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Vizekanzler Gabriel bei "alten Freunden" im Iran

Nach dem Atomabkommen mit dem Iran scheint es nicht schnell genug gehen zu können: Sigmar Gabriel will die historische Bindung zwischen Deutschland und dem Iran reaktivieren. Doch der Vizekanzler spricht auch heikle Themen an.

  Das Atomabkommen von Wien hat den Weg für eine Annäherung zwischen dem Westen und dem Iran freigemacht

Das Atomabkommen von Wien hat den Weg für eine Annäherung zwischen dem Westen und dem Iran freigemacht

Es ist so, als wenn nichts gewesen wäre: keine "Achse des Bösen", kein zehn Jahre langer Streit um ein Atomprogramm, keine schmerzlichen Wirtschaftssanktionen. Am Montagmorgen sitzt Sigmar Gabriel im Ölministerium von Teheran zwischen einer deutschen und einer iranischen Fahne und spricht über zwei "alte Freunde", die sich nach langer Funkstille wiedertreffen.

Der Vizekanzler erinnert daran, dass Johann Wolfgang von Goethe einst den persischen Dichter Hafis als seinen Zwillingsbruder bezeichnet hatte. Und er verweist darauf, dass die ersten deutschen Unternehmer vor mehr als 150 Jahren in Persien eingetroffen waren. Die historische Bindung zwischen beiden Ländern könnte jetzt der entscheidende Vorteil der deutschen Wirtschaft im Wettbewerb um kommende Milliardengeschäfte sein.

Das Atomabkommen von Wien hat den Weg dafür freigemacht. Es soll die iranische Atombombe verhindern und die Wirtschaftssanktionen gegen den Iran beenden. Anfang nächsten Jahres soll es los gehen. Der UN-Sicherheitsrat hat den Weg dazu freigemacht. Die Reise Gabriels bringt die deutsche Wirtschaft in Stellung.

"Optimismus lohnt sich"

Vor rund 200 Wirtschaftsvertretern im Ölministerium dankt der Vizekanzler denen, die den Kontakt über die schweren Jahre nicht abgebrochen und an bessere Zeiten geglaubt haben. "Was ist die Lehre aus dem allen: Optimismus lohnt sich", sagt er.

Anschließend fährt er in Teheran von einem Ministerium zum nächsten. Einige sind prachtvolle Paläste aus der Zeit des Schahs von Persien. Es geht darum, neues Vertrauen zu schaffen und Chancen auszuloten. Auch ein Termin beim Staatspräsidenten Hassan Ruhani ist dabei.

Es läuft gut. Das Interesse an wirtschaftlichen Kontakten ist groß bei den Iranern. Von einer Rückkehr "goldener Zeiten" ist die Rede. Die mitreisenden Unternehmer und Verbandsvertreter sind zufrieden.

Für Gabriel geht es aber nicht nur ums Geschäft. Er ist der erste westliche Spitzenpolitiker nach der Atom-Einigung im Iran. Sein Auftreten wird Maßstäbe für die nächsten Besuche setzen. Einige Sätze wiederholt er gebetsmühlenartig. Das Atomabkommen mit dem Iran sei ein erster Schritt, weitere müssten folgen. Und: Man müsse die Wirtschaftsbeziehungen nutzen, um in anderen Bereichen weiterzukommen.

Menschenrechte kein Tabuthema

Gabriel spricht Menschenrechte, die Todesstrafe, Gleichberechtigung von Frauen und Demokratie an - eine breite Palette heikler Themen. "Wirkliche Freundschaft erweist sich dann, wenn man auch offen und partnerschaftlich und respektvoll über schwierige Themen sprechen kann", sagt er. "Dann zeigt sich erst, wie intensiv die Freundschaft ist."

Ein Thema macht den Besuch wirklich zu einer Gratwanderung: Israel. Dort sieht man es nicht so gerne, dass der Iran jetzt wieder Milliarden durch Geschäfte mit dem Westen verdienen wird, um sie möglicherweise in konventionelle Aufrüstung zu stecken.

Vor seiner Abreise hatte Gabriel mit dem israelischen Botschafter telefoniert. In Teheran macht er gleich nach der Landung eine klare Ansage. "Wer immer mit uns nachhaltige Beziehungen hat, der kann nicht das Existenzrecht Israels politisch infrage stellen." Und er bietet die Vermittlung Deutschlands an. Dafür interessiert sich aber keiner seiner Gesprächspartner wirklich.

Außenminister Mohammed Sarif gibt sich nach dem Gespräch mit Gabriel noch diplomatisch. Man habe weiterhin Differenzen und über die könne man reden, sagt er. Seine Sprecherin wird deutlicher: Der Iran betrachte Israel als eine Bedrohung im Nahen Osten und Wurzel der Krisen in der Region, sagt Marsieh Afcham der Nachrichtenagentur ISNA. Und überhaupt gehe es bei Gabriels Reise doch eher um die bilateralen Beziehungen.

"Das hier ist nicht Nordkorea"

In der Delegation des Wirtschaftsministers gibt es jemanden, den weder die wirtschaftlichen noch die politischen Beziehungen vorrangig interessieren. Der 78-jährige Madjid Samii kümmert sich vor allem um die Völkerverständigung.

Er ist in Teheran geboren und aufgewachsen und später in Hannover zu einem der weltbesten Neurochirurgen der Welt avanciert. Im Iran wurden schon Straßen, Schulen und Krankenhäuser nach ihm benannt. Gabriel hat ihn vor 20 Jahren kennengelernt, als er noch in Niedersachsen Politik machte.

Samii kümmert sich seit Jahrzehnten darum, dass Iraner und Deutsche zusammenkommen. Ihm geht es jetzt darum, dass beide Seiten offen aufeinander zugehen. "Es ist ja nicht so, dass wir hier plötzlich hinter einem Eisernen Vorhang auftauchen", betont er. "Das hier ist nicht Nordkorea."

Michael Fischer, DPA

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