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11. März 2010, 15:10 Uhr

"Ich kann dem Tod meiner Tochter keinen Sinn geben"

Bei der Trauerfeier in Winnenden hat eine Mutter ein Klavierstück vorgetragen, das sie für ihre ermordete Tochter Viktorija komponiert hat. Viktorijas Vater Jurij beschrieb dem stern vor wenigen Wochen, was das Leben ohne die einzige Tochter bedeutet - und welche Gedanken er sich über den Mörder seiner Tochter macht.

© Martin Wagenhagen Jurij Minasenko Jurij Minasenko und seine Frau Lena verloren vor einem Jahr beim Amoklauf von Winnenden ihre Tochter Viktorija.

Die 16-Jährige war eine von acht Schülerinnen, einem Schüler und drei Lehrerinnen der Albertville-Realschule, die vom Amokläufer Tim K. ermordet wurden. An jenem 11. März 2009 starben außerdem drei Männer, die Tim K. auf seiner Flucht erschoss, bevor er sich selbst richtete

Jurij Minasenko, seine Frau Lena und ihre gemeinsame Tochter Viktorija siedelten Ende 1994 aus der Ukraine nach Deutschland über. Sie wollten der Tochter, damals nicht mal zwei Jahre alt, ein besseres Leben ermöglichen. Minasenko hatte als Psychiater, seine Frau als Krankenschwester im Krankenhaus in Lugansk gearbeitet. Sie stiegen ins Flugzeug und kamen mit zwei Koffern, vielen Wünschen und Träumen in Deutschland an.

"Unsere Tochter war klein, wir waren jung, und wir hatten das Gefühl: Wir können nichts verlieren. Wir wussten wenig von der anderen Kultur und der Mentalität. Wir haben das gemacht, um unserer Tochter eine Perspektive zu eröffnen." Vater und Mutter lernten mühsam Deutsch.

Die Tochter dagegen passte sich schnell an, beherrschte bald die deutsche Sprache, fand Freunde. Jurij arbeitete wieder in seinem alten Beruf als Arzt, seine Frau als Pharmareferentin, und Viktorija, geliebtes, einziges Kind, wuchs zu einer selbstbewussten jungen Frau heran. Sie wollte nach der Schule vielleicht in den diplomatischen Dienst, sie sprach vier Sprachen und brachte sich selbst die kyrillische Schrift bei, sie war musikalisch begabt.

An jenem Morgen des 11. März 2009 verabschiedete sie sich wie üblich von den Eltern und machte sich auf zur Albertville-Realschule in Winnenden, Klasse 10 d, "ein schnelles Tschüss, bis später, wie so oft"; nachmittags sollte Viktorija im Musikunterricht auf dem Klavier die "Mondscheinsonate" vorspielen.

Als seine Tochter aus dem Haus war, schaltete Jurij Minasenko den Computer an. Seine Frau Lena saß im Bus auf dem Weg zum Bahnhof von Winnenden. Sie musste zu einem Termin nach Stuttgart. Es war kurz vor zehn. Lena Minasenko wunderte sich über die vielen Polizeifahrzeuge und Krankenwagen. Zu diesem Zeitpunkt war Viktorija bereits tot, erschossen von Tim K. Am 3. Dezember wäre Viktorija 17 Jahre alt geworden. Auf ihrer Beerdigung wurde die "Mondscheinsonate" gespielt.

Monate nach dem Amoklauf sitzt Jurij Minasenko im Büro seines Anwalts Jens Rabe in Waiblingen. Vor ihm auf dem Tisch liegen Fotos in einer Klarsichthülle. Sie zeigen Viktorija - hübsches Gesicht, schulterlanges braunes Haar, mal ernst, mal lachend oder feixend - an der Seite seiner Frau Lena. Minasenko hat lange geschwiegen, er war krank vor Trauer und Schmerz. Aber irgendwann fing er doch an, Fragen zu stellen. Er wollte wissen, "wie unsere Tochter gestorben ist". Er wollte wissen, wie und warum aus dem Schüler Tim K. ein Mörder geworden ist. Er wollte wissen, warum Tims Eltern trotz der Hinweise der Ärzte nichts unternahmen.

Minasenko studierte die Ermittlungsakten und die psychiatrischen Gutachten über Tim K. - so wie er früher die Akten seiner Patienten studierte. Jurij Minasenko ist ein Mann, der qua Beruf gewohnt ist, der Ratio zu vertrauen.

Und er ist ein trauernder Vater, ein Mann, dessen Gefühle zuweilen stärker sind als die Ratio.

Herr Minasenko, es sind neun Monate seit der Bluttat von Winnenden vergangen. Hat Ihnen die Zeit ein wenig geholfen?

Die Zeit heilt nicht. Das ist ein Irrtum, ein falscher Sinnspruch. Früher sah mein Alltag wie Ihrer aus - mit Terminen und Aufgaben. Jetzt ist diese Struktur weg. Ich bin seit dem Amoklauf krankgeschrieben. Geblieben ist ein Leben, aus dem das Leben verschwunden ist. Viktorijas Tod war ein Totalverlust für meine Frau und mich. Der erste Reflex war: selber nicht sterben, das Grab in Ordnung halten, frische Blumen hinbringen. So haben wir uns durch diese Monate gehangelt.

Ihre Frau redet bis heute nicht öffentlich über den Tod Viktorijas.

Nein, sie möchte auch keines der Fotos veröffentlichen, auf dem sie zusammen mit unserer Tochter zu sehen ist. Diese Bilder von damals sind für sie schöne und sehr private Erinnerungen aus der guten Zeit. Jetzt ist eine andere Zeit. Wir waren ein Dreieck, Vater, Mutter, Kind, und dieses Dreieck gibt es nicht mehr. Aber die Erinnerungen gehören immer noch ihr, sie sollen nicht durch den Amoklauf zerstört werden. Meine Frau Lena hat eine andere Form gefunden, ihre Trauer auszudrücken. Sie spielt Klavier und hat für Viktorija zwei Stücke komponiert. Es ist schöne, traurige Musik. Ein Lehrer einer Nachbarschule hat seinen Schülern die Stücke vorgespielt. Sie sollten aufschreiben, welche Bilder ihnen dabei in den Sinn kommen. Sie schrieben, ohne zu wissen, was der Hintergrund war: "Jemand, der in einem ganz großen Raum allein am Flügel sitzt." Und: "Nachdenklichkeit, Trauer, Sehnsucht." Meine Frau kann ihre Gefühle noch nicht verbalisieren. Deshalb drückt sie die Emotionen auf andere Art aus. Sie sagt: "Musik ist für mich eine gleichwertige Sprache, Musik lügt nicht." Meine Art zu trauern ist anders. Aber ich verstehe sie. Im ersten halben Jahr habe ich auch nichts gesagt, ich war still. Es hat sechs Monate gedauert, bis wir in der Lage waren, uns den Tatort anzuschauen.

Warum haben Sie sich das angetan?

Unsere wichtigste Frage war: Ist unsere Tochter sofort gestorben, oder wurde sie gequält?

Das wissen Sie inzwischen?

Ja. Viktorija saß in der letzten Reihe, nur ein, zwei Meter von der Tür entfernt. Er hat die Tür geöffnet und sofort angefangen zu schießen. Meine Tochter war das erste oder zweite der Opfer in der Klasse, sie hat drei Kugeln abbekommen. Eine dieser Kugeln durchschoss ihren Körper und traf eine andere Schülerin, die ebenfalls starb. Viktorija war nach wenigen Minuten tot. Erst kam der Schmerzschock, dann Bewusstlosigkeit, Blutverlust und schließlich der Tod. Man kann das rekonstruieren. Klar ist auch, in welcher Verfassung Tim K. gehandelt hat, in den Akten ist das beschrieben.

Die haben Sie analysiert?

Ja, er war sehr klar in dem, was er tat. Er hatte keine Bewusstseinsstörung, keine Halluzinationen, er hörte keine Stimmen. Er war nicht chaotisch, er war ordentlich. Er hat ja sogar sein Magazin in Seelenruhe wieder aufgeladen und weitergeschossen. Für mich war damals schon klar, dass er psychisch gestört war. Dieses aggressive Potenzial deutet auf narzisstische Wut hin. Tim K. war krank. Es war Mord oder, im Fachterminus, erweiterter Suizid. Er war vorbereitet, zu sterben und möglichst viele mitzunehmen. Was passiert ist, geht auf diese Störung zurück. Aber eine solche Persönlichkeitsstörung ist nicht wie ein plötzlicher Herzinfarkt, sondern das Resultat einer pathologischen Entwicklung, die schon in der frühen Kindheit beginnt.

 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
LiquidSky (12.03.2010, 00:09 Uhr)
Lesen wir die gleichen Beiträge?
Ich kann hier beim besten Willen keine fanatischen Äusserungen raushören.
Und ich stimme Ihnen bedingt zu, sei es nun mangelnde Empathie oder einfach mangelnde soziale Kompetenzen.
Der Punkt ist doch der, dass diese Unfähigkeiten nicht aus dem Konsum von Computerspielen entstehen sondern an ganz anderer Stelle zu suchen sind.

@noctim:
Danke, endlich mal ein sinnvoller Beitrag zur Problematik.
Preston (11.03.2010, 17:40 Uhr)
ich halte mich nur deswegen zurück...
- weil mir das Schicksal der Minasenkos sehr nahegeht.
Allen Spielefanatikern möchte ich an dieser Stelle sagen:
ein Süchtiger gibt auch nicht freiwillig das Saufen auf - und wird bis zum Delirium behaupten, daß es "nicht so schlimm ist"...
Dabei hab ich gar kein Verbot gefordert - ich hab nur festgestellt, daß die Mehrzahl der männlichen Jugendlichen absolut unfähig zur Empathie ist.
Aber danke, daß Sie mit Ihren Beiträgen meine Argumentation unterstützen. Es zeigt, wie wichtig ein Verbot wäre.
Noctim (11.03.2010, 17:37 Uhr)
<zitat>
"Ich werde euch zeigen, wer ich bin. Ihr kennt mich noch gar nicht. Ich sterbe nicht, weil ich schwach bin, sondern weil ich stark bin." Sterben als Demonstration der Macht. Das könnte ein Trend werden, der diese Gesellschaft gefährdet, wenn der Einzelne beschließt, dass für ihn das Gewaltmonopol des Staates nicht mehr gilt.
</zitat>

Das ist wohl die wichtigste und sinnvollste Aussage, die bisher zu solchen Amokläufen getroffen wurde.

Opfer werden zu Tätern und rächen sich. In unserer "heilen" Welt wird zunehmend auf schwachen und labilen Persönlichkeiten rumgeritten (Stichwort Casting-Generation), man muss sich immer wieder neu und gigantisch verkaufen um den Schein zu wahren und beliebt zu sein/akzeptiert zu werden.

Es gibt Menschen, denen ist soziale Integration egal. Die können sich ihr ganzes Leben lang zurück ziehen. Dann gibt es Menschen wie Tim K., die Anerkennung und Erfolg wollen, die Akzeptanz wollen. Und wenn sie es nicht kriegen können, erzwingen sie selbiges. Im Zweifel gehen sie dabei ins andere extrem: "Wenn ich nicht geliebt werde, dann will ich wenigstens gehasst werden.
Denn ich bin jemand; eine Persönlichkeit die Hilfe sucht und keine findet."

Wenn es zu solchen unfassbaren Taten kommt, versuchen alle Antworten zu finden.

Das schlimme ist, dass der Trigger banal erscheint: Rache, Machtdemonstration und sich "verewigen".

Der Weg zum Knall ist allerdings lang und hätte unterbrochen werden können. Hier haben die Eltern von Tim K. als verantwortliche Organe versagt. Die restliche Gesellschaft hatte aber scheinbar ebenfalls kaum Interesse an dem zukünftigen Massenmörder.
LiquidSky (11.03.2010, 17:05 Uhr)
Ich, 28 u Hobbyzocker seit vielen Jahren, stimme meinem Vorredner (radar74) absolut zu.
Ein Verbot dieser Spiele ist eine populistische Forderung von Personen die nicht weiter von der Thematik weg sein könnten.

Auch ich will an dieser Stelle den Angehörigen mein tiefstes Mitgefühl und Beileid aussprechen. Diese Tat (wie viele Andere auch) ist so unvorstellbar schrecklich und wenn man dann (widerwillig nenne ich den Begriff) solche Einzelschicksale hört dann ist einem nur noch zum Heulen...

@Preston: Die Ursache dafür dass viele jugendliche "Trauer (oder Mitgefühl mit den Angehörigen)" nicht kennen ist doch an ganz anderer Stelle zu suchen. Ich bin in einem familiären Umfeld aufgewachsen in dem mir Werte- und Moralvorstellungen vermittelt wurden, in dem auf Probleme eingegangen wurde und diese gemeinsam gelöst wurden.
Mit ein bisschen gesundem Abstraktionsvermögen und Realitätssinn ist auch das Spielen von sog. Killerspielen völlig unproblematisch und widerspricht in keinster Weise oben genannten moralischen Werten.

An der Stelle bringe ich dann immer gerne das Bsp des Vaters und seines vllt 12 jährigen Sohns an der Kasse einer großen Multimedia Kette beim Kauf eines dieser "Killerspiele".
Ich habe ihn gefragt ob er den weiss was er da kauft und ob er es richtig findet dass sein Sohn ein Spiel mit einer ü18 Altersfreigabe spielt. "Nein das wüsste er nicht, aber sein Sohn wolle es halt weil es seine Kumpels ja auch alle Spielen"
hmm...was soll man da dann sagen?!

Abschließend will ich eigentlich nur eines sagen: Wir sollten nicht auf das erst beste einkloppen sondern die wahren Ursachen finden und bekämpfen.
Popobawa (11.03.2010, 16:53 Uhr)
@Preston
Ich erkläre das ihnen ganz einfach: Dieses suchen von Sündenböcken geht den Leuten, gehörig auf die nerven. Dieses bevormunden von Erwachsenen ist nicht zum aushalten.
facilidad_de_ser (11.03.2010, 16:43 Uhr)
@Preston
Zum Thema Winnenden gibt es auf youtube aber auch ganz andere Beiträge, z.B. den von nuoviso.
radar74 (11.03.2010, 16:36 Uhr)
@Preston
Ihre Sichtweise ist völlig falsch, da solche Aussagen meist von Leuten kommen die sich mit Computerspielen nicht auskennen.

Gewaltspiele wie sie immer so schön genannt werden sind meist ab 18 Jahre, also für Erwachsene Spieler bestimmt. Da Spiele in Deutschland nach der USK eingestuft werden, sind diese Spiele im Vergleich zu anderen Ländern geschnitten und enthalten keine extremen Gewaltszenen. Deutschland hat übrigends in diesen Bereich die schärfsten Gesetze.

Das Problem liegt einfach woanders und zwar werden Gesetze die schon seit vielen Jahren vorhanden sind nicht angewendet werden. Warum kommen Jungendliche so leicht an Games ran die eigentlich für Erwachsene bestimmt sind. Warum kann man Games ohne Altersnachweis im Ausland Online kaufen?
Warum kommen Jungendliche so leicht an Waffen ran?

Genau hier sollte man erstmal ansetzen bevor man weitere Verbote erlässt. Eine Waffe sollte man im Schützenverein erst nach jahrelanger Zugehörigkeit und ab einen bestimmten Alter bekommen.

Ach ja und übrigends ich bin 35, spiele solche Games seit gut 15 Jahren und bin in keinen Schützenverein.

Und nur weil man solche Games spielt wird man noch lange nicht zu einen Amokläufer.

Gegen Ihrer Meinung, ich habe ein tiefes Mitgefühl zu den Angehörigen. Weil diese Tat hätte man verhindern können, wenn Angehörige und Lehrer von Tim erkannt hätten wie es in ihm aussieht. Weil so ein Hass auf Lehrer und Schüler baut sich nicht von Heut auf Morgen auf.
Preston (11.03.2010, 15:59 Uhr)
nicht nur als Vater
- aber wer auf YOUTUBE geht und sich die Kommentare der männlichen Teenager anschaut, der versteht schnell, was Jurij Minasenko meint, wenn er sagt, dieses "Modell" könnte sich ausbreiten:
unvorstellbar viele männliche Jugendliche sind vor allem um eins besorgt - daß man ihnen die Spiele wegnimmt. Trauer (oder Mitgefühl mit den Angehörigen) kennen sie nicht.
Das sind die amokläufer von morgen.
Man muß kein Psychologe sein, um das zu verstehen.
Roke (11.03.2010, 15:36 Uhr)
Erschütternd. Es treibt mir als Vater beim Lesen das Wasser in die Augen.

Petrocelli
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