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17. November 2009, 17:54 Uhr

Bildungsstreik Heißer Herbst an Deutschlands Unis

Studiengebühren werden falsch investiert

Für großen Unmut in Köln sorgen auch die 500 Euro Studiengebühren, die jedes Semester erhoben werden. "So, wie die Universität mit den Studiengebühren bislang umgeht, kann es nicht weitergehen. Trotz der hohen Gebühren, spüren wir kaum eine Verbesserung in der Lehre", sagt der Demonstrant Robert Täubl. Der 23-Jährige studiert im fünften Semester Ingenieurswissenschaften und engagiert sich in der Fachschaft. "Von dem Geld sollten zusätzliche Professorenstellen geschaffen und nicht ein Fitnessstudio gebaut werden, so wie es die Uni Köln gemacht hat", sagt Täubl.

Die Proteste zeigen Wirkung. Die Wut der Studenten sei berechtigt, die Proteste richtig, heißt es von der Bundesregierung. "Es gibt Anliegen, die kann ich gut verstehen", sagt Bildungsministerin Annette Schavan (CDU). Die Kultusministerkonferenz, die Hochschulrektorenkonferenz, der Hochschulverband - auch sie stellen sich hinter die Studentenschaft. Doch die Verantwortung für die Lage an den Hochschulen will niemand so recht übernehmen: Bund, Länder und Hochschulen waren an der Bologna-Reform und Einführung der Studiengebühren beteiligt - und schieben sich die Verantwortung nun gegenseitig zu. So sagte Schavan in einem Interview mit der "Berliner Zeitung", dass jetzt das Gespräch mit den Ländern nötig sei, um zu sehen, wo es hapert. Die Bundesländer wiederum verweisen auf die Hochschulen. Der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Henry Tesch (CDU), kritisierte die Hochschulleitungen wegen mangelnder Flexibilität und verlangte von den Hochschulrektoren, auf die Forderungen einzugehen. Denn die Universitäten verfügten heute über finanzielle Freiheiten, "wie sie in der Geschichte Deutschlands noch nie so ausgeprägt waren."

Und als wäre noch nicht genügend Schuld zugewiesen worden: Für die Hochschulvertreter sind - welch Überraschung - die Politiker die Verantwortlichen. "Es gibt unbestritten an etlichen Stellen Nachbesserungsbedarf bei der Studienreform", sagt die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Margret Wintermantel. Ihre Organisation vertritt die 256 deutschen Hochschulen. Der Protest der Studenten sei ein Indikator dafür, "dass politisches Handeln gefordert ist".

Der Streik geht weiter

"Alles hohle Phrasen", meint Anna Krause von der Arbeitsgruppe "Bundesweiter Bildungsstreik". "Bund, Länder und Hochschulrektoren schieben sich gegenseitig die Verantwortung der Bildungsmisere zu", sagt sie. Nach dem Willen der Studenten sollen die Proteste deshalb weitergehen: Für die Zeit vom 30. November bis zum 6. Dezember planen sie eine Aktionswoche.

Im heißen Herbst soll sich ein Wintersturm formieren.

Von Massimo Bognanni, Köln
Seite 1: Heißer Herbst an Deutschlands Unis
Seite 2: Studiengebühren werden falsch investiert
KOMMENTARE (9 von 9)
 
lort (19.11.2009, 09:48 Uhr)
Große Lücke zwischen Berichterstattung und Realität
Der Spiegel (und nebenbei alle anderen etablierten Medien, die ich in die Hände bekommen habe) zeigt entweder großes Talent im selektiven Berichten oder hat schlecht recherchiert: Der Bildungsstreik wird so sehr zurechtgeschrumpft in der Berichterstattung, dass von einem ganzen Forderungskatalog nur noch "Weg mit Bachelor/Master!" u.ä. übrigbleibt - nirgendwo etwas zu lesen z.B. über Hochschulräte, die mit Votumsmehrheit von Wirtschaftsvertretern besetzt sind statt mit Universitätsangehörigen mit direktem Bildungsbezug. Nichts zu lesen davon, dass der Protest auch zum guten Teil von Schülern mitgetragen wird - geschweige denn von ihrem Protest gegen G8, Kopfnoten und Nummerus Clausus.

Wenn der Spiegel auch Plattform für gesellschaftlichen Diskurs sein will, dann muss er auch gewissenhaft berichten, anstatt den selben journalistischen Einheitsbrei zu verzapfen wie alle anderen Nachrichtenformate. Hier gehen keine Nebensächlichkeiten verloren, sondern wichtige Informationen!
Administrator (18.11.2009, 10:36 Uhr)
@Popobawa
Ihr Kommentar wurde gelöscht, bitte argumentieren Sie sachlich und verzichten sie auf Beleidigungen!

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins

rockyciano (18.11.2009, 05:39 Uhr)
Die Zeit
hat einen herausragenden Artikel zu diesem Thema geschrieben: Wie man Studenten apathisch macht. Kann ich nur weiter empfehlen - hilft auch Vorurteile abzubauen.Und noch eine Anmerkung am Rande - Dumme schließen kein Studium ab.
gekko (18.11.2009, 01:51 Uhr)
Recht auf Frei Bildung? Aber doch nicht hier
Es geht uns bei dem Streik nicht darum faul zu sein. Es geht uns nicht darum das wir einen Abschluss in den Hintern geschoben bekommen möchten.
Es geht uns darum Bildungsbedingungen für ALLE zu verbessern!

Ich selbst (bin faule Studentin der Geisteswissenschaften und benötige für mein Studium durchaus 30-40 Std in der Woche) arbeite 15 Std die Woche in einem Nebenjob um mir meinen Lebensunterhalt und mein Studium finanzieren zu können.
Ich lebe weder über meinem Niveau noch habe ich auserordentliche Ausgaben - und trotzdem lebe ich mit 30 Euro 'über' der Grundsicherungsgrenze (inkl. Bafög). Und ja, ich empfinde das geringe Bafög als unverschämt.
Die Aussage der Studentenberatung? Nehmt einen Studienkredit bei der Bank auf.
Weil es unglaublich vorteilhaft ist, neben den Bafög Rückzahlungen auch noch einen (verzinsten!) Berg Schulden nach dem Studium mit sich rumzutragen - und das mit Mitte Zwanzig. Für die Banken sicher eine schöne, neue Einnahmequelle.

Und ja, in dieser Situation tuen auch 'nur' 100 Euro im Monat weh. Besonders wenn Sie bedenken das Fahrtkosten/Skripte/Bücher etc. NICHT von den Studengebühren gedekt werden. Und nicht jeder hat Eltern die unterstützen können/wollen. Unterstützungsgelder erhält man i.d.R. nach 3-4 Monaten. Die Studienbeiträge müssen aber natürlich noch VOR der Einschreibung auf dem Konto der Hochschule sein.

Das der Bachelor eine 'light version' ist, halte ich für falsch. Richtig ist jedoch das er so im Allgemeinem wahrgenommen wird. Tja und was ist mit den Master-Studienplätzen? In meinem Studiengang sind ca. 1500 Studentinnen immatrikuliert; Master-Studienplätze gibt es bis jetzt 70. Wo ist da die Chancengleichheit? Wo sind die 550? die (fast) alle meiner Kommillitoninnen zahlen müssen?

Was wird mit den Gebühren gemacht? Die PCs an der Uni sind veraltet, der Putz bröckelt von den Wänden und die Heizung in der Turnhallte funktioniert seit mindestens 4 Semestern nicht mehr. Es gibt zu wenig Lehrkräfte und meine Dozenten müssen sich auch noch die Frage gefallen lassen, ob ihre Vorlesungen und Studiengänge 'wirtschaftlich' sind - wenn dies nicht der Fall ist werden Studienplätze gestrichen. Immerhin finanzieren sich Hochschulen zu einem großen Teil durch Zuschüsse/Spenden von Unternehmen.

Ich sitze bei 90% der Vorlesungen auf dem Boden - in Räumen die für 70 Personen ausgelegt sind sitzen regelmäßig 150-200 Studentinnen. Die Regelstudienzeit wurde von 9 auf 7 Semester gekürzt, bei unserem Studiengang werden aber immer noch (fast) die gleichen Inhalte im (fast) gleichem Umfang vermittelt. Reicht die Zeit und das Personal nicht für Vorlesungen werden eben Wochenend-Blockseminare eingerichtet, an denen wir Stoff von einem Semester an 2 Wochenenden eingeprügelt bekommen.

Ich sehe keinerlei Verbesserungen am Studium.

Das was ich sehe? Unternehmensbezogene, wirtschaftsbezogene Hochschulen, gestresste/überforderte Studentinnen und 370.000 Abiturientinnen die sich eben Aufgrund dieser Bedingungen lieber für eine Ausbildung entscheiden.

Traurig, wenn man bedenkt wie wichtig Bildung angeblich in diesem Land ist.
Popobawa (17.11.2009, 21:14 Uhr)
Achja zum Thema 0 Selbständigkeit
Auch vor den Bacherlor waren die Stundenpläne gegeben besonders für die Fächer wo entweder 2000 Studenten Immatrikuliert sind oder für die 40 Stundenwochen Fächer, besonders die mit Praktika, denkt ihr man kann sie so legen wie es einen grad passt? Da erkennt man schnell wer wo was Studiert hat...
raptor-xl (17.11.2009, 21:09 Uhr)
ists denn wirklich so schlimm???
in den 80ern saßen wir auch auf den treppen des hörsaals, weils so voll war. den abschluss damals erachte ich als schwerer als heute. der bachelor ist ja ne light version, den master schffen nicht viele.
ja, die zeit ist gedrängt, aber dennoch...
ich frage mich, ob die studenten da alle hingehören. das abi wird heute ja fast verschenkt (damals ca. 24% abitur, heute in berlin weit über 65% - trotz migrantenanteil und furchtbaren rechtschreibschwächen). sind vielelicht einige überfordert, weil man dort nun nicht "durchgetragen" wird???

förderung der bildung fängt nicht an der uni an. sondern in der grundschule! oder gar im kindergarten... jetzt den unis zu helfen und der rest bleibt, wäre völlig falsch. das niveau der abschlüsse sinkt, die studiendauer stieg (was nun krampfhaft mit dem bachelor verhindert werden soll) und die wirtschaft meckert über die vorstellungen der 14semestervollprofis.
s.t.e.f.a.n (17.11.2009, 21:05 Uhr)
In your face, Bachelor!
Die Politiker müssen endlich kapieren, dass der Bachelor deutlich schlechter ist, als es das Diplom je war und vorallem handeln!

Warum?

1) Mehr Inhalt in deutlich weniger Zeit! (In anspruchsvollen Studiengängen bleibt da keine Zeit mehr für Hobbys/Forschen/Arbeit)

2) In der Wirtschaft nicht akzeptiert!

3) Noten auf alles, teilweise sinnloses Auswendiglernen für Klausuren, die als Lückenfüller für die 180 Credits zählen!

4) Kaum Fächerwahl möglich! Meistens feste Stundenpläne wie in der Schule!
Selbstständigkeit = 0!

5) Auslandssemester im Bachelor nur schwer möglich. Studenten, die einen Bachelor machen können/gehen deutlich seltener ins Ausland als z.B Studenten, die auf Diplom studieren. Dazu gibt es auch deutlich signifikante Statistiken.
Die meisten, die ins Ausland gehen, gehen im 5ten Semester und nur bis Januar, um dann noch die Klausuren in D mitschreiben zu können. "Scheinauslandssemester"

usw.

PS: Studiengebühren in geregelter Höhe (max. 500?/Semester, Zuschüsse für Geringverdiener) finde ich okay, solange das Geld sinnvoll eingesetzt wird. Leider wird meistens nur ein Teil der Studiengebühren sinnvoll eingesetzt und somit kann ich den Protest verstehen.
RDUKE7777777 (17.11.2009, 19:35 Uhr)
Was tut der Staat?
Der Staat hat jetzt zwei Möglichkeiten den Studenten entgegenzukommen

- mit Knüppeln

- mit Lösungen die untragbaren Zustände an den "normalen", nicht-"exzellenz"-Unis zu beenden.

Leider kenne ich die Antwort jetzt schon.

Ein Studium muss kein Spaziergang sein, das ist klar. Was aber zur Zeit von Studenten gefordert wird ist einfach nicht mehr hinzunehmen. Nur um der Wirtschaft noch früher noch standardisierter zur Verfügung zu stehen wurde ein Wettbewerb entfacht, der sowahl Freude an der Bildung, als auch die Möglichkeit sein Studium nach seinen Interessen und Fähigkeiten zu gestalten kaputt gemacht hat.

Hinzu kommen die unsäglichen Studiengebühren in fast ganz Deutschland die GANZ OFFENSICHTLICH nur einem Zweck dienen: Die Einkommensschwachen Schichten von den Universitäten fernzuhalten

Und das im Land der Dichter und Denker. Es ist wirklich eine Schande, was die Lobbyisten mit Hilfe der Politker aus diesem Land gemacht haben.

Holt Euch die Unis zurück, Studenten. Es geht um EURE Zukunft!!
Prologo (17.11.2009, 18:38 Uhr)
Wenigstens unsere Studenten gehen auf die Straße!
Endlich wehren sie sich. Dank, danke, danke.

Es muss aufhören, dass unsere Talente aus sozialschwachen Familien vergeudet werden, weil sie kein Geld haben, die Studiengebühren zu bezahlen.

Dieses Zweilklassensystem muss sofort beendet werden. Es kann doch nicht sein, dass die dämlichen Kinder aus gut situierten Familien den Talentierten aber sozialschwachen die Studienplätze weg nehmen, nur wei sie das Geld dazu haben!!

Das Ergebnis sehen wir ja schon, wir haben zuviel depperte Akademiker.

MfG,
Tobi
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