Blumen liegen am Tatort, auf Schildern steht: Hoffen und beten. Die Bürger von Tucson trauern um ihre Abgeordnete. Szenen aus einer gelähmten Stadt. Von Karsten Lemm, Tucson

Timothy Robinson vor Giffords Büro: "Es fühlt sich so an, als wäre ich wieder im Irak"© Karsten Lemm
Auch am Tag danach ist der Tatort weiträumig abgesperrt. Gelbe Plastikbänder der Polizei ziehen sich rund um das Gelände des Einkaufszentrums am Nordrand von Tucson, auf dem sechs Menschen starben und 14 weitere verletzt wurden. Es ist kurz Sonntag, kurz vor 12 Uhr mittags, und die Sonne brennt vom Himmel. Die Ampel springt auf Grün, Jennifer Urias geht über die achtspurige Straße auf die Ecke zu, an der die Absperrung beginnt. Eine Bank steht dort, dahinter liegt der Parkplatz des Supermarkts, vor dem die Polizei-Fahrzeuge der Spurensicherung warten. Streifenwagen bewachen jede Zufahrt.
Urias legt ihre Blumensträuße ab. Allesamt Rosen, in Rot, Weiß und Gelb. Sechs Sträuße, für jede Familie der Todesopfer einen. "Sie sollen wissen, dass wir sie in unsere Gebete einschließen", sagt Urias. Sie kennt niemanden der Betroffenen persönlich, und doch hat sie 30 Dollar ausgegeben, um die Blumen zu kaufen. Sie findet das ganz selbstverständlich. "Dies ist eine Gemeinde mit großem Zusammengehörigkeitsgefühl", sagt sie. "Was hier passiert ist, ist einfach niederschmetternd." Mehr mag die Mittdreißigerin nicht sagen, es geht ihr nicht um Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit. Sie steigt gleich wieder in ihren Wagen und fährt davon - die Polizei lässt eh niemanden am Tatort herumlungern. Wer stehenbleibt, wird per Megaphon sofort angeherrscht, weiterzugehen. Das gilt auch für die, die Rosen bringen.
Der Schütze Jared Lee Loughner wuchs in einer Arbeitersiedlung auf, ganz in der Nähe. Die Fahrt mit dem Auto dauert kaum eine Viertelstunde, sie führt durch eine karge Wüstenlandschaft, der Weg ist gesäumt von Palmen, Büschen und Kakteen. George Gayan, 82, kennt Familie Loughner gut. Seit seit 30 Jahren schon sind sie Nachbarn. Der kleine Jared kam früher, als Gaians Frau noch lebte, manchmal vorbei und spielte mit Gayans Urgroßenkeln. Später, als Jared in die High School ging, sah er den Teenager manchmal mit einer Freundin händchenhaltend auf der Straße vorbeigehen.
Dass derselbe junge Mann, den er aufwachsen sah, nun ein solches Blutbad angerichtet haben soll - George Gayan kann es nicht fassen. "Ich bin schockiert. Ich hätte nie geglaubt, dass er zu so etwas in der Lage wäre", sagt der ehemalige Bergarbeiter, ein Mann mit weißem Haar und großer Brille, der bedächtig spricht und offenbar andere nicht gerne vorschnell verurteilt. "Er wirkte immer ganz normal auf mich. Ich habe ihn nie mit einer Waffe gesehen, und wenn er am Steuer saß, fuhr er immer vorsichtig."
Lesen Sie auf der nächsten Seite: Über das uramerikanische Recht, Waffen zu tragen