Unser Hass ist Gottes oberstes Gebot

27. Oktober 2003, 12:45 Uhr

Ein paar hundert jüdische Siedler trotzen in Hebron 150 000 Palästinensern. Nirgendwo im Nahen Osten ist der schwelende Krieg unerträglicher als in der biblischen Stadt, die Juden und Muslimen heilig ist.

Ein Leben im Belagerungszustand: Bewaffnete Soldaten sind für jüdische Kinder in Hebron selbstverständlich©

Singend ziehen sie durch die nächtliche Straße, Kinder an der Hand, Maschinenpistolen auf der Schulter. Heiter, laut, 70 Männer, Frauen, Kinder, bewacht von halb so vielen Soldaten, die still ins Dunkle spähen. Ein Mann mit Rastalocken und Gitarre läuft an der Spitze des Zuges, spielt und singt: "Wacht auf! Der Messias ist nah! Der Messias ist auf dem Weg!" Es ist Chanukka, und zur Feier des jüdischen Lichterfests haben sich die Frömmsten unter den Gläubigen von Hebron aufgemacht zum antiken Grabmal von Othniel Ben Kenaz, um in dessen unterirdischem Gewölbe zu beten.

Durch Feindesland

Der Weg dorthin aber führt durch Feindesland, denn die Grabesgrotte liegt mitten im "anderen Hebron", im arabischen Teil. Der ist wie ausgestorben, Fenster sind mit Brettern vernagelt, dunkel, still stehen die Häuser, lassen den Zug der Singenden noch lauter erscheinen. "Der Messias ist nah! Betet für den Messias!", ruft der bärtige Gitarrenspieler. "Wie mit Moses durch das Rote Meer", murmelt einer auf Englisch.

Nur gelegentlich schimmert das blaue Licht von Neonröhren aus Fensterhöhlen, noch seltener huscht schemenhaft eine Gestalt vorbei. Hinter den toten Fassaden leben Menschen. Überall auf den kilometerweit ansteigenden Hügeln leben Menschen. Doch von ihnen handelt dieser Text nicht. Denn das war die Abmachung - nur über die 500 jüdischen Bewohner Hebrons zu berichten und über die 6500 in der Siedlung Kiryat Arba am östlichen Rand der Stadt. Nicht über die anderen, die hier niemand beim Namen nennt. Man habe es satt, erklärte David Wilder, einer der Sprecher der Enklave von Hebron, mit Journalisten zu reden, die hinterher auch zu "den Arabern" gingen und dann schrieben, Hebrons jüdische Siedler seien rassistische Fanatiker.

Jenseits des Stacheldraths waren wir nie

So haben wir fast ein Jahr lang hier immer wieder Tage und Wochen verbracht. Sind zusammen mit den Studenten der Yeshiva-High-School, des religiösen Internats, nach Auschwitz gefahren, haben uns in verstreuten Hügelsiedlungen und in Jerusalem mit Gesprächspartnern getroffen, aber jenseits des Stacheldrahts waren wir nie - die hundert Meter sind wir nicht gegangen.

So war es vereinbart, und wir haben uns daran gehalten. Wir wollten wissen, was diese Beseelten aus aller Welt nach Hebron treibt; warum selbst viele Israelis in ihren Augen Verräter am Judentum sind; worin der Sinn liegt, sich den Hass von 150 000 Nachbarn zuzuziehen und es zu genießen. So mag dies eine unausgewogene Geschichte geworden sein. Aber dafür eine aus größerer Nähe. Nirgendwo sonst in Gaza und im Westjordanland ist der schwelende Krieg unerträglicher als in dieser biblischen Stadt, in der Juden die Machpelah, das Heiligtum des Patriarchen Abraham, und Muslime die Ibrahim-Moschee im selben Trutzbau aus herodischen Mauern nutzen, in der 500 jüdische Siedler ein Fünftel des Stadtgebiets besetzt halten, bewacht von mehr als 1000 Soldaten, umgeben von 150 000 arabischen Bewohnern. H2 bezeichnet den israelisch beherrschten Stadtteil, H1 den arabisch verwalteten.

Tür an Tür mit den Feinden

Aber auch in H2 leben Tausende Araber, teils Wand an Wand, Tür an Tür mit ihren Feinden. Ein Leben im Belagerungszustand, erzwungen von den einen, gesucht von den anderen. Denn aus der jüdischen Gemeinde gehe keiner fort, erzählt stolz David Wilder, "im Gegenteil: Wir haben gar nicht so viele Häuser, wie Juden hierher nach Hause kommen wollen!" Nach Hause? "Ja, dieses Land ist uns von Gott versprochen! Wir kehren zurück, nach 2000 Jahren."

Hebron 2 ist eine Festung, gesichert von Checkpoints, Stacheldraht, aber mitten darin: spielende Kinder. Mütter mit Buggys, Männer mit abweisendem Blick und den Schläfenlocken der Orthodoxen, die uns mustern, nicht grüßen, und ungerührt eine Reihe Häuser ausbauen, die vordem einen arabischen Markt beherbergten. Wen immer wir fragen, alle fühlen sich großartig hier, berufen. "In New Jersey war ich eine Fliege an der Wand", sagt Wilder, "hier mache ich Geschichte!" Um den verwirrenden Grautönen des Lebens in New York, Florida, ja selbst in Jerusalem zu entkommen, scheint Hebron der perfekte Ort zu sein. Es gibt Schwarz, es gibt Weiß, Dasein allein ist Sinn genug, aus aller Welt kommen die Postkarten und Spenden der Bewunderer für die "Speerspitze im Herzen der Araber", und am Ende wird der Messias kommen. Es steht alles geschrieben.

"Wir müssen hier sein"

Schon vor 100 Jahren konstatierte Rabbi Kook, spirituelles Idol der Siedler, dass jüdisches Leben allem anderen Leben überlegen sei, der Unterschied der Seelen größer als zwischen Mensch und Kuh. "Wir müssen hier sein", erklärt Wilder eines Nachmittags einer Gruppe angereister Unterstützer. "Nur so können wir uns durchsetzen. Wenn wir hier sind, muss die Armee uns schützen!"

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