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3. Dezember 2009, 10:04 Uhr

"Unsere Politiker haben versagt"

Durch die Fußball-WM steht Südafrika unter besonderer Beobachtung. Im stern.de-Interview erklärt Moeletsi Mbeki, der Bruder des Ex-Präsidenten, wo die Probleme liegen und was ehemalige Kolonien in Asien besser gemacht haben als manch afrikanisches Land.

 

Zur Person Moeletsi Mbeki ist Journalist und der Bruder des ehemaligen Präsidenten von Südafrika, Thabo Mbeki. In seinem Buch "Architects of Poverty" ("Die Architekten der Armut") rechnet Mbeki mit der politischen Klasse seines Kontinents ab. Das Buch ist über Online-Versandhändler erhältlich

Herr Mbeki, Sie behaupten, Afrikas Politiker seien selbst verantwortlich für den desolaten Zustand des Kontinents.

Ohne Zweifel, leider. Viele Länder Afrikas sind jetzt seit über 50 Jahren unabhängig. Es gab genügend Zeit, die Probleme aus der Kolonialzeit zu lösen. Unsere Politiker haben versagt.

Und die Politik der Industriestaaten?

Natürlich ist manches in der aktuellen Wirtschaftsordnung ungerecht. Aber vergleichen sie doch einmal die Länder Asiens und Afrikas. Beide waren arm und hatten mit dem Erbe des Kolonialismus zu kämpfen. Viele Länder Afrikas standen bei der Unabhängigkeit sogar besser da als die asiatischen. Und heute? Malaysia oder Südkorea sind hoch entwickelte Staaten geworden. In Afrika ist das Lebensniveau dagegen gesunken.

Warum?

Das Problem ist die Einstellung unserer Politiker. Sie sind nur auf ihren Reichtum und Konsum fixiert. Ihr Vorbild ist der europäische Kolonialist von einst mit seinem opulenten Lebensstil. Asiens Führer haben sich dagegen darauf konzentriert, ihre Gesellschaften produktiver zu machen. Sie kümmerten sich um Schulen, Universitäten und eine bessere medizinische Versorgung. Vor allem aber förderten sie den Unternehmergeist. Hier in Afrika passiert das Gegenteil. Die Elite verwendet alle Kraft auf ihren Konsum und in den Ausbau der Staatsmacht, die sie beschützen soll.

Woher kommt dieses mangelnde Verantwortungsgefühl?

Die Eliten sind in Afrika und Asien sehr unterschiedlich. Die führenden Politiker Asiens nach der Unabhängigkeit kamen aus Familien, die schon vor der Kolonialisierung die Macht hatten. Sie orientierten sich an den traditionellen Werten Asiens. Außerdem hatten die asiatischen Führer mit zwei großen Herausforderungen zu kämpfen: Dem Kommunismus und einem extremen Bevölkerungsdruck. Schon deswegen mussten sie ihre Staaten fit machen. Afrika dagegen war unterbevölkert und die kommunistischen Gruppen waren lange nicht so bedrohlich. Unsere Führer kopierten einfach die Ausbeutungsmentalität ihrer einstigen Unterdrücker.

Würde es denn helfen, die Entwicklungshilfe abzuschaffen? Die nährt doch viele Despoten.

Die Hilfe ist nicht das Hauptproblem, sondern das extreme Ungleichgewicht zwischen der Macht der Eliten und dem Rest der Bevölkerung. Eine sinnvolle Entwicklungshilfe versucht das auszugleichen.

In Afrika selbst gibt es große Unterschiede. Botswana ist der gefeierte Wirtschaftsstar, der Nachbar Simbabwe kaputt gewirtschaftet - obwohl sie ähnliche Startchancen hatten.

Auch das hängt mit der Kultur der Eliten zusammen. Die Führer Botswanas stammen aus der alten Aristokratie. Sie sind gewohnt, Verantwortung für das Land und die Menschen zu haben. In Simbabwe regiert unter Robert Mugabe eine Clique von Neureichen ohne Pflichtgefühl. Wie übrigens teilweise auch in Südafrika. Hier hat sich nach der letzten Wahl jeder Minister erst einmal einen schicken BMW auf Staatskosten gekauft.

Warum üben denn die Nachbarn keinen Druck auf Mugabe aus?

Warum sollten sie? Sie haben doch gar nichts gegen Mugabe.

Wie das?

Die Regierungen von Südafrika, Mosambik oder Angola sind nationalistische Bewegungen. Deren Ziel war und ist es, die einstigen weißen Herrscher von der Macht zu vertreiben. Und das hat niemand so extrem geschafft wie Robert Mugabe. Die meisten Regierungschefs der Nachbarländer verehren ihn dafür. Und hätten sie in ihren Ländern die Möglichkeit - sie würden das gleiche tun.

Und deswegen verweigern sie auch dem MDC, der Partei von Premierminister Tsvangirai, die Unterstützung?

Genau. Besonders der African National Congress (ANC), die Regierungspartei in Südafrika fürchtet nichts mehr als die Entstehung einer neuen Volkspartei aus den Gewerkschaften heraus - wie es eben der MDC ist. Der ANC will, dass die Massen ihm folgen, aber nicht seine Macht in Frage stellen.

Als die Krise in Simbabwe eskalierte, wurde ihr Bruder Thabo Mbeki, damals Präsident von Südafrika, zum Vermittler ernannt. Seine stille Diplomatie wurde häufig als wirkungslos kritisiert. Haben Sie versucht, ihn von einer härteren Linie zu überzeugen?

Er kennt meine Position. Und wenn wir uns treffen, reden wir nicht nur über Politik.

Wie kann man denn Afrika aus dieser endlosen Krise führen?

Afrika hat ein riesiges Potential. Das haben zum Beispiel die Mobilfunkunternehmen gezeigt, die hier große Gewinne machen. Deswegen müssen wir den Unternehmergeist fördern. Dazu kann auch der Westen beitragen, durch die Bereitstellung von Risikokapital zum Beispiel. Es hilft aber auch schon, wenn ein pensionierter Unternehmer aus Deutschland nach Afrika fährt, um dort seine Erfahrungen weiterzugeben. Vor allem aber müssen wir die Zivilgesellschaft stärken, um die Macht der Eliten zu schwächen. Nur so können wir verhindern, dass unsere Politiker immer mehr Geld auf Auslandskonten überweisen. 40 Prozent des gesamten afrikanischen Kapitalvermögens sind heute bereits außerhalb des Kontinents gebunkert. Welche Investitionen man damit anschieben könnte!

Gibt es denn Fortschritte?

Ehrlich gesagt kaum. Schauen sie sich doch Länder wie Nigeria, Kenia oder Simbabwe an. Mal geht es einen Schritt nach vorne, dann aber wieder fünf zurück. Anfang der Neunziger sah es für kurze Zeit einmal ganz gut aus. Damals sorgte Druck der Spenderländer dafür, dass aus diktatorischen Regimen Mehrparteiensysteme wurden. Aber in den letzten zehn Jahren haben die alten Cliquen auch diese Systeme so manipuliert, dass sie trotzdem an der Macht bleiben. Die gefälschten Wahlen in Simbabwe sind das beste Beispiel.

Und ihr eigenes Land, Südafrika? Immerhin gibt es hier mit "Black Economic Empowerment" (BEE) ein Programm, dass die Wirtschaftskraft zu den einst unterdrückten Schwarzen lenken soll.

Nur auf den ersten Blick. Tatsächlich hat BEE damit nichts zu tun. Es dient nur dazu, Kapital aus den großen Firmen des Landes in die Hände der neuen Elite zu überführen. Die reichsten Männer des Landes sind heute ANC-Politiker. Und entgegen dem Mythos war es übrigens nicht die Regierung von Nelson Mandela, die dieses Programm erfunden hat. Es kam von den großen Konzernen selbst. Die haben sich damit eine kleine Elite gefügig gekauft.

Um selbst die Fäden in der Hand zu behalten.

Genau. Das schlimmste ist aber, dass BEE unsere Wirtschaft überhaupt nicht nach vorne zu bringt. Das Programm schafft nur eine Kaste, die von der Wirtschaft lebt, aber selbst keine Investitionen tätigt. Wir bauen gerade unsere Wirtschaftskraft in dramatischem Ausmaß ab. Unsere Industrieproduktion ist seit 1994 um ein Viertel geschrumpft. Heute exportieren wir vor allem Rohstoffe - und importieren von China die daraus hergestellten Produkte. Ohne unseren Reichtum an Bodenschätzen wären wir schon längst am Ende.

Da scheint sich ein Crash anzubahnen. Warum greift denn die Politik nicht ein?

Sie profitiert doch vom Abbau unserer Industrie! Die billigen Importe aus Fernost kommen ihrem Konsumrausch entgegen. Hier eine Industrie zur Produktion von Schuhen oder Fernsehern aufzubauen, würde die Produkte ja erstmal teurer machen.

Und wie lange werden die Menschen in Südafrika das noch mit machen?

Schon jetzt gibt es Proteste gegen die Regierung. Die Menschen wollen nicht länger mit ansehen, wie sich eine kleine Elite teure Autos leistet, während sie selbst keinen Strom in der Hütte haben. Heute gibt es innerhalb der Schwarzen Südafrikas die größten Einkommensunterschiede - und nicht zwischen Schwarzen und Weißen. In spätestens zehn Jahren wird auch in Südafrika eine neue Partei aus dieser Unzufriedenheit entstehen. Genauso wie in Simbabwe der MDC von Morgan Tsvangirai entstanden ist. Ich hoffe nur, dass unser Land anschließend nicht den gleichen Weg geht wie Simbabwe.

Interview: Marc Goergen
 
 
KOMMENTARE (10 von 13)
 
SpringbokCT (06.12.2009, 07:08 Uhr)
@Garnet ,
dann scheinen Sie den Krokodilen im Victoria See entkommem zu sein, die den Idi überlebten. Aber Spaß beiseide, leider habe ich von dem Land keine Vorstellung. Ich weiß nur, dass Uganda als Perle Afrikas bezeichnet wurde wegen des angenehmen Klimas und Fruchtbarkeit.
Garnet (05.12.2009, 16:13 Uhr)
@sprigbokct
Etwas spaet, komme gerade aus Entebbe.Ich habe schon vor 25 Jahren in Sue Afrika gearbeitet. Ich kenne das Land wie meine Westentasche.Jede Ecke.
Gladwell (05.12.2009, 09:42 Uhr)
An Verantwortung erinnern
Die afrikanischen Führungen müssen an ihre Verantwortung für ihre eigenen Landsleute erinnert werden. Bisher haben sie es sich zu leicht gemacht, wenn sie meinen die Hauptschuld für fehlgeschlagene Entwicklung an ausländische Geber "outsourcen zu können.. Wenn Afrika genesen will, bedarf es einer grundsätzlichen Einsicht in notwendige Reformen die zu einem Rechtsstaat führen.Jetzt haben die meisten Bürger der Länder, in denen ich 17 Jahre gearbeitet habe, nicht das Gefühl, dass die Regierungen ihre Interessen vertreten.Und echte Reformen beginnen mit einer Selbstkritik, mit Reflexionen, auch wenn dies afrikanische Eliten nicht gerne hören. Ich bin Moeletsi Mbeki für sein Buch sehr dankbar, dem ich viele Leser wünsche.
Volker Seitz
Autor des Buches "Afrika wird armregiert"
dtv, 2009
SpringbokCT (04.12.2009, 19:46 Uhr)
@raptor-xl
Nee, nee nee - ganz so ist es nicht wie sie es darstellen. Die überwiegende Zahl der Verbrechen passieren bei den Schwarzen und Coloureds unter einander.

Stellen Sie sich mal morgens zwischen 5 und 6 auf den Frankfurter Flughafen wenn die 3 Großraum-Flugzeuge der LH und SA aus CPT und Jo'burg ankommen. Fragen Sie die heimkehrende Touristen ob sich einer bedroht gefühlt hat, ob das Sicherheitsgefühl geringer war als in einer europ. Großstadt. Wenn die Flugzeuge aus ZA leerer sind als die andere Richtung bedeutet das lediglich, dass mehr Deutsche nach ZA auswandern, wie umgekehrt. Wenn Sie auf KwaZulu Natal hinweisen, dort gibt es auch viel mehr Coloureds wie in Western Cape. Über die Mentalität der Brothers in einem deutschem Forum zu diskutieren bringt nichts.

Was anderes ist natürlich, dass viele gute Jobs heute nach der Hautfarbe vergeben werden, zuerst kommen die Black Diamonds und dann lange nichts. Allerdings wird auch viel dramatisiert. Bekannte von mir wollten dieses Jahr auch auswandern, zuerst nach Australien und später nach Kanada, obwohl sie beide einen sehr guten Job haben. Es ging um ihre 5-jährige Tochter, sie sollte nach dem Studium gute Berufsaussichten haben. Das ganze ging so lange bis sie merkten, dass sie ihrer Tochter weder in Australien, noch in Kanada das bieten können wie in Südafrika.

Egal wie, jetzt geht es ja um den Soccer World Cup. Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, dass Kapstadt für die Besucher da gefährlicher sein soll als Berlin war, egal was stern wieder für einen Keks schreibt. Vor der Olympiade in China war es genau so.
raptor-xl (04.12.2009, 18:27 Uhr)
@springbokCT
...und der gesamte rest ist leider reine statistische bewertung. auch deutsche städte können und machen es ja auch, dass sie permanent besser dastehen, aber komischerweise glauben die einwohner das nie...
raptor-xl (04.12.2009, 18:24 Uhr)
@vincent
kann ich mich jetzt nicht erinnern. aber der vergleich mit kamerun ist ja auch schon älter. wahr ist er immer noch und in afrika hat sich ja leider auch nichts geändert... oder?!

den zustand dort als marode zu bezeichnen ist mehr als geschönt.
raptor-xl (04.12.2009, 18:23 Uhr)
@SpringbokCT
das wäre mir neu, denn in südafrika gibt es leider das gravierende problem, dass statistisch (wie immer man so etwas auch zählen mag) angeblich die verbrechen weniger werden, aber gleichzeitig die gewalt stark zugenommen hat. ein starkstromzaun rund um das haus ist heute keine seltenheit mehr.

aber auch untereinander wird die gewalt immer schlimmer. die gastarbeiter aus den nachbarländern wurden auch mit äußerster brutalität vertrieben.

und ansonsten habe ich mal kurz gegooglet und bei wikipedia auf anhieb dieses gefunden:

"...Die Kriminalität ist trotz ständiger Bemühungen der Regierung und der Polizei nach wie vor ein sehr großes Problem. Trotz seit Jahren sinkender Trends hat Südafrika unter den Ländern, in denen zuverlässige Polizeistatistiken existieren, die höchste Verbrechensrate.[19]

In den zwölf Jahren zwischen dem Ende der Apartheid 1994 und 2006 wurden Südafrikas Polizei zufolge mehr als 420.000 Menschen getötet und mehr als 650.000 Vergewaltigungen (55.000 Vergewaltigungen in 2007) angezeigt; die Dunkelziffer liegt Schätzungen zufolge bis zu zwanzigfach höher. Bei einer in den Provinzen Eastern Cape und Kwazulu-Natal durchgeführten Studie gaben 27,6 % aller befragten Männer an, schon mindestens einmal eine Frau vergewaltigt zu haben. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl kann somit mit deutlich mehr als sechs Millionen Vergewaltigungen in den letzten Jahrzehnten gerechnet werden.[20] Statistisch muss jede zweite Südafrikanerin damit rechnen, einmal in ihrem Leben vergewaltigt zu werden. Damit ist es für einer Frau wahrscheinlicher vergewaltigt zu werden als lesen zu lernen.[21] Zwischen 1994 und 2001 wurden bei mehr als 5500 Überfällen auf abgelegene Farmen über 1100 Weiße umgebracht.[22]..."

golf im freien kann sehr gefährlich werden... es sei, der ist gut bewacht.
SpringbokCT (04.12.2009, 18:16 Uhr)
@Garnet
Wenn sie Südafrka im gleichen Atemzug wie Afrika in den Mund nehmen, läßt das vermuten, dass sie das Land am Kap gar nicht kennen.
SpringbokCT (04.12.2009, 18:02 Uhr)
@raptor-xl
Obwohl Ihnen sonst oft zu zustimmen ist, auch heute bez. der einseitigen stern-Berichterstattung (Stasi, etc.), haben Sie jetzt mit. ZA aber leicht übertrieben. Zum Beispiel sind die Immobilienpreise in den letzten 15 Jahre in ZA insgesamt stark gestiegen, in D. eher gefallen. Auch wenn die Buren samstags nach dem dritten Lager beim Braai das Fernweh packt, sind sie sonntags beim Golfen wieder mit ihrem Table View glücklich.
Garnet (04.12.2009, 17:32 Uhr)
Die Armut Afrikas
weder mit der Kolonialzeit noch mit den Weissen etwas zu tun. Im Gegenteil, je weiter sich die Staaten Afrikas von dem Tag der Unabhaengigkeit entfernen, um so schlimmer wird es. Despoten ueberall. Ein President in westafrika welcher behauptet er koenne Aids heinen und zur Ermordung von Homosexuellen aufruft. Hexenverfolgungen in West Afrika. Dem einen oder anderen sagt man eine Vorliebe fuer Menschenfleisch nach. Ein anderer hat das Recht der ersten Nacht. Die meisten Fuehrer und Eliten sind bodenlos korrupt. Und werden trotzdem von Europa hofiert. NGO's verbraten Millionen fuer nicht und wieder nichts. Entwicklungshilfe foerdert ein System der Faulheit und Abhaengigkeit. Ich arbeite auf dem Kontinent mit Unterbrechnung fuer 25 Jahre. Erst ist Europas Vorzeigediktator Mugabe vom Wege ab gekommen. Jetzt bricht Suedafrika ein. Und niemand wird das verhindern. Wer denn auch wenn alle Fachkraefte ausgewandert sind.
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