Die Geständnisse von Maddies Mutter

12. Mai 2011, 16:21 Uhr

Seit gut vier Jahren ist die kleine Madeleine McCann verschwunden. Jetzt, zu ihrem achten Geburtstag, kommt ein Buch ihrer Mutter Kate heraus. Von Cornelia Fuchs, London

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Kate McCann will die Einnahmen aus dem Buchverkauf für die Suche ihrer Tochter ausgeben©

Sie wäre heute acht Jahre alt geworden und mittlerweile ist Madeleine McCann länger verschwunden, als sie jemals bei ihrer Familie gelebt hat. Es war Anfang Mai 2007, als sich die Nachricht in der ganzen Welt verbreitete: Ein blondes, dreijähriges britisches Mädchen war aus einer Ferienanlage im portugiesischen Praia da Luz verschwunden. Bis heute fehlt jede Spur von Madeleine.

Es sind die Eltern, die diese Erinnerungen nicht ruhen lassen wollen, nicht ruhen lassen können. Was die Theorien ziemlich seltsam aussehen lässt, die damals von einer möglichen Täterschaft der Eltern sprachen. Wären diese Theorien plausibel, warum sollten ausgerechnet die Eltern dieses Thema so lange, so unermüdlich in der Öffentlichkeit halten? Es wirkt im Übrigen einiges seltsam, was im Frühjahr 2007 passierte: die weltweite Medien-Aufmerksamkeit, die vielen falschen Schlagzeilen ohne jegliche Faktenlage und vor allem die Anschuldigungen gegenüber Kate und Gerry McCann, den Eltern.

Maddies Schicksal soll nicht in Vergessenheit geraten

Kate McCann, die Mutter, hat ein Buch geschrieben, das nun, am Geburtstag ihrer Tochter, in Großbritannien veröffentlicht wird. Die Harry-Potter-Autorin JK Rowling hat ihr geholfen, einen Buchverlag zu finden. Sie ist nicht die einzige, die von Anfang an zu den McCanns gehalten hat. Wer die beiden erneut auf den Sofas der Talkshows von CNN bis BBC sieht - gefasst, sorgfältig zurechtgemacht - dem kommen die Bilder aus den ersten Tagen in Portugal ins Gedächtnis. Die Mutter, die ohne Tränen vor der Kamera den Entführer anflehte, ihrer Tochter nichts anzutun. Viele hielten sie damals für kalt, emotionslos.

Wer allerdings das Buch liest, das Kate McCann aus den Aufzeichnungen ihrer Tagebücher zusammengestellt hat und nach monatelanger Recherchearbeit mit den freigegebenen Akten der portugiesischen Polizei, dem zeigt sich ein anderes Bild. Das einer Mutter, die ihre letzten Kräfte für ihre Tochter aufwendet – indem sie alles tut, um der Welt über Madeleines Schicksal zu berichten.

Schon in den Ausschnitten, die in dieser Woche in der englischen Presse zu lesen waren, finden sich bisher unbekannte Details. So gab es an der Algarve mindestens fünf Anzeigen gegen einen Unbekannten, der plötzlich in Kinderzimmern von Ferien-Wohnungen gestanden hatte – nicht lange bevor die McCanns nach Praia da Luz reisten. Nicht in einem einzigen der Fälle hatte diese Polizei auch nur ein Täterprofil aufgestellt. Bis heute weiß niemand, ob es sich um denselben oder gar um fünf verschiedene Männer handelte.

Nervenaufreibendes Verhör

Kate McCann beschreibt ausführlich den Tag auf der Polizeistation, an dem sie zur "arguida" gemacht wurde, von der Zeugin zur Verdächtigen, eine Besonderheit der portugiesischen Gesetzgebung. Sie wurde unter Druck gesetzt mit angeblichen DNA-Beweisen, die es niemals gab – das britische Labor hatte in seiner Beurteilung geschrieben, die Proben seien nicht eindeutig einer Person zuzuordnen. Die Polizei dagegen schrie Kate McCann an, sie hätten das Blut von Madeleine in dem Mietauto der Eltern gefunden. Sie solle Totschlag zugeben, dann müsse sie nur wenige Jahre ins Gefängnis.

Sie habe sich damals gewünscht, aufs Meer hinausschwimmen zu können, so lange, bis sie irgendwann einfach untergegangen wäre, schreibt Kate McCann. Verhindert habe das nur ihre Sorge um die Zwillinge, für die sie weiter Mutter sein musste. Sie habe sich die Haut abreißen wollen, um die Bilder aus ihrem Kopf zu verjagen, die Bilder einer gequälten Madeleine. Jeden Tag seit dem Verschwinden ihrer Tochter mache sie sich Vorwürfe, dass sie ihre Kinder allein in dem Apartment zurückgelassen habe. Aber damals, vor der Katastrophe, hatten sie sich sicher gefühlt in der kleinen Ferienanlage in dem ruhigen Urlaubsort. Es war ihnen klüger erschienen, die Kinder wie gewohnt ins Bett zu bringen und selber nach ihnen zu schauen, als sie einem fremden Babysitter zu überlassen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die Eltern McCann haben die Hoffnung nie aufgegeben, dass Madeleine gefunden werden kann. Weil es keine Beweise gibt, wo sie ist und was mit ihr passierte, gibt es auch keine Beweise dafür, dass sie tot ist. Die McCanns verweigern sich rationalen Überlegungen nicht. Aber sie wissen, dass es niemanden mehr gibt, der nach Madeleine sucht, wenn sie aufgeben. Denn laut Kate McCann hat die portugiesische Polizei mit der Fahndung aufgehört, bevor sie wirklich damit angefangen hatte.

Das Buch soll helfen, weitere Gelder zu sammeln für die Arbeit eines Privatdetektivs. Die McCanns haben in ihrer Verzweiflung viel Geld an Detektiv-Büros gezahlt, die viel versprochen und wenig geliefert haben. Jetzt sollen sie einen seriösen Ex-Scotland-Yard-Mann beauftragt haben. Dass sie in dieser Woche der Welt einmal mehr ihr Innerstes präsentieren, mag ihre letzte Hoffnung sein, Madeleine doch noch zu finden.

 
 
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