4. Januar 2013, 15:00 Uhr

Der falsche Feind

Das Simon-Wiesenthal-Center diffamiert den Verleger Jakob Augstein als Antisemiten; Henryk M. Broder gibt den Kronzeugen. Und was bleibt? Ein Beispiel dafür, wie man den wahren Antisemiten hilft. Ein Kommentar von Stefan Schmitz

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Zu Unrecht im Visier des Simon-Wiesenthal-Centers: Verleger Jakob Augstein©

Die absoluten Spitzenplätze auf der Antisemiten-Liste des Simon-Wiesenthal-Centers bleiben den wahren Feinden Israels vorbehalten. Ganz oben in den Top-Ten für 2012 stehen die ägyptischen Muslimbrüder, dicht gefolgt vom iranischen Regime. Das war erwartbar. Aber auf Platz neun findet sich ein Überraschungskandidat: Jakob Augstein, der Sohn des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein und Verleger der Wochenzeitschrift "Freitag".

Tatsächlich hat er Israels Regierung härter kritisiert als die meisten anderen deutschen Journalisten. Die israelische Atombombe findet er gefährlich, die ultraorthodoxen Juden vergleicht er mit islamischen Fundamentalisten, Israel sieht er als Profiteur von Ausschreitungen in arabischen Ländern, und den Gaza-Streifen nennt er ein Lager, in dem der jüdische Staat seine künftigen Feinde ausbrüte.

Was er geschrieben hat, ist alles andere als freundlich. Die Wortwahl ist tatsächlich fragwürdig. Man kann sich darüber ärgern und ihn dafür kritisieren. Aber Antisemitismus? Den kann man daraus wirklich nur mit viel bösem Willen lesen. Davon hat der Publizist Henryk M. Broder, Kronzeuge des amerikanischen Wiesenthal-Centers, reichlich. Spät am Abend des 17. Septembers 2012 schrieb er auf der Website "Die Achse des Guten", Augstein sei "ein lupenreiner Antisemit, eine antisemitische Dreckschleuder, ein Überzeugungstäter, der nur Dank der Gnade der späten Geburt um die Gelegenheit gekommen ist, im Reichssicherheitshauptamt Karriere zu machen." Das ist schwungvoll vorgetragener Unfug, auf den die US-Organisation mit dem Namen des berühmten Nazi-Jägers hereingefallen ist.

Platter Vorwurf, der nur ablenkt

Der platte Vorwurf gegen Augstein lenkt ab von den wahren Antisemiten in Deutschland. Nicht jeder, der mit Israels Regierung hart und gelegentlich überzogen ins Gericht geht, ist Antisemit. Unter den Kritikern von Premier Benjamin Netanjahu und seinen Partnern sind aus verständlichen Gründen auch Leute wie Jakob Augstein, die wirklich keine Gefahr darstellen. Wer sie mit der Antisemitismus-Keule angeht, versperrt den Blick auf die unerträglichen und weit verbreiteten Ressentiments gegen Juden, die es in Deutschland nach wie vor gibt. Neun Prozent der Bevölkerung bescheinigt eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung ein rechtsextremes Weltbild. Im Antisemitismusbericht, den der Bundestag in Auftrag gegeben hat, ist nachzulesen, dass jeder achte Deutsche den Juden eine Mitschuld an ihrer Verfolgung durch die Nationalsozialisten gibt. Es ist ein Segen, dass diese Gruppe bislang keinen öffentlichkeitswirksamen Exponenten gefunden hat.

Und wenn sie einen findet? Wie soll man ihn angemessen bekämpfen, solange Krawallmacher vom Schlage Broders selbst Demokraten wie Augstein als "kleinen Streicher" verunglimpfen - also als Miniaturausgabe des Nazi-Hetzers Julius Streicher, der den "Stürmer" herausgegeben hat. Wenn die Antisemitismus-Vorwürfe immer weiter inflationiert werden, sind sie irgendwann nicht mehr zu gebrauchen. Genau das hat Jakob Augstein seinen Kritikern entgegen gehalten. Und er hat recht damit.

Deshalb sollten die Freunde Israels sich ihre Gegner sorgfältiger aussuchen. Der Deutschen Presse-Agentur sagte Rabbi Abraham Cooper vom Wiesenthal-Center: "Nur weil er ein Journalist ist, geben wir Herrn Augstein keinen Freibrief, zu sagen, was er will." Seine Aussagen seien falsch.

Das mag sogar in dem einen oder anderen Punkt stimmen. Nur geht es darum nicht. Er darf sagen, was er will. Nur hetzen darf er nicht. Das hat er auch nicht getan. Für alles andere hat er einen Freibrief. Dieser Freibrief ist das Grundgesetz.

 
 
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