Ein Problem bei Guttenberg ist, dass man nie genau weiß, was er wirklich denkt, was wirklich seine tiefsten Überzeugungen sind, für die er steht. Er behauptet zwar, solche zu haben, und wenn er dann eine solche Überzeugung äußert, mag sie auch ganz plausibel klingen – trotzdem wird man beim Lesen des Interviews das Gefühl nicht los, dass man doch nicht so recht weiß, was er wirklich denkt, ob das, was er von sich gibt, authentisch ist. Sein wahres, sein authentisches Selbst ist einfach nicht zu fassen. Machtpolitiker ändern zwar auch ihre Meinung, wenn es ihnen für den eigenen Machterhalt dienlich erscheint. Aber bei Machtpolitikern kann man sich zumindest darauf verlassen, dass ihre absolute Ausrichtung auf den eigenen Machterhalt und ihre Überzeugung, dass dies etwas Gutes nicht nur für sie selbst, sondern auch für die Gesellschaft sei, zu ihren festen Grundüberzeugungen gehört. Selbst das ist bei Guttenberg nicht der Fall. Er hat sogar zur Macht ein spielerisches Verhältnis. Noch wichtiger als die Macht ist ihm seine charismatische Ausstrahlung. Obwohl er während des gesamten Interviews seine Arroganz zu zügeln weiß, bricht beim Thema Charisma seine ganze Verachtung für die politische Klasse, seine eigenen Parteifreunde eingeschlossen, aus ihm heraus. Mit spöttischer Herablassung formuliert er genüsslich, es gebe "jedenfalls keine Inflation der Charismatiker", womit er wohl im Klartext sagen will, dass er sich für den einzigen Charismatiker weit und breit hält.
Guttenberg hat viele Talente. Er ist – auch nach eigener Einschätzung – ein Generalist. Er kann ebenso in einem Bierzelt die Menschen mit einer Rede von den Bänken reißen, als auch in einem Think-Tank als geistreicher Denker brillieren. Er kann Verteidigungsminister genauso gut wie er Talk-Master in einer Fernsehshow sein könnte. Politikerpersönlichkeiten wie Kohl, Schmidt, Schröder, Fischer sind wortgewaltige Redner und anregende Gäste in einer Talkshow, aber sie wären keine Talk-Master. Guttenberg schon. Er verfügt über ein Charisma, dass das Publikum mitreißt und begeistert. Er hat feine Antennen dafür entwickelt, was sein Publikum von ihm erwartet. Er ist in der Lage, sich jeweils sensibel auf das ganz spezifische Publikum einzustellen. Eben diese Fähigkeit macht ihn so beliebt. Zugleich macht sie ihn abhängig von dem ständig wechselnden Publikum. Allzu leicht kann offenkundig werden, wie gering seine eigene Substanz wirklich ist. Er kann letztlich weniger führen, als dass er vom Publikum geführt wird.
Guttenberg bezeichnet sich selbst als "gezeichnet", ja sogar ein wenig "traumatisiert" von den Ereignissen der letzten zwei Jahre. Wobei er dann gleich wieder die Angst äußert, dies könne ihm als Relativierung der viel schlimmeren Traumatisierung, der die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan ausgesetzt sind, angekreidet werden. Guttenberg spricht sehr distanziert über sich selbst, sogar dann noch, wenn es scheinbar ans Eingemachte geht. "Traumatisiert" ist eine Diagnose und "gezeichnet" ist eine pathetische Phrase. Was Guttenberg nicht kann und in dem ganzen Interview an keiner einzigen Stelle tut, ist das Zulassen von Gefühlen. Jeder Mensch muss im Laufe seines Lebens die Erfahrung des Scheiterns machen. Und dann fühlt man tiefe Verzweiflung, entsetzliche Scham, bodenlose Niedergeschlagenheit, auch ohnmächtige Wut auf andere und auf sich selbst. Aber nichts davon taucht in dem Interview auf. Es ist geradezu so, als ob Guttenberg alles daran setzen würde, diese Gefühle zu vermeiden und nicht empfinden zu müssen.
Guttenberg hat all die Kritiken über ihn, auch die hämischen und verletzenden, sehr wohl zur Kenntnis genommen. Er hat sie soweit verarbeitet, dass er sie zitieren und sogar vorwegnehmend selbst formulieren kann. Dies stellt in gewisser Weise eine Ich-Leistung dar. Aber sein Umgang mit diesen Kränkungen ist doch eher ein technischer, ein strategischer. Guttenberg ist immer auf der Hut, will erneuten Angriffen und Kränkungen ausweichen, indem er sie schon vorher einkalkuliert und ihnen pariert. Aber er hat die Anwürfe gegen ihn, die Kritik, die ihm um die Ohren geflogen ist, nicht wirklich auf einer emotionalen Ebene an sich herangelassen. Er hat sie nicht auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft und sich auf den schmerzlichen Trauerprozess eingelassen, dass ein Teil dieser Kritik zutreffend ist. Wie es seinem Charakter und seiner Konfliktverarbeitungs-Strategie entspricht, prescht er jetzt wieder nach vorne, stellt sich wieder ins Rampenlicht, testet ein mögliches Comeback, probiert aus, präsentiert sich in verschiedenen Posen – sei es als teils reuiger, teils selbstbewusster Sünder, sei es als Charismatiker der Zukunft.
Guttenberg wäre ein intensiver Prozess der Trauerarbeit und der Selbstreflexion – vielleicht mit Hilfe eines Psychoanalytikers – zu wünschen, in dem er von seinen Grandiositätsphantasien Abschied nehmen könnte. Er würde dabei erfahren, wie das Zulassen und Durcharbeiten von Gefühlen der Verzweiflung, der Beschämung, der Ohnmacht zu einem tieferen Verständnis seiner selbst führen kann – aber auch zu einem veränderten Verhältnis zur Politik.