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18. April 2008, 11:15 Uhr

Nationalisten und Nachdenkliche

Eine nationalistische Welle erfasst China: Aufgebrachte Jugendliche boykottieren eine französische Supermarktkette, bedrohen ausländische Journalisten und stellen selbst beim Chatten ihren Patriotismus offen zur Schau. Doch auch Nachdenkliche melden sich zu Wort. Von Adrian Geiges, Peking

Der Drill beginnt früh: Schüler der Jugendmilitärschule in Chengdu im Südwesten Chinas beim Morgenappell© AP

Nationalismus ist in China nicht neu. Insbesondere seit an den Kommunismus keiner mehr glaubt, heizt die KP patriotische Stimmungen an und gibt sich als Kraft aus, die Chinas Interessen gegen Feinde weltweit vertritt. Bis zu einem gewissen Grad, denn meist ebben die Kampagnen nach einiger Zeit wieder ab. Die Wirtschaftsbeziehungen möchte keiner verderben.

Es wäre deshalb zu einfach, Misstrauen und manchmal Hass gegen Ausländer als "von der Führung organisiert" abzutun. Chinesische Websites wie "Anti-CNN" haben ihre Eigendynamik. Fast alle Chinesen freuen sich auf Olympia. Wenn französische Aktivisten einer chinesischen Rollstuhlfahrerin die olympische Fackel entreißen, empört das jeden hier. In chinesischen Internetforen wird sogar beschrieben, wie Stasi-Agenten Studenten aufsuchen und sie "bitten", auf Aktionen zu verzichten - Patriotismus sei gut, aber die öffentliche Ordnung sollte nicht gestört werden. Die Partei fürchtet, die Kontrolle zu verlieren. Noch in Erinnerung sind antijapanische Ausschreitungen in den vergangenen Jahren, bei denen Autos japanischer Marken zertrümmert und japanischen Restaurants die Scheiben eingeworfen wurden. Die Fahrer und die Kellnerinnen waren natürlich selbst Chinesen.

"Dummköpfe und Rowdies"

Trotzdem trägt Chinas kommunistische Führung die Verantwortung für das, was jetzt passiert. Um von ihren eigenen Versäumnissen und der Korruption abzulenken, nährt sie die negativen Gefühle gegen Ausländer, indem sie in den staatlichen Medien falsche Informationen streut. So bezeichnete ein Teilnehmer einer Diskussion auf "CNN" die chinesische Regierung als "Dummköpfe und Rowdies". Die kommunistische Propaganda erweckt den Eindruck, er habe über einfache Chinesen gesprochen und dies sei die Meinung von "CNN". Viele glauben das, denn Chinesen sind es noch nicht gewohnt, dass politische Themen in Medien kontrovers diskutiert werden.

Schuld ist auch das chinesische Schulsystem. Die Jugendlichen werden nicht ermuntert, eine eigene Meinung zu entwickelt, sondern müssen das wiederholen, was der Lehrer sagt. Insbesondere wenn es um Geschichte geht, sind die Schulbücher sehr einseitig. Die Kolonialzeiten und Verbrechen der Japaner werden sehr eindringlich geschildert, als seien sie gestern passiert. Die viel größeren Verbrechen Maos gegen das chinesische Volk in der jüngeren Zeit mit Millionen von Toten - der große Sprung nach vorn und die Kulturrevolution - werden nur kurz gestreift und als "Fehler" verharmlost, denen "große Verdienste" Maos gegenüberstünden. Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, bei dem das Militär Tausende von Pekinger Studenten ermordete, wird sogar gerechtfertigt, man habe die Ordnung wiederherstellen müssen. So wissen gerade die jungen Chinesen sehr wenig über Politik und über Chinas Geschichte. Sie sind aufgewachsen in einer Zeit, in der es vor allem ums Geldverdienen ging.

Wenn Kritik, dann im Internet

Aber auch hier sind nicht alle gleich. Im Internet kommen trotz der Zensur auch die zu Wort, die den nationalistischen Wahn ablehnen oder zumindest Zweifel äußern. Auf der Blog-Startseite von Sohu, einem der größten Internetportale in China, stehen heute drei solche Mahner im Vordergrund. Ihre Überschriften: "Was wissen wir wirklich über die tibetische Kultur?" - "Ist Boykott wirklich Patriotismus?" - "Lasst den Boykott gegen Carrefour nicht in die falsche Richtung gehen."

Der schon immer als kritisch bekannte Journalist Wang Xiaofeng spottet in seinem Blog: "Der wirksamste Boykott wäre es, alle Verbindungen zur Außenwelt zu schließen und zur Mao-Zeit zurückzukehren." Und: "Ich habe eine Kundenkarte von Carrefour, werde in diesen Tagen einkaufen, jetzt ist die Schlange an der Kasse nicht so lang."

Von Adrian Geiges, Peking
 
 
KOMMENTARE (10 von 30)
 
Mariechaon (20.04.2008, 08:13 Uhr)
@Rainheit
Danke.
LaoLu (19.04.2008, 00:31 Uhr)
ich hab' noch einen
zum Absatz "Dummköpfe und Rowdies"
Im englischen SPON liest sich das wie folgt:
"...Meanwhile, a row has also broken out between Chinese officials and satellite news channel CNN after one of the American station's commentators called Chinese "goons" and said imports from China were "junk with lead paint on them and poisoned pet food." Jack Cafferty made the remarks on the political show "The Situation Room" earlier this month. He added that the Chinese are "basically the same bunch of goons and thugs they've been for the last 50 years..."
Klingt etwas anders, als das, was uns Adrian hier geschrieben hat, oder???
LaoLu (19.04.2008, 00:00 Uhr)
Is ja gut, ganzbaf,
DDR...
ganzbaf (18.04.2008, 21:14 Uhr)
Chinas neuer Größenwahn.

China ist einfach nur eine gigantische Art DDR.
Rainhelt (18.04.2008, 18:04 Uhr)
@seelenflieger
Hoppla, alles klar ;)
So gesehen hat der Autor ja die Minikeule ausgepackt... ;)
seelenflieger (18.04.2008, 17:39 Uhr)
@Rainhelt
Sie sind ja lustig. Glauben Sie wirklich, dass ich die ultimative Superwaffe 'Nazikeule' benutzen würde und gleichzeitig am Ende meines Kommentars drei Smileys setzen würde? Verdammt, und ich dachte man würde meine Ironie hier verstehen...
.
Jetzt weiß ich, woher mein mulmige Gefühl stammt, wenn ich von einseitigem Geschichtsunterricht in China lese: Es erinnert mich an meinen Geschichtsunterricht...und Deutschunterricht...und Religionsunterricht.
.
Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. (Röm.2,1)
weeeeed (18.04.2008, 17:31 Uhr)
@eltalein
Ich ziehe hier nichts durch den Dreck, und wo habe ich gesagt dass ich dem zustimme was zur Maos Zeiten oder 1989 passiert ist? Es ist aber auch höchst unverantwortlich Deng Xiao Pings Reformarbeit (obwohl er 1989 zu verantworten hat) zu ignorieren, genauso ist es ignorant Chinas Entwicklungen nach 1989 zu ignorieren! Sie können nicht in jede Diskussion über Menschen rechte ein "ABER Mao, ABER 1989" reinwerfen! Worauf Sie sich beziehen existiert nicht mehr in dieser Form, und das weis auch unsere Bundesregierung, deshalb ist sie ruhig in diesen Tagen, mit ausnahmen von einzelnen Wichtigtuern. Wenn Sie sich mit China-Experten (ich zähle NICHT dazu) bezüglich der Menschenrechtslage u. zu anderen Themen unterhalten, werden sie Ihnen die Entwicklungen der letzten zehn Jahre hervorheben müssen, wo sich VIELES ZUM GUTEN verändert hat (auch wenn es die Medien im Westen noch nicht glauben können/wollen). Man kann nicht erwarten, dass sich ein Land und eine Kultur über Nacht verändert! Was draus wird hat man in Ost-Europa gesehen (Bürgerkrieg in Jugoslawien, KGB Quasi-Diktatur in der ex-Sowjetunion, und die selben Korrupten Politiker in anderen Ländern). Auch Sie werden in 10-20 Jahren akzeptieren müssen, dass sich China in die richtige Richtung entwickelt hat wenn ein Generationswechsel in der Chinesischen Regierung stattfindet.
Tierschutz! Sie haben natürlich recht, dieser kommt zu kurz, aber genauso ist es in anderen Ländern, auf die nicht permanent draufgehauen wird. Sie müssen zwischen konstruktiver und destruktiver Kritik unterscheiden. Es gibt aber auch in dieser Richtung Bewegungen in den Gesetzen, dass über gute Entwicklungen nicht berichtet wird überrascht mich nicht.
Als eine gute Leselektüre für Sie und andere, empfehle ich dieses Buch des Bundesministeriums für Politische Bildung (ja, von der Deutschen Regierung!): http://www.bpb.de/publikationen/6GUSWK,0,0,L%E4nderbericht_China.html
Lesen Sie diese mal ohne Vorurteile.
P.S. Studenten in China: Erstens, ich BIN in China. Zweitens sind es genauso andere Studenten die u.U. bei der AHK Shanghai jobben, drittens andere Studenten die ich angesprochen habe hier in Shanghai und Beijing. Es ist unbekannt! Was Sie zitieren ist aus einem Zeitungs-Artikel den ich auch gelesen habe (Stern oder Spiegel?). Ob's wahr ist oder nicht, kann ich nicht sagen, aber ich sehe nicht wo die Chin. Regierung irgendetwas ZUSTIMMT! Der DAAD und das Olympische Komitee sind NICHT die chinesische Regierung! Die Story ist ein fabrikat westlicher medien basierend auf gerüchten. Ob es passiert, werden wir sehen, aber bei Stern wird man es bestimmt nicht lesen, wenn keiner ausgewiesen wird!
Rainhelt (18.04.2008, 17:25 Uhr)
@seelenflieger
War ja klar, jetzt hilft nur noch die NS-Keule. Kleines Gedankenspiel: Alleine nach Deutschland kommen jährlich 25-30.000 Studenten. Und wir sind bei denen unimäßig nicht mal sonderlich beliebt. Die meisten gehen in die USA oder nach UK.
Und es ist ja nun bei Leibe nicht so, dass wir in Deutschland nicht einseitig beschult würden. Stichworte: Der kulturell wertvolle Islam, vor allem in Spanien und solche Scherze... Oder: Machtergreifung der Nazis. Oder im selben Kontext: Gründe für die verschiedenen Feldzüge. Also bitte. Schule indoktrinieren immer die Systemideologie aus der sie stammen. Datt ist normal.
seelenflieger (18.04.2008, 17:13 Uhr)
mulmiges Gefühl
Wieso bekomme ich so ein mulmiges Gefühl, wenn ich höre, dass die Geschichte in China "sehr einseitig" gelehrt wird? An was erinnert mich das bloß?
"Vor allem die Verbrechen der Japaner [wohl während des 2. Weltkrieges] werden sehr eindringlich geschildert." Verdammt, ich komme nicht darauf, woran erinnert mich das bloß?
.
'Wer Ohren hat, der höre.' (Mt.11,15)
:-) :-) :-)
Rainhelt (18.04.2008, 17:03 Uhr)
@Mariechaon
Das ist gar nicht so schwer, auch als "Westler" (Bin ich auch ;) )
Die wichtigste Regel: Ruhig bleiben.
2. Regel: Zuhören
3. Regel: Nicht direkt kritisieren. Besser ist zu beschreiben wie wir etwas machen und die Vorteile dieser Vorgehensweise aufzuzeigen (Und da wirds dann kniffelig). Das zeigt sich übrigens schon in der verpöhnten Zeigegeste. Man zeigt in China nicht auf jemanden.
4. Regel: Der Meinungsbildungs-und Entscheidungsprozess ist bei Chinesen noch langsamer als bei uns Deutschen ;)
Bei allem sollte man bedenken, das China sich als die älteste Kultur der Welt sieht. Mit dieser Kultur sollte man sich auseinandersetzten.
Das wars schon. Sind ja auch nur Menschen wie wir...
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