"Was tut ihr unseren Kindern an?"

9. Dezember 2007, 10:17 Uhr

Von der Grundschule bis zur Uni - das deutsche Bildungssystem verändert sich rasant. Die Richtung stimmt - aber zu viele Schüler bleiben auf der Strecke. Sie sind dem Druck und dem neuen Tempo nicht gewachsen. Viele Eltern sind verzweifelt. Experten fordern die Ganztagsschule für alle. Von Catrin Boldebuck

0 Bewertungen

Lukas Staab, 11, aus Karlsruhe wurde mit fünf eingeschult. Seine Mutter Christiane Staab sagt: "Ich würde mein Kind nicht noch mal früher zur Schule schicken"©

Die ganze Woche freut sich Imke auf den Donnerstag. "Dann habe ich in der Schule nur Nebenfächer, und am Nachmittag gehe ich zum Video- Clip-Dancing." Zusammen mit 15 anderen Mädchen übt Imke zu HipHop- Musik Drehungen und Schrittfolgen. Sie genießt diese eine Stunde in der Tanzschule - es ist ihre einzige echte Freizeit während der ganzen Woche. Imke ist zwölf Jahre alt. Täglich hat sie sieben Schulstunden. "In der letzten kann ich mich kaum noch konzentrieren", sagt sie. Um 14.20 Uhr ist die Schule aus, bis Imke zu Hause ankommt, ist es Viertel nach drei. Ihre Mutter wartet schon mit dem Essen auf sie. Dann muss sie Hausaufgaben machen: Vokabeln lernen, Mathe- Aufgaben lösen, Referate vorbereiten. 35 Schulstunden pro Woche, dazu täglich ein bis zwei Stunden Hausaufgaben, Mittwoch und Samstag geht Imke noch zur Französischnachhilfe, so kommt sie auf eine 48-Stunden-Woche. Ein normaler Arbeitnehmer in Deutschland ist nach 40 Stunden fertig. Imkes Vater, Arno Rapp, ist der Meinung: "Für Kinder in der Pubertät ist das eindeutig zu viel."

Hunderttausenden Kindern in Deutschland geht es so. Tag für Tag wird ihnen zu viel zugemutet. Sie sollen in kürzerer Zeit mehr lernen als die Generationen vor ihnen. Der Erziehungswissenschaftler Klaus- Jürgen Tillmann sagt: "Nach Pisa wollte sich kein Kultusminister sagen lassen, er fordere nicht mehr Leistung, deshalb wurde der Stoff in den Schulen standardisiert und beschleunigt. Viele Kinder werden dadurch überfordert."

Das dreizehnte Schuljahr wird gestrichen, der Lehrstoff bleibt gleich

Unter den Bundesländern ist ein Wettstreit ausgebrochen: Wer zieht am schnellsten Bildungsreformen durch? Berlin hat die Schulpflicht für Kinder ab fünfeinhalb eingeführt, Nordrhein-Westfalen und Bayern schulen schrittweise früher ein. Die meisten alten Länder lockern die Stichtagsregelung. Fast jedes zehnte Kind geht bereits mit fünf in die Grundschule. Alle Bundesländer, von Bayern bis Schleswig-Holstein, streichen das dreizehnte Schuljahr, verkürzen also die Zeit am Gymnasium von neun auf acht Jahre. Schulexperten sprechen deshalb von der "G8-Reform".

Imke Rapp, 12, geht in die siebte Klasse am Gymnasium in Köln-Porz. Schulstunden, Hausaufgaben und Nachhilfe summieren sich auf 48 Stunden pro Woche©

Die Zeit wird gestrichen, aber der Stoff bleibt derselbe, die Lehrpläne wurden nicht entrümpelt. Laut Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) muss ein Schüler bis zum Abitur 265 Jahreswochenstunden haben. Die Kultusministerien verteilen das gestrichene Jahr auf die Unter- und Mittelstufe, auf die Klassen fünf bis zehn. Der Stoff wird verdichtet, immer mehr Stunden werden in die Stundenpläne der Kinder hineingepresst. Daher sitzt Imke aus Köln länger in der Schule als ihr großer Bruder Malte, der für sein Abitur noch neun Jahre Zeit hat. Malte ist 18 und hat in der zwölften Klasse 31 Schulstunden pro Woche, Imke in der siebten 35.

Diese Beschleunigung dient einem Ziel: Mit hohem Tempo sollen die Schüler fit gemacht werden für den Arbeitsmarkt, auf dem qualifizierte Kräfte dringend gebraucht werden. Da zählt jedes Jahr. Deshalb sollen sie früher und schneller lernen. Mehr als bisher sollen Abitur machen und anschließend ihr Studium zügiger durchziehen. Der Druck wächst.

Reformchaos: gut gemeint - schlecht gemacht

Für manche Schüler geht der Stress viel zu früh los. Als Lukas fünf Jahre alt war, hatte er keine Lust mehr, im Kindergarten Mandalas zu malen, er beobachtete lieber Urzeitkrebse und Frösche, löcherte seine Eltern mit Fragen. Die beschlossen: „Wir schicken Lukas in die Schule.“ Schließlich sagen renommierte Hirnforscher, dass man gar nicht früh genug damit anfangen kann, Kindern Wissen zu vermitteln. Inzwischen ist Lukas elf Jahre alt, und seine Eltern bereuen ihre Entscheidung. Lukas lernte zwar schnell lesen und schreiben, aber er vergaß regelmäßig seine Hefte, trödelte bei den Hausaufgaben, konnte nicht so gut Fußball spielen wie die Jungen aus seiner Klasse. "Die anderen waren weiter als ich, das war ein blödes Gefühl", sagt Lukas. Er wiederholte die vierte Klasse.

Die Einschulung mit fünf ist ein typisches Beispiel dafür, wie in Deutschland Bildungsreformen hingepfuscht werden - gut gemeint, aber schlecht gemacht: Richtig ist, dass schon Vier- bis Fünfjährige lernen können und wollen. Falsch ist, sie einfach in den Unterricht für Sechs- bis Siebenjährige zu stecken. Der kleine Lukas war bereit für die Schule - aber die Schule nicht für ihn. Die Lehrer richten ihren Unterricht an ältere, reifere Kinder. Fünfjährige können sich aber noch nicht so lange konzentrieren, sie brauchen Nischen und Pausen wie im Kindergarten.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 49/2007

  zurück
1 2 3
 
 
MEHR ZUM THEMA
Legen Sie Ihr Geld richtig an! Legen Sie Ihr Geld richtig an! Der Ratgeber Geldanlage gibt Ihnen Tipps, wie Sie mehr aus ihrem Geld machen. Zu den Ratgebern
 
stern Investigativ
Anonymer Briefkasten: Haben Sie Informationen für uns? Anonymer Briefkasten Haben Sie Informationen für uns? Hier können Sie uns anonym Mitteilungen und Dateien zukommen lassen. Wir behandeln sie vertraulich.
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (18/2014)
Die vegane Versuchung