Warum Olaf Glaeseker gehen musste

23. Dezember 2011, 11:44 Uhr

Der Sprecher des Bundespräsidenten, Olaf Glaeseker, musste offenkundig gehen, weil auch er sich gern einladen ließ. Das ergaben stern-Recherchen. Von Hans-Martin Tillack

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Bundespräsident Christian Wulff (CDU) hat sich in seiner Kreditaffäre entschuldigt und gleichzeitig seinen Sprecher Olaf Glaeseker fristlos vom Dienst entbinden lassen. Das war als Befreiungsschlag gemeint, wirft aber vor allem neue Fragen auf. Denn Glaeseker ist nach Informationen des stern über allzu enge Beziehungen mit dem bekannten Eventmanager Manfred Schmidt gestolpert.

Das Präsidialamt reagierte mit dem Rauswurf des Sprechers offensichtlich auf einen detaillierten Fragenkatalog des stern vom Donnerstagmorgen. Die insgesamt 16 Fragen bezogen sich unter anderem auf wiederholte kostenlose Urlaubsaufenthalte, die Glaeseker in Anwesen des als Partykönig und Promi-Netzwerker geltenden Schmidt verbracht haben soll.

Die Vorwürfe sind für den Bundespräsidenten hoch brisant, weil er selbst persönlich ebenfalls enge Beziehungen zu dem Geschäftsmann unterhält. Zeugen hatten zuvor dem stern gesagt, dass Glaeseker zum Beispiel Ende Oktober 2008 zusammen mit seiner Frau – einer früheren niedersächsischen CDU-Sprecherin - sowie Wulffs damals bereits von ihm geschiedener Gattin Christiane mehrere Tage Gratisurlaub in Schmidts luxuriöser Finca Can Pere Crous in Arbúcies gut 80 Kilometer nördlich von Barcelona in Nordspanien genossen hatte. Die Finca liegt idyllisch in einem Naturpark – ihre Website preist die "paradiesische Landschaft" - und ist mit Sauna und Pool ausgestattet. Laut Preisliste kostet ein Wochenende in dem Anwesen 900 Euro, eine Woche zwischen 1600 und 2400 Euro, jeweils plus Mehrwertsteuer.

Der Urlaub bei Schmidt

Die Glaesekers sollen daneben auch in einer Luxuswohnung von Schmidt in Barcelona sowie in Ferienwohnungen des Unternehmers in Banyuls-sur-Mer in Südfrankreich geurlaubt haben. Bis er mit Wulff im Juli 2010 ins Präsidialamt wechselte, war Glaeseker in Hannover Wulffs Sprecher und Staatssekretär in der Staatskanzlei von Niedersachsen. Er war damit auch dort an das für Staatsbedienstete geltende Verbot gebunden, keine Geschenke anzunehmen, die einen Amtsbezug haben. Das unterscheidet ihn von Wulffs Ex-Frau, die als Privatperson jedes Recht hatte, Einladungen anzunehmen.

Glaeseker dagegen war in der Staatskanzlei in Hannover auch dienstlich mit Veranstaltungen von Manfred Schmidt befasst, insbesondere dem so genannten Nord-Süd-Dialog. Zuletzt am 11. Dezember 2009 wurden mit dem Event die guten Beziehungen zwischen den CDU-regierten Bundesländern Niedersachsen und Baden-Württemberg gefeiert. Um die 950 Gäste kamen in ein eigens dafür umgewidmetes Terminal des Flughafens Hannover. "Das war ausschließlich die Zuständigkeit von Olaf Glaeseker", sagte der heutige niedersächsische Regierungssprecher Franz Rainer Enste dem stern auf Fragen zu dem Nord-Süd-Dialog. Der damalige Ministerpräsident Christian Wulff war sowohl Teilnehmer wie Schirmherr der Veranstaltung. Er dankte in einer Rede im Dezember 2009 auch dem Veranstalter. Schmidt gelte, so Wulff damals wörtlich, als "sozusagen das Gesicht für guten Gastgeber in Deutschland".

Über die offizielle Website der Staatskanzlei lief damals überdies eine dreistündige Live-Fernsehübertragung des Events, die das Regionalprogramm von Sat1 produziert hatte. Unter den Sponsoren des Nord-Süd-Dialogs waren der damals noch von ihrem Gründer Carsten Maschmeyer mitgeführte Finanzvertrieb AWD, die Fluggesellschaft Air Berlin sowie VW und Porsche. Regelmäßiger Höhepunkt der Nord-Süd-Dialoge, die von 2007 bis 2009 stattfanden, war ein von AWD gesponsertes Tischfußballturnier, an dem Wulff, dessen Frau und Maschmeyer teilnahmen. Seit 2010 - unter dem neuen Ministerpräsidenten David McAllister (CDU) - fand der Nord-Süd-Dialog nicht mehr statt. "Diese Vermischung von Politik, Wirtschaft und Sport wollen wir nicht", sagt McAllisters Sprecher Enste heute.

Abstand zum "Zwilling"

Der damalige Chef der niedersächsischen Staatskanzlei, Lothar Hagebölling, hatte noch am 14. April 2010 in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage des SPD-Landtagsabgeordneten Heiner Bartling betont, dass es sich bei der VIP-Party "um eine Privatveranstaltung" handele. Hagebölling, der heute unter Wulff Chef des Bundespräsidialamtes ist, lobte gleichzeitig das Veranstaltungskonzept von Schmidt. Es lägen "eindrucksvolle, ausnahmslos positive Presseberichte vor".

Für Wulff war es daher jetzt offenkundig wichtig, rasch Abstand zwischen sich und seinem bisherigen Sprecher zu schaffen. In der Vergangenheit soll er über sich und Glaeseker schon mal gesagt haben: "Wir sind wie siamesische Zwillinge." Wulffs Anwalt Gernot Lehr erklärte auf Anfrage des stern, der Politiker habe "keine Kenntnisse" von kostenlosen Urlaubsaufenthalten von Glaeseker und Wulffs ehemaliger Ehegattin gehabt. Er habe auch "keine Erinnerung", in seiner Zeit als Ministerpräsident selbst Geschenke von Manfred Schmidt erhalten zu haben. Wulff sei sich außerdem sicher, dass er seit seinem Amtsantritt als Präsident keine Präsente von dem Unternehmer erhalten habe.

Manfred Schmidt hatte am 30. Juni 2010 auch eine Siegesfeier für den CDU-Politiker ausgerichtet, zu der der an diesem Tag frisch gewählte Bundespräsident spät in der Nacht noch stieß. Nach einem Bericht des "Spiegel" war dort auch der Unternehmer und Wulff-Freund Egon Geerkens dabei, dessen Frau 2008 Wulffs neues Haus mit einem zinsgünstigen Privatkredit finanziert hatte. Die exklusive Feier fand offensichtlich in der so genannten "Residenz" statt - einer luxuriösen Party-Location von Schmidt am Pariser Platz in Berlin. Schmidts "Residenz" wirbt unter anderem mit der Anfahrtsmöglichkeit "über die Tiefgarage mit paparazzisicherer Zugangsschleuse".

Wulff war immer wieder Gast bei Schmids Events

In den vergangenen Jahren war der heutige Präsident Wulff selbst immer wieder Gast bei den exklusiven Prominententreffen des Eventmanagers, dessen Geschäftsmodell davon lebt, dass sich Berühmtheiten wie Wulff bei ihnen einfinden und diese damit aufwerten. So gab Schmidt am Abend der Bundestagswahl am 27. September 2009 einen Empfang in "Hugos Restaurant" im 14. Stock des Berliner Interconti-Hotels. Auch dort wurde Wulff gesehen, daneben aber auch Spitzenpolitiker anderer Parteien, darunter Peer Steinbrück (SPD) und Cem Özdemir (Grüne).

Schmidt und Glaeseker selbst äußerten sich bisher nicht zu Anfragen des stern. Nach Aussagen einer Mitarbeiterin von Schmidt befindet sich der Unternehmer nach einer Augenoperation noch im Krankenhaus. Der als kamerascheu geltende frühere Sozialarbeiter führt seine Geschäfte heute unter anderem über die Manfred Schmidt Media GmbH im steuergünstigen Schweizer Kanton Zug, hält sich aber persönlich selbst häufig auf seinen Anwesen in Nordspanien und Südfrankreich auf – Anwesen, die offenbar auch Wulffs bisheriger Sprecher Glaeseker zu schätzen lernte.

 
 
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