Rechte Kante kontra Obama-Kult

31. August 2012, 10:17 Uhr

Cowboyhüte, Kriegsveteranen, Kid Rock und reichlich Tränen. Die Krönungsmesse der Republikaner erfüllte ihren Zweck. Sie zeigte auch: Die Zukunft der Partei liegt rechts. Von Nora Schmitt-Sausen und Martin Knobbe, Tampa

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Die Partei hat ihren Frieden mit ihm gemacht: Mitt Romney, der Präsidentschaftskandidat der US-Republikaner

Am Ende liebten sie ihn doch: Minutenlang jubelten sie ihm zu, riefen "Mitt! Mitt! Mitt", und so mancher verdrückte bei seiner Rede eine Träne. Die Delegierten und Fans auf dem republikanischen Parteitag in Florida bereiteten ihrem Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney einen versöhnlichen Abschluss. Nachdem sie monatelang mit ihm gefremdelt hatten, war jetzt so etwas wie Aufbruch im Tampa Bay Times Forum zu spüren: Die Band spielte Kid Rock nach, "Born Free", der Wahlkampfsong Mitt Romneys. Die roten, weißen und blauen Luftballons fielen gegen 23 Uhr Ortszeit von der Decke der Sportarena, und der Kandidat stand mitsamt Großfamilie auf der Bühne, winkte und strahlte. Und doch konnte die Harmonie nicht darüber hinweg täuschen, dass das Herz der Partei in Wahrheit einem anderen gehört: Mitt Romneys jungem Vize, dem 42-jährigen Paul Ryan. Denn das Herz der Republikaner, das hat dieser Parteitag gezeigt, schlägt wieder recht weit rechts.

Lange hatte sich Mitt Romney, 65, Vater von fünf Söhnen, Großvater von 18 Enkeln, Mormone, ehemaliger Gouverneur von Massachusetts und Gründer der Private Equity Firma Bain Capital schwergetan, über sich selbst zu sprechen. Gestern abend überwand er seine Steifheit und erzählte von seiner Familie, den vielen Kindern im jungen Alter, dass es nicht immer ganz einfach gewesen sei und doch so überwältigend, "wenn man wieder einen Streit zwischen den Jungs schlichtet oder am Morgen aufwacht und entdeckt, dass ein Haufen von Kindern im Zimmer schläft." Die persönliche Note hatte lange gefehlt in seinem Wahlkampf, das hatte ihm nicht nur die Basis übelgenommen, bei den Umfragen zur Beliebtheit schnitt Romney bislang erheblich schlechter ab als Präsident Barack Obama, obwohl ihm eine deutliche Mehrheit der Befragten zutraute, besser für mehr Arbeitsplätze sorgen zu können als der amtierende Präsident.

Endspurt in Sachen Rührung

Als versuchten seine Wahlkampfstrategen den Mangel an Glaubwürdigkeit nun an einem Tag aufzuholen, pflasterten sie die letzten Stunden der Zusammenkunft mit vielen rührenden Anekdoten zu, mit weinenden Rednern, die Romneys Selbstlosigkeit und Großherzigkeit rühmten, mit vielen Frauen am Rednerpult, die seine mangelnde Akzeptanz bei den weiblichen Wählern ein wenig wettmachten sollten, und mit Videos, die Romneys Buben beim lustigen Spielen am Bach zeigten. Schon zwei Tage zuvor hatte Gattin Ann in einer emotionalen Rede versucht, das Bild des kalten und trockenen Millionärs und Technokraten mit etwas Wärme zu erfüllen. "Ihr könnt Mitt vertrauen!", rief sie den Delegierten zu.

Mitt Romney, im Ton meist ruhig und gelöst, manchmal wütend und laut, versprach den Wählern in seiner bislang wichtigsten Rede, "zwölf Millionen Arbeitsplätze" zu schaffen. Mehr Energieförderung im eigenen Land, bessere Ausbildungsmöglichkeiten und ein ausgeglichener Haushalt gehören zu den Forderungen seines Fünf-Punkte-Plans, über dessen Gegenfinanzierung er aber nichts verriet. "Obama hat versprochen, den Anstieg der Meere zu stoppen und den Planeten zu retten. Mein Versprechen ist, Ihnen und Ihrer Familie zu helfen."

Die über 4000 Delegierten und Ersatzdelegierten schlossen an diesem Abend ihren Frieden mit dem lange umstrittenen Kandidaten. "Mitt Romney verknüpft seine Leidenschaft mit der unseren: Gott, Familie und unser Land. Das ist wichtig für uns", sagte Joan Harms, eine Delegierte aus dem Bundesstaat Missouri. Vor dem Auftritt Romneys hatten die Organisatoren einen Überraschungsgast auf die Bühne geschickt: Clint Eastwood brummelte einen leeren Stuhl an, auf dem ein imaginärer Barack Obama saß: "Ich glaubte nie daran, dass es gut ist, Juristen zu Präsidenten zu machen. Ich denke, es ist vielleicht Zeit für einen Unternehmer." Der Altmeister des Western bekam tosenden Applaus, auch wenn seine Worte kaum zu verstehen waren.

Ruck nach rechts haucht der Partei neues Leben ein

Die neue Einigkeit der Republikaner erfasste auf dem dreitägigen Parteitag selbst die, die bislang leise und laute Gegner Romneys waren. Sogar die schrille Ikone der Tea Party-Bewegung, Michelle Bachmann, schwenkte nach monatelangen Grabenkämpfen innerhalb der Partei ein. Im Interview mit dem republikanischen Haussender Fox News gab sie sich handzahm und sonnte sich im Erfolg. "Die Tea Party ist nun in der Mitte der republikanischen Partei angekommen. Wir waren extrem erfolgreich." Mitt Romney sprach sie ihr Vertrauen aus. "Er ist gewachsen. Er wird eine starke Nachricht ins Land senden."

Die Dynamik der republikanischen Metamorphose ist erstaunlich. Als die Republikaner vor vier Jahren das Präsidentenamt an Barack Obama verloren hatten, waren sie am Boden. George W. Bush hatte nicht nur das Ansehen Amerikas ruiniert, sondern vor allem auch das seiner Partei. Die Suche nach einer neuen Identität begann - und sie schien eine Zeit zu dauern. Der rechte Flügel der Partei, der sich seit 2009 vor allem in Form der Tea Party-Bewegung bemerkbar macht, wurde von vielen etablierten Parteigängern als Störfaktor wahrgenommen, dessen radikale Strömung ein Risiko für die Grand Old Party darstellt.

Heute ist klar, dass die Republikaner gerade wegen der Tea-Party aus ihrer Lethargie erwacht sind. Der Ruck nach rechts hat der Partei neues Leben eingehaucht. Und er bedeutet offensichtlich das, was der Großteil der Basis auch will: strikte Budgetkontrolle, staatlicher Rückzug aus dem Alltag der Amerikaner, Rückbesinnung auf urkonservative Werte, Gott als Quell aller Stärke.

Welches "R" ist der bessere Kandidat

Wann immer in Tampa der Name eines ihrer rechten Idole fiel, sprangen die Parteimitglieder johlend von ihren Sitzen auf. Sie rissen sich vor Begeisterung die Cowboyhüte vom Kopf, wenn am Podium die amerikanischen Gründungsväter erwähnt werden, Glaube, die Familie und die US-Verfassung. Letztere ist für Amerikas Konservative genauso unantastbar wie die Bibel und die eigene Steuererklärung.

Einen der klügsten Vertreter der Tea-Party hat Romney als Kandidat für seinen Vizepräsidenten ausgewählt, obwohl er befürchten musste, dass ihm dieser auf der Bühne die Show stiehlt. Wie mit einem Hackebeil zerlegte Paul Ryan in seiner Rede am Mittwoch die vierjährige Präsidentschaft Obamas: Ein nutzloses Konjunkturpaket. Fünfzehn Billionen Dollar Schulden. Eine sinnlose Gesundheitsreform. Schwache Führungskraft in der Welt. So sieht sie aus, die Sicht des Paul Ryan. Und die Delegierten in der Halle waren mit ihm. Auch er erhielt tosenden Applaus, auch von seinen Worten waren viele zu Tränen gerührt.

Als Mann mit festen urkonservativen Prinzipien hat Ryan innerhalb weniger Tage das Feuer an der republikanischen Basis neu entfacht, was Mitt Romney in den vergangen Monaten nie richtig gelungen war. Die Wahl Ryans aber hat nun auch Romneys Beliebtheit in der Partei gestärkt und offenbar auch seinen Kampfeswillen. Der Applaus nach seiner erstaunlich kraftvollen Rede war der beste Beweis dafür. Da kann man auch darüber hinwegsehen, dass noch vor einem Tag sich so manch einer in Tampa fragte, welches der beiden "R"s denn nun der wahre Kandidat der Republikaner sei. Romney oder Ryan?

 
 
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