guten Zeit. Jetzt ist eine andere Zeit. Wir waren ein Dreieck, Vater, Mutter, Kind, und dieses Dreieck gibt es nicht mehr. Aber die Erinnerungen gehören immer noch ihr, sie sollen nicht durch den Amoklauf zerstört werden. Meine Frau Lena hat eine andere Form gefunden, ihre Trauer auszudrücken. Sie spielt Klavier und hat für Viktorija zwei Stücke komponiert. Es ist schöne, traurige Musik. Ein Lehrer einer Nachbarschule hat seinen Schülern die Stücke vorgespielt. Sie sollten aufschreiben, welche Bilder ihnen dabei in den Sinn kommen. Sie schrieben, ohne zu wissen, was der Hintergrund war: "Jemand, der in einem ganz großen Raum allein am Flügel sitzt." Und: "Nachdenklichkeit, Trauer, Sehnsucht." Meine Frau kann ihre Gefühle noch nicht verbalisieren. Deshalb drückt sie die Emotionen auf andere Art aus. Sie sagt: "Musik ist für mich eine gleichwertige Sprache, Musik lügt nicht." Meine Art zu trauern ist anders. Aber ich verstehe sie. Im ersten halben Jahr habe ich auch nichts gesagt, ich war still. Es hat sechs Monate gedauert, bis wir in der Lage waren, uns den Tatort anzuschauen.
Unsere wichtigste Frage war: Ist unsere Tochter sofort gestorben, oder wurde sie gequält?
Ja. Viktorija saß in der letzten Reihe, nur ein, zwei Meter von der Tür entfernt. Er hat die Tür geöffnet und sofort angefangen zu schießen. Meine Tochter war das erste oder zweite der Opfer in der Klasse, sie hat drei Kugeln abbekommen. Eine dieser Kugeln durchschoss ihren Körper und traf eine andere Schülerin, die ebenfalls starb. Viktorija war nach wenigen Minuten tot. Erst kam der Schmerzschock, dann Bewusstlosigkeit, Blutverlust und schließlich der Tod. Man kann das rekonstruieren. Klar ist auch, in welcher Verfassung Tim K. gehandelt hat, in den Akten ist das beschrieben.
Ja, er war sehr klar in dem, was er tat. Er hatte keine Bewusstseinsstörung, keine Halluzinationen, er hörte keine Stimmen. Er war nicht chaotisch, er war ordentlich. Er hat ja sogar sein Magazin in Seelenruhe wieder aufgeladen und weitergeschossen. Für mich war damals schon klar, dass er psychisch gestört war. Dieses aggressive Potenzial deutet auf narzisstische Wut hin. Tim K. war krank. Es war Mord oder, im Fachterminus, erweiterter Suizid. Er war vorbereitet, zu sterben und möglichst viele mitzunehmen. Was passiert ist, geht auf diese Störung zurück. Aber eine solche Persönlichkeitsstörung ist nicht wie ein plötzlicher Herzinfarkt, sondern das Resultat einer pathologischen Entwicklung, die schon in der frühen Kindheit beginnt.