17. Juni 2011, 19:06 Uhr

Blockade light

Vor Wochen demonstrierten noch die Massen, doch jetzt steckt die Anti-AKW-Bewegung im Dilemma: Deutschland macht Schluss mit Atomkraft. Wozu also noch protestieren? Ein Besuch in Brokdorf. Von Manuela Pfohl, Brokdorf

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Nicht nur die verschobene Revision bringt die Blockierer von Brokdorf in die Bredouille©

Ey, machste mit beim Zirkus?" Der Spanier mit lachsrotem Strubbelbart lässt seinen ganzen Charme spielen, doch irgendwie hat keiner im Camp Lust auf Manege. Kein Wunder. Eben noch hat es aus den dicken schwarzen Wolken über Brokdorf geschüttet, als würde gleich die Welt untergehen und hier auf der Wiese vorm Dorf, wo die AKW-Gegner ihre Zelte aufgeschlagen haben, gibt es auch noch eine Menge zu tun. Samstagfrüh sollen nach einer Demo die zweitägigen Blockaden des schleswig-holsteinischen AKW beginnen.

"Ein Akt des zivilen Ungehorsams gegen den Weiterbetrieb dieses und aller anderen Meiler und ein Symbol des Widerstands gegen die Atompolitik der Bundesregierung". So steht es im Positionspapier des Bündnisses "x-tausendmal quer", das seit Monaten für die Energiewende mobil macht - und für die Blockade. Wenn alles läuft wie geplant, würden tausende Aktivisten die beiden Tore des Kraftwerks blockieren, dafür sorgen, dass die Revisionsarbeiten im AKW behindert werden - und dem Energieversorger Eon, der als Betreiber auf einen reibungslosen Arbeitsablauf angewiesen ist, damit ein echtes Problem bescheren.

Doch noch kann Eon entspannt sein. Der Polizeiwagen, der langsam am Camp vorbeifährt, kann melden, dass die Zahl der Aktivisten überschaubar ist. "Mehr als 100 werden es nicht sein", schätzt Luise Neumann-Cosel, eine der Sprecherin von "x-tausendmal quer". Zwischen den Zelten ist massig Platz, unter den Füßen quietscht der aufgeweichte Boden, Nieselregen kriecht durch die Klamotten und die gelbe "Atomkraft-Nein Danke"- Fahne hängt schlaff am Mast. Nichts erinnert an die traditionell rappelvollen Camps im Wendland. Viel an leichte Depression.

Wozu blockieren?

Tatsächlich hat die Anti-AKW-Bewegung gerade ein paar Schwierigkeiten. Nicht nur, dass die Zahl der potenziellen Blockierer sich dadurch reduzierte, dass Eon die für Pfingsten angesetzten Revisionsarbeiten kurzfristig um eine Woche verschob, und eines der beiden großen Bündnisse, Block Brokdorf, nicht die organisatorische Kraft hatte, eine Woche später aktiv zu werden. "Außerdem merken wir natürlich auch, dass einige Aktivisten sagen, 'Leute wozu sollen wir denn noch blockieren, der Ausstieg aus der Atomkraft ist doch schon beschlossen'", erzählt Luise Neumann-Cosel.

Ein Argument, das für die Atomkraftgegner im Camp Brokdorf nicht sticht. Denn, so Neumann-Cosel, elf weitere Jahre Laufzeit für AKW seien elf Jahre zuviel. Und: "Wer sagt uns denn, dass es wirklich bei dem jetzt avisierten Ausstieg bleibt und nicht in ein paar Jahren, wenn die Leute Fukushima vergessen haben, alles wieder rückgängig gemacht wird?"

Bei dutzenden Veranstaltungen bundesweit haben die Aktivisten darüber in den vergangenen Wochen diskutiert. Die Demos, zu denen immer wieder Zehntausende kamen, schienen ein Zeichen zu sein für die Stärke der Anti-AKW-Bewegung. Und nun? Liegt das Camp da und kaum einer kommt. Immerhin erhalten die Blockierer moralische Unterstützung von mehreren Organisationen. So erklärt beispielsweise Thorben Becker, Energiereferent des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): "Ein Konsens unter den politischen Parteien ist noch längst kein gesellschaftlicher Konsens. Der BUND kämpft für einen möglichst schnellen Atomausstieg und beteiligt sich deshalb aktiv an der Blockade."

Auch Hendrik Paulitz, Atomexperte der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) meint: "Die Opposition muss jetzt darauf bestehen, dass die endgültige Stilllegung aller Atomkraftwerke durch eine Grundgesetzänderung abgesichert wird. Nur dadurch kann das erklärte Ansinnen von Bundesumweltminister Norbert Röttgen vereitelt werden, künftigen Regierungen die Option der erneuten Laufzeitverlängerung zu ermöglichen."

Jutta Sundermann Mitglied des Koordinierungskreises von Attac, geht die Sache sogar noch radikaler an: "Die Atomkonzerne müssen endlich entmachtet werden. Der entschädigungsfreie und sofortige Ausstieg ist ohne weiteres zu rechtfertigen. Energiewende muss auch heißen, dass kleine, dezentrale Strukturen Vorrang haben vor den Begehrlichkeiten der Energieriesen."

"Dann machen wir halt eine kleine Blockade"

Für die Blockierer im Camp heißt das zunächst einmal ganz praktisch: die Aktionen für morgen vorbereiten. Nach Feierabend könnten etliche Leute aus der Region eintrudeln. Auch in der Nacht und morgen früh werden noch Mitstreiter erwartet. "Und wenn nicht so viele kommen, dann machen wir halt eine kleine Blockade. Es muss ja auch nicht die letzte sein", sagt Luise Neumann-Cosel.

So oder so ist das Vorhaben eine logistische Herausforderung. Während die "Frischlinge" unter den künftigen Blockierern in einem der großen Zelte im Camp ein Aktionstraining absolvieren, bei dem sie lernen, wie man eine anständige Sitzblockade hinkriegt, muss der Sprecherrat sich eine möglichst geschickte Strategie für die Aktionen einfallen lassen; denn auch die Polizei ist inzwischen vor Ort und hat fast 2000 Leute zur Verfügung. Im Küchenzelt der AKW-Gegner wartet das Gemüse fürs Abendbrot darauf, geschnippelt zu werden. Zwei Aktivistinnen kümmern sich darum, die Schlafplätze für die Neuankömmlinge zu koordinieren, die mittlerweile tatsächlich in kleinen Gruppen und mit großen Zielen im Gepäck über den Feldweg ins Camp marschiert kommen. Ein paar Jungs haben ein Lagerfeuer entfacht. Das Wetter wird sichtlich besser - und die Stimmung auch. Mal sehen, was der morgige Tag bringt.

 
 
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